Es war gleichfalls sehr natürlich, daß das Parlament diesen excentrischen Antrag ablehnte, die Dringlichkeit desselben verneinte. Nun zog Berger den Antrag selbst zurück. Schon vorher hatte jedoch die „vereinigte Linke“ beschlossen, für diesen Fall von sich aus eine Deputation nach Wien zu senden, um die verfassungstreue Majorität des Reichstages und das Wiener Volk zu beglückwünschen. Noch in der Sitzung des Parlaments schrieb Blum auf einen Zettel: „Wenn wir überhaupt eine Deputation nach Wien senden wollen, müssen wir jetzt Beschluß fassen und heute Abend wählen. Die Gewählten müssen morgen früh abreisen.“ Sämmtliche Abgeordnete der Linken setzten ihren Namen darunter, nur der Blum’s fehlte. Da trat Roßmäßler zu Blum und sagte: „Ich möchte mir dieses merkwürdige Document aufheben, Du fehlst darauf“. Lächelnd setzte Blum seinen Namen in die letzte freie Ecke. Er ahnte nicht, daß er sein Todesurtheil unterzeichnete. Ich habe das „merkwürdige Document“ oft bei Roßmäßler gesehen.
Am Abend war die Wahl der Deputation. Bald waren die Clubs des „Donnersbergs“ und des „Deutschen Hofes“ einig über die Entsendung von Julius Fröbel, Moritz Hartmann, Albert Trampusch. Aber sollte man Robert Blum in Frankfurt entbehren können? Stimmengleichheit ergab sich für ihn und Karl Vogt. Da zog Blum den Freund hinaus und beschwor ihn, bei der Stichwahl zurückzutreten, damit Blum aus der dumpfen Frankfurter Atmosphäre hinauskomme, um Zeit zu fruchtbarer Sammlung und Erholung zu gewinnen, die der ganzen Partei zu Gute kommen werde. Vogt trat zurück und Blum wurde gewählt.[235]
In der Nacht des folgenden Tages kam er in Leipzig an. Noch einmal schlief er — die letzte Nacht — im eigenen Hause, noch einmal — zum letzten Mal — herzte er die Kinder, umarmte er die Gattin — dann ging es am Frühmorgen des 14. October über Breslau nach Wien in einem wahren Triumphzuge. Am 17. erreichte er mit den Genossen Wien.
Von den Behörden, dem Volke wurden die vier Abgeordneten feierlich empfangen. Sie nahmen Wohnung in „Stadt London“.
Die Ereignisse hatten für Wien seit dem 11. October, ja selbst seit Blum’s Abreise von Frankfurt eine ungeahnte Wendung genommen. Seit den blutigen Kämpfen des 6. October hatte der Oberbefehlshaber der Wiener Garnison, General Graf Auersperg, sämmtliche Truppen aus ihren Kasernen und aus der Stadt überhaupt herausgezogen und mit ihnen in der Vorstadt Wieden und im Schwarzenberg’schen Garten ein Lager bezogen. Am Morgen des 12. October hatte er auch diese Stellung geräumt und Wien sich selbst überlassen. Die Freude der Wiener über diesen unblutigen Sieg war indessen von kurzer Dauer. Denn alsbald erfuhr man, daß General Auersperg seine Truppen mit denen des Banus von Kroatien, Jelačić, vereinigt habe, der seit dem 8. October auf österreichischem Boden stand, seit dem 10. sein Hauptquartier bei Rothneusiedel aufgeschlagen hatte. Diesem Kroaten weiß Herr v. Helfert nachzurühmen: „Es gibt in der ganzen neueren Geschichte Oesterreichs keine liebenswürdig fesselndere Erscheinung, als die des ritterlichen Banus Jelačić von Kroatien“. Wer die seltene Anspruchslosigkeit des Herrn v. Helfert kennt, wenn es gilt, Männer für groß zu erklären, die er groß zu sehen wünscht, der wird diesem Urtheile vielleicht beipflichten. Andere, die einen anderen Maßstab für historische Größe haben, sind geneigt in dem „liebenswürdig-fesselnden“ und „ritterlichen“ Banus einige der hervorragendsten Charakterzüge Sir John Fallstaff’s wiederzufinden. Auch Jelačić betrachtete die Vorsicht als den besten Theil der Tapferkeit. Auch er war unter Umständen eine Memme aus Instinkt und renommirte wie ein Herkules. Auch er liebte den Sekt und betrachtete die Bezahlung von Schulden als „doppelte Arbeit“. Aber in der Hauptsache stand er weit zurück hinter dem fröhlichen altenglischen Zechbruder: kaum ein Abglanz moderner Kultur war in diese wilde Seele gefallen. Wüste Sinnenlust gehörte zu seinem täglichen Brode. Sein Kulturwerth ist erschöpft mit der Charge, in der ihn der Frühmorgen des Jahres 1848 traf: er war damals „Oberst im ersten Banal-Gränz-Regiment“.[236] Nun, im Herbst, da jeder ehrgeizige General des verlotterten Kaiserstaates mindestens ein kleiner Wallenstein zu sein glaubte, schickte sich auch der „ritterliche“ Banus an, „gegen den Willen und das ausgesprochene Verbot des irregeleiteten (!) Hofes“[237] seine „geschichtliche Bedeutung“ zu gewinnen und „ein Retter der Monarchie zu werden“. Er war von dem magyarischen General Moga gründlich geschlagen worden, und befand sich auf einer rathlosen Flucht, deren wahren Charakter auch Helfert nicht zu verdunkeln vermag, wenn er zugesteht, daß Jelačić bei der Kunde von der Wiener Revolution seine Generale zurückgelassen und nur mit etwa tausend Mann ohne Gepäck nach achtzehnstündigem Gewaltmarsch niederösterreichischen Boden gewonnen habe.[238] Es war eitle Renommage, wenn der Banus der Deputation aus Wien, die, mit einem Befehl des Ministers Kraus versehen, ihn zur Rückkehr auf den ihm vorgeschriebenen Wirkungskreis (Ungarn) zu veranlassen suchte, stolz erwiederte: „Als Soldat zeigt mir der Donner der Geschütze meine Marschroute“ — denn in Wien donnerte nichts dergleichen — und der Banus erlaubte sich eine große poetische Freiheit, wenn er hinzusetzte, „strategische Grundsätze“ hätten ihn über die ungarische Grenze hinausgeführt.[239] Diese „strategischen Grundsätze“ hatten nur die grundsätzliche Rettung seiner werthen Person zum Zwecke. Er half sich nur aus persönlicher peinlicher Verlegenheit, indem er sich als Retter der Monarchie aufspielte, und erst die Vereinigung der Truppen Auersperg’s mit ihm machte sein Erscheinen vor den Thoren Wiens zu einem bedrohlichen Ereigniß für die Stadt.
Doch mit ihm durfte die Stadt hoffen, rasch fertig zu werden, zumal Moga’s Heer kräftig auf den geschlagenen Gegner drückte. Nur ein einziges Wort der Wiener Behörden, namentlich des Reichstags, an die Ungarn wäre nöthig gewesen, um diese über die ungarische Grenze zum Entsatze der Stadt heranzuziehen. Aber dieses Wort wurde jetzt so wenig als später gesprochen. Das waren die ersten Scenen des heraufziehenden Verhängnisses, die Robert Blum in Wien mit erlebte. Am 17. schreibt er an seine Frau, Anfangs fast im Tone des Touristen:
„Unter dem ersten Eindrucke dieser ungeheuren Stadt kann ich Dir nur anzeigen, daß wir ohne, oder doch mit sehr geringer Gefahr hier angelangt sind. Wien ist prächtig, herrlich, die liebenswürdigste Stadt, die ich je gesehen; dabei revolutionär in Fleisch und Blut. Die Leute treiben die Revolution gemüthlich, aber gründlich. (?) Die Vertheidigungsanstalten sind furchtbar, die Kampfbegier grenzenlos, Alles wetteifert an Aufopferung, Anstrengung und Heldenmuth. Wenn Wien nicht siegt, so bleibt nach der Stimmung nur ein Schutt- und Leichenhaufen übrig. Morgen erfolgt wahrscheinlich die Schlacht, d. h. nicht in Wien, sondern außerhalb derselben zwischen Ungarn und Croaten; sie wird durch etwa 10,000 Wiener unterstützt werden und wir werden sie mitmachen, denn wir sind heut Ehrenmitglieder der academischen Legion und sofort bewaffnet worden. Wir müssen also mit unsern Kameraden, es wäre eine Schande, es nicht zu thun. Wir werden hier überall mit Jubel empfangen, soweit dies die ernste Stimmung zuläßt. Der Reichstag, der Gemeinderath, das Obercommando, die Aula — Alles nahm uns wahrhaft begeistert, als Boten der Theilnahme Deutschlands auf. Alles ist hier bewaffnet, Alles drängt sich der Erste zu sein, welcher dem Feinde entgegengeht.“ Doch wenige Zeilen später heißt es: „Nur Eins fehlt: wahrhaft revolutionärer Muth in den Behörden; man zerrt sich dort gar zu sehr mit Halbheiten herum, und lawirt immer, um auf dem gesetzlichen Boden zu bleiben. Energie dort im ersten Augenblicke, und die Sache wäre schon entschieden. Hoffentlich bekommt man unter dem Kanonendonner auch dieses Fehlende noch ... Wann ich zurückkomme, kann ich allerdings jetzt nicht bestimmen, aber jedenfalls reise ich diese Woche noch ab, denn eine Entscheidung erfolgt in den nächsten Tagen.“
Dieser Brief ist so widerspruchsvoll, wie die Eindrücke, die am ersten Tage seines Wiener Aufenthaltes auf Blum einstürmten. Doch ist der bezaubernde Eindruck, eine große Revolution in Waffen unmittelbar mitzuerleben, entschieden vorherrschend; auch noch am folgenden Tage. Auch am 18. Oct. glaubt Blum noch, die Entscheidungsschlacht stehe unmittelbar bevor. Auch da ist er mit den Freunden entschlossen, sie mitzukämpfen. In dieser Stimmung setzt er seinen Namen unter die phrasenhafte Straßenproclamation des Dichters Moritz Hartmann, in der die Frankfurter Deputation den Wienern „den Bruderkuß von vielen Tausenden“ überbrachte und ihnen versprach, „wenn das Schicksal will, die Gefahren mit ihnen zu theilen, mit der Wiener Bevölkerung zu stehen und zu fallen“.