Aber schon am „19. October Morgens“ schreibt Blum der Gattin[240] lakonisch: „In aller Eile, liebe Jenny, die Nachricht, daß ich wahrscheinlich Sonntags (22. Oct.) mit dem ersten Zuge von Dresden komme, doch kann es auch Montag werden, aber wahrscheinlich Sonntag. Die Sachen gehen hier wieder langsamer, ja sind gewissermaßen umgeschlagen. Gruß und Kuß Bl.“ „Dieser Entschluß stand“ also nicht, wie Anton Springer meint, „im Widerspruch mit dem tapferen Wunsche, für Wiens Freiheit zu sterben“, sondern er war, wie auch Springer zugibt, „begreiflich“, eine nothwendige Folge des „Umschlags“ der Dinge in Wien. Die Deputirten hatten sich eben in der Zwischenzeit überzeugt, daß die Behörden der Stadt den Ungarn nicht die Hand reichen würden, daß man dem Banus mit papiernen Redensarten und Gesetzesworten zu Leibe rücken wolle, statt mit denselben Waffen, die er gegen die Stadt trug, daß man also einen innerösterreichischen Rechtsstreit auszufechten gedenke, statt einer geschichtlichen Feldschlacht, und damit hielten sie ihre Sendung für erledigt. Der Behauptung Helfert’s (S. 129) „Blum hat in Wien vom ersten Tage an bös gewirkt; er war die ganze Zeit in einer Aufregung; er bethörte auf der Universität die jungen Leute, deren Uniform er trug und in deren Kreisen er, der gereifte Mann, die leidenschaftlichsten Reden führte“, steht dieser Brief vom 19. schlagend entgegen. Es steht ihr ferner entgegen das völlige Schweigen der damaligen Wiener Presse über „bethörende“ (man würde damals gesagt haben gesinnungstüchtige) Reden Blum’s in der Aula in den Tagen vom 17. bis 19. October. Auch führt Helfert, außer dem wenig zuverlässigen Urtheil des typischen Angstmichels jener Tage, Schuselka’s, über Blum’s angeblich permanente Aufregung, gar keinen Gewährsmann für diese Behauptung an. Für die alberne Phrase, Blum habe gesagt, er werde „nicht eher ruhen, bis noch zweihundert wie Latour gefallen wären“,[241] hat Herr v. Helfert nur einen und obendrein sehr traurigen Gewährsmann, „einen Studiosus juris, Franz Köcher“, einen Menschen, der sich durch solche Lügen über einen Todten die Gunst der Sieger zu erkaufen suchte; denn er wagte sich erst am 21. Novbr. in der Wiener Zeitung (!) damit heraus, als in Wien nur diejenigen Zeitungen erscheinen durften, die sagten, was Windischgrätz wünschte und zuließ. Und von diesen Zeitungen wählte Köcher sich zu seinen Denunciationen, die er in einem „offenen Schreiben einrückte“, noch das offizielle Leiborgan des Fürsten![242]
Im Uebrigen bezeichnet Helfert allerdings einen der Gründe richtig, die Blum zur Abreise entschlossen machten. „Er war mit dem unentschiedenen Vorgehen des Reichstags und seines Ausschusses höchst unzufrieden und sprach dies bei jedem Anlasse offen aus.“ Herr v. Helfert scheint über diese Unzufriedenheit Blum’s entrüstet zu sein. Wir müssen sie durchaus begreiflich finden. Es giebt kaum etwas Kläglicheres, als die unentschlossene und schwankende Haltung der Wiener Behörden jener Tage. Wenn sie von ihrem Recht überzeugt waren — und das waren sie — so hatten sie den rechtlosen Einbruch des Kroaten mit den Waffen Moga’s und ihren eigenen Streitkräften abzuweisen. Statt dessen erschöpfte sich Alles, was sich in Wien Behörde nannte, in den windigsten Phrasen, deren ungeheure Lächerlichkeit sonderbarerweise damals von Niemandem empfunden wurde.
Der Gemeinderath war am 7. October neu gewählt worden. Der Studentenausschuß, der bis dahin neben ihm die Stadt regiert hatte, löste sich auf, nachdem er sein Dasein mit jenem Antrag an den Reichsrath gekrönt hatte, die Armee solle in eine Volkswehr verwandelt und den Soldaten das Recht zur Desertion verliehen werden. Diese Eingabe begann mit den wundervollen Worten: „In jedem Augenblicke der Säumniß spült die nagende Woge der Ereignisse einen Grundstein der gesetzlichen Ordnung hinweg; wehe uns, wenn das ganze Gebäude erschüttert zusammenbricht und Scilla und Charibdis (!) seine Trümmer verschlingt.“ Der Gemeinderath seinerseits hatte seine Thätigkeit damit begonnen, den obdachlosen Deserteuren, den eidbrüchigen Grenadieren Geldprämien und den Wittwen und Waisen der „gefallenen Freiheitskämpfer“ Pensionen auszuzahlen. Wenige Tage später befahl er eine allgemeine Bewaffnung und nahm das Proletariat unter dem Namen der Mobilgarde in seinen Sold. Er verbot aber ausdrücklich jeden Angriff auf das Militair, überließ diesen Theil der Verantwortung, wie überhaupt jede Verantwortung für die Ereignisse dem Reichstag. Der Reichstag seinerseits wies die Sorge und die Vertretung für alle Vertheidigungsmaßregeln vertrauensvoll ausschließlich dem Gemeinderath zu und hütete sich mit peinlicher Aengstlichkeit vor jedem Schritt, der ihm als eine Ueberschreitung seiner parlamentarischen Befugnisse hätte ausgelegt werden können. Einzig und allein der Minister Kraus zeigte sich als ganzer Mann. Er bewies zugleich durch sein Verhalten, wie streng legitim er die Wiener Behörden und ihr Wirken betrachte. Er erhöhte den Sold der mobilen Nationalgarde aus Staatsmitteln und hob einstweilen die Verzehrungssteuer auf Lebensmittel auf, um die Einfuhr größerer Proviantvorräthe nach Wien zu ermuntern. Er hatte, wie schon erwähnt, am 12. Oct., im Einverständnisse mit dem Reichstagsausschusse den von den demokratischen Vereinen vorgeschlagenen provisorischen Obercommandanten der Stadt, Wenzel Messenhauser, in dieser Würde bestätigt. Er hatte endlich dem ohnmächtigen Protest der übrigen Behörden beim Banus den förmlichen Befehl der von ihm selbst verwalteten kaiserlichen Regierung hinzugefügt, sofort den österreichischen Boden zu verlassen.[243]
Am wenigsten war der Mann seiner Aufgabe gewachsen, der bei kühner Entschlossenheit und einiger Anlage zum Feldherrn alle Fehler der Behörden leicht überwunden und mit Hülfe der Ungarn der bedrängten Stadt sicherlich den Sieg verschafft hätte: der Obercommandant Wenzel Cäsar Messenhauser.[244]
Seine Wahl zum Obercommandanten dankte er vornehmlich seiner grenzenlosen Gutmüthigkeit und Naivetät, welche den eigentlichen Führern der demokratischen Vereine versprach, daß er ein willenloses Werkzeug ihrer Oberleitung sein werde, und dann dem Aberglauben, daß ein k. k. Offizier a. D. etwas von militairischer Führung oder gar von Feldherrnschaft verstehen müsse. Außerdem brachte Messenhauser die unleugbare Ehrbarkeit seines Wesens, unendlichen Enthusiasmus, die größte Selbstlosigkeit, den redlichsten Willen und das unausrottbare Bedürfniß mit, die verhaßte Kürze der „corporalsmäßigen Tagesbefehle“ durch gewaltige Proclamationen in dem blühenden Bombast seines noch ungezähmten Deutsch zu ersetzen. Die Ausarbeitung dieser Stilübungen nahm den Obercommandanten während der größten Zeit des Tages in Anspruch. Er ist darin unglaublich fruchtbar gewesen. Sein Generalstabschef Fenneberg meint, es seien damals in Wien an Proclamationen mehr Rieß Papier verdruckt, als Kanonenkugeln abgefeuert worden, obwohl letztere sich in die Tausende beliefen. Von seinem Amte hatte Messenhauser (13. October) mit der ersten dieser Proclamationen Besitz ergriffen, welche lautete: „In diesen Stunden, wo jeder Tag ein Blatt der Weltgeschichte füllt, versenken wir trübe Erinnerungen auf ewig in den Strom des Vergessens und wollen theure Errungenschaften durch begeisterte Hingebung und kalte Besonnenheit gegen mächtige Gefahren behaupten.“ Jede Gelegenheit hatte inzwischen der neue Obercommandant zu gleich geschmackvollen Aeußerungen ergriffen. Den General Auersperg belehrte er über die Natur der Bewegung vom 6. October, „welche sonnenklar eine Volkssache sei,“ und theilte ihm mit, daß „er, Messenhauser, in seinem diplomatischen Verkehre die Richtschnur angenommen, offen vor dem ganzen Volke zu verhandeln“. Er offenbarte der Nationalgarde, daß „auf den Fittigen der Minuten im Felde Erfolg und Sieg ruhe“ und daß er, „der Mensch, das Individuum, der Bürger Messenhauser gar keine Ansicht habe, sondern nur die Ueberzeugungen der tagenden Völker vollstreckte“. An den Banus richtete er „Noten in dem düsteren Charakter eines Ultimatums,“ und schließlich schwang er sich in einem Tagesbefehle zu der selbstmörderischen Erkenntniß auf: „Mit Redensarten schlägt man keinen Gegner.“ Es ist traurig, wenn in so ernsten Tagen die komischen Personen die Hauptrolle spielen. Zum Soldaten und Commandanten fehlte Messenhauser Alles: Ruhe, Kenntnisse, Umsicht, Energie, Begabung. Nicht einmal „die Verhältnisse der Oertlichkeit“ waren ihm bekannt (Helfert und Auerbach). Während der wichtigsten Entscheidungsstunden des Kampfes wies er alle Meldungen ab, um eine politische Kannegießerei ungestört fortzuführen. Seine größte Schuld aber bestand darin, daß er von heldenmüthiger Vertheidigung und von künftigen Siegen sprach, während er von Anfang an die Sache Wiens für eine hoffnungslose gehalten haben will[245], und daß er „wo möglich einen andern Ausweg, als den gewaltsamen Zusammenstoßes“ auch dann noch anstrebte, als die Entscheidung längst auf die Schneide der Waffen gestellt war. Seine Pflicht wäre gewesen, von Anfang an zu capituliren oder zu resigniren. Zu Beidem fehlte ihm die Kraft, ja er war es hauptsächlich, der durch seine zweideutigen Botschaften vom Stephansthurm beim Herannahen der Ungarn an die Schwechat den Wiederausbruch der Feindseligkeiten verschuldete, als die Capitulation schon abgeschlossen war.
Diese traurige Beschaffenheit der Behörden, in deren Hand Gut und Leben Hunderttausender ruhte, und deren Schwäche Blum schon am ersten Tage durchschaute, wurde aber besonders verhängnißvoll durch die Zudringlichkeit illegitimer Gewalten, die von Anfang an, ehrgeizig und unzufrieden, sich zur Herrschaft, mindestens zur schonungslosen Kritik über die Herrschenden, herandrängten. Schon am 19. October waren Blum und seine Genossen Zeugen, wie Chaizes in der Sitzung des demokratischen Centralvereins über den Reichstag schimpfte und ihm rundweg das Vertrauen des Volkes kündigte, und Zeugen der schimpflichen Ausweisung des Prof. Wuttke aus Leipzig. Schon da „erkannten sie die ganze Hilflosigkeit der angeblichen Volksführer“.[246] Trotz der ungeheuren Dürftigkeit der Prozeßacten des Kriegsgerichts wider Blum — seine Acten sind die kürzesten, die das „permanente Standrecht“ überhaupt geführt hat — findet man doch auch aus dem Verhörsprotokoll bestätigt, daß und warum Blum am 19. October zu seiner Abreise von Wien sich fest entschlossen hatte: „Wir fanden die Verhältnisse anders als wir geglaubt hatten.“ Wie herrlich hatte die Wiener Revolution aus der Ferne ausgesehen — wie kläglich und verworren erschien sie Blum in der Nähe!
Am 20. October früh erhob Blum seinen Paß bei dem Sächs. Gesandten von Könneritz. Er hatte gehofft, auch Fröbel werde dort einen Paß erhalten. Aber da das Reich Schwarzburg-Rudolstadt nicht durch Sachsen in Wien vertreten war, und Fröbel der diplomatischen Vertretung Schwarzburgs nicht traute, so erwies sich diese Hoffnung als trügerisch und Blum mußte warten, bis die Genossen einen Paß „auf drei Tage“ von Messenhausers Generalstabschef Fenneberg erhielten. Diese Zögerung wurde für ihn verhängnißvoll. Denn als sie nun die Stadt verlassen wollten, stellte man ihnen vor, daß Wien bereits von allen Seiten durch Militär umschlossen sei, und die Passirscheine Fennebergs ihre Inhaber und deren Begleiter (Blum) ebenso wie die Abgeordneten-Legitimationen, welche sie bei sich führten, den kaiserlichen Offizieren eher zur Gefangennehmung und Mißhandlung als zum Durchlaß empfehlen dürften. Ja man spiegelte den Abgeordneten geradezu vor, österreichische Abgeordnete seien bereits angehalten worden.[247] Leider glaubten die Frankfurter Deputirten diesen Angaben, die sicherlich falsch waren — mindestens hatte der Cernirungsring der Kaiserlichen damals noch erhebliche Lücken und kein österreichischer Abgeordneter ist vor dem 24. October angehalten worden. Diese Vorspiegelungen wurden gemacht, weil die Führer der Wiener Bewegung ungern „das moralische Gewicht“ entbehrten, „welches das Erscheinen und Verweilen dieser vier deutschen Männer in Wien für die leicht erregbare Menge hatte, der man jetzt vorsagen konnte, halb Deutschland stehe hinter ihnen.[248]“ Daß Blum nur höchst ungern blieb, und auch am 20. nur auf Abreise sann, nicht mehr an Betheiligung an der verworrenen Bewegung, daß er nicht blieb aus revolutionärem Instinct und Behagen, wie Helfert insinuirt, das erhellt zunächst daraus, daß er vom 20. bis 26. Oct. sich von jedem persönlichen Antheil am Kampfe und Waffendienst fern hielt, und am 20., wie wir sehen werden, eine Stelle nur in demjenigen Corps annahm, welches die Ruhe und Ordnung der Stadt wahren sollte. Dasselbe erhellt aber auch aus einem Briefe Blums an seine Frau vom 20. October Nachmittags, den Helfert kannte.[249] Er lautet:
„Meine liebe Jenny! Ob Du diese Zeilen erhältst, weiß ich nicht; da aber mein Weg gut ist, versuche ich’s wenigstens. Du erwartest mich Sonntag oder Montag, und ich bin indessen hier fest eingeschlossen, so daß Niemand mehr heraus kann. Gestern ist dies vollendet worden und heute sieht man eifriger und sehnsüchtiger als je der Entscheidungsschlacht entgegen. Wir sind also völlig in die Hand des Kriegsglückes gegeben, und ob wir herauskommen, wann wir fortkommen, wohin wir den Weg nehmen — davon haben wir in diesem Augenblicke noch keinen Begriff. Ob über Kärnten nach Triest, oder über Salzburg nach Baiern, läßt sich nichts, nichts bestimmen. Sei indessen unbesorgt, wir werden schon irgendwo durchkommen, und geht’s nicht, nun so kosten die nächsten Tage so edle Opfer, daß es sich wohl lohnt, unter ihnen zu sein. Sobald die Entscheidung gefallen und dann irgend ein Weg offen ist, gehen wir. Wiens Begeisterung und Kampfesmuth ist unermeßlich, und man lebt jede Stunde ein ansehnliches Stück Menschenleben, wenn man diese Züge geistiger Größe sieht. Man achtet das Leben nicht im geringsten, geht auf den Vorposten hin und her und wechselt Kugeln, wie man sich mit Brotküchelchen wirft nach heiterm Mahle ... In Wien entscheidet sich das Schicksal Deutschlands.... Siegt die Revolution hier, dann beginnt sie von neuem ihren Kreislauf; erliegt sie, dann ist, wenigstens für eine zeitlang, Kirchhofsruhe in Deutschland ... Sei so unbesorgt als möglich, ich bin in sehr heiterer Stimmung und werde es bleiben bei jeder Wandlung, denn die Sache ist groß. Hoffentlich sehen wir uns wieder und bald. Die Kinder brauch’ ich Dir nicht zu empfehlen, sie sind ja Dein. Grüße und küsse sie recht herzlich“ u. s. w.