Zu gleicher Zeit erschien am 24. October im „Radikalen“ von Becher und Jellineck unter der Ueberschrift „Belagerungszustand und Standrecht“ ein Artikel aus Blum’s Feder, mit seinem Namen unterzeichnet, in welchem er, allerdings in höhnischer und verletzender Form, aber durchaus richtig und treffend das rechtswidrige Auftreten des Fürsten Windischgrätz und die Verdrehungen seiner Proclamation geißelte. In ruhigen Tagen würde Blum in dieser Form nicht geschrieben haben. Aber es waren eben keine ruhigen Tage. Und die „Denkschrift“, welche der sonst so zaghafte Gemeinderath Wien’s am 24. an den Fürsten zu senden beschloß, stimmt großentheils wörtlich, überall im Gedankengang überein mit Blum’s Artikel.[265] Wie Blum, wies der Gemeinderath nach, „daß von Anarchie in Wien keine Spur, die Aufregung nur durch die feindlichen Truppenbewegungen hervorgerufen sei, daß nicht eine kleine Fraction in Wien herrsche, die Stadt vielmehr einig sei in dem Bestreben, Freiheit und Ordnung zu erhalten.“ Die Denkschrift ging sogar weit hinaus über das, was Blum zu sagen wagte. „Die Anwendung von Gewalt“, erklärte der Gemeinderath, „könnte leicht der Beginn von Kämpfen werden, die in der Folge nicht mehr den Parteien, sondern dem Throne Verderben zu bringen im Stande wären!“ Und doch ist kein Mitglied des Gemeinderathes aus diesem Grunde zur Verantwortung gezogen worden. Auch in Blum’s kurzen Proceßacten ist sein Artikel im „Radikalen“ vom 24. October gar nicht erwähnt. Vielleicht deckt aber dennoch Herr v. Helfert geheime Karten der damaligen Vorsehung von Lundenburg-Hetzendorf auf, wenn er sagt[266]: „Wenn Blum lachte, da er seinen aberwitzigen (?) Artikel zu Papier brachte, und wenn Becher und Jellineck vor boshafter Freude grinsten, als sie den Artikel in die Druckerei ihres Blattes sandten, so hatten die drei wohl keine Ahnung, daß es ihr eigenes Todesurtheil war, das sie sich geschrieben hatten.“ Vermuthlich will Herr v. Helfert an dieser Stelle nur seine Befähigung als fürstlich windischgrätzischer Haushistoriker nachweisen?

Inzwischen hatte Fürst Windischgrätz selbst erkannt, daß er mit seiner Proclamation vom 20. einen kühnen Mißgriff gethan habe. Auf die Beschlüsse und Vorstellungen des Reichstags und einzelner Deputationen erließ er daher am 23. October eine neue Proclamation vom Hauptquartier Hetzendorf aus, die ihn zwar nicht, wie Herr v. Helfert von Adalbert Stifter sagt, als „Beherrscher einer wundervollen Prosa“ erkennen ließ, aber doch als einen General, der das Blut seiner Leute auch um den Preis einiger Nachgiebigkeit noch schonen wollte. Er stellte von selbst weit glimpflichere Bedingungen als am 20. „Im Verlaufe des Belagerungzustandes habe ich befunden“, versicherte der Fürst in seinem eigenthümlichen Deutsch, „folgende fernere Bedingungen zu stellen“: Auflösung aller bewaffneten Corps, „Sperrung“ der Aula; Auslieferung der academischen Legion, und von zwölf Studenten als Geißeln, desgleichen „mehrerer, vom Fürsten noch zu bestimmenden Individuen“; Suspension aller Zeitungen, bis auf die Wiener Zeitung, die „auf die Wiedergabe amtlicher Nachrichten eingeschränkt bleibt.“ Binnen 48 Stunden gebot er Annahme der Bedingungen oder Eröffnung der Feindseligkeiten. Durch neue Deputationen ließ er sich schließlich zu einer theilweisen Milderung auch dieser Bedingungen bewegen. Er verlangte nun blos noch die Auslieferung folgender Personen: „des angeblichen polnischen Emissärs Bem, der sich unberufen in die Wiener Angelegenheiten mischt[267], Pulszky’s, eines demokratischen Schreiers Namens Schütte, und der Mörder Latour’s.“ Diese Liste ist bezeichnend für das ganze, auch Blum gegenüber später beobachtete Verhalten und die Sachkenntniß der diplomatischen Kanzlei des Fürsten. Die Grundlage für diese Zusammenstellung und für die Beurtheilung der Gefährlichkeit der Gegner bildeten eben nur Zeitungsgerüchte und dunkle Erinnerungen der fürstlichen Kanzleibeamten. Sonst hätten sie wissen müssen, daß mehrere der hier genannten Personen Wien längst verlassen hatten oder an den Octoberereignissen ganz unbetheiligt waren. Besonders wichtig erscheint aber auch, daß in dieser Proscriptionsliste der Name Blum’s nicht vorkommt. Sein Verhalten in Wien kann also den Augen des Fürsten nicht als das todeswürdige Verbrechen erschienen sein, wie Herrn v. Helfert.

Der Gemeinderath wagte gegen diese Bedingungen keine Einwendungen mehr. Auch Minister Kraus nicht, den der Fürst zum Erscheinen in Hetzendorf aufgefordert hatte, und der am 25. mit Brestel vom Gemeinderath vor den Gewaltigen trat. „Wissen Sie“, schrie Windischgrätz den Minister an, indem er ihn am Arme faßte, „daß ich Sie als Gefangenen erklären und nicht in die Stadt zurücklassen sollte!“ Darauf Kraus in seiner unerschütterlichen Ruhe: „Behalten Sie mich da! Einen größern Gefallen, wenn ich nur mein persönliches Interesse befragte, könnte man mir nicht erweisen. Oder meinen Euer Durchlaucht, ich sei zu meinem Vergnügen in Wien?“ Schlagfertigkeit war des Fürsten Sache nicht. Er schaute, statt eine Antwort zu geben, den unglücklichen Brestel an, den er offenbar auch wie den Geh. Rath Welcker für einen verkappten Demokraten hielt und sagte dann barsch zu Kraus: „Der Herr da ist Ihnen wahrscheinlich zur Controle beigegeben“?[268] So leutselig behandelte der menschenfreundliche Feldherr den Minister seines Kaisers. Herr v. Helfert selbst dient als classischer Zeuge für diese Verhandlung, „die in solchem Tone begonnen, keinen günstigen Erfolg haben konnte“. Die Herren stellten dem Fürsten vor, es werde wohl nicht möglich sein, die Führer des Proletariats ihm auszuliefern, so lange dasselbe unter Waffen stehe. Sie erinnerten ihn also an dieselbe „goldene Regel der Nürnberger“, deren Erwähnung in Blum’s Artikel im „Radikalen“ Herr v. Helfert als todeswürdiges Verbrechen betrachtet. Sie ermunterten den Fürsten, unverweilt in die schlecht vertheidigte Stadt zu ziehen, und die gewünschten Geißeln sammt den Rädelsführern, nach Entwaffnung der Mobilgarde, selbst zu greifen. Das wies Windischgrätz aber weit von sich. „Der Mann hatte von dem Werthe auch des niedrigsten Soldaten übertriebene Vorstellungen. Schonung der Truppen erschien ihm als die höchste Feldherrnpflicht, nicht weil er sich als Vater derselben fühlte — solche gemüthliche Beziehungen blieben ihm fremd —, sondern weil er es nicht verantworten zu können glaubte, im Interesse bloßer Bürger die Soldaten zu opfern. Er wollte sie nicht der Noth und den Gefahren eines Straßenkampfes preisgeben. Dafür gab er Wien den Gefahren eines Bombardements preis“.[269]

Es kann nicht die Aufgabe sein, an dieser Stelle die Geschichte der nun beginnenden ernstlichen Kämpfe um die österreichische Hauptstadt zu schreiben, obwohl dem Verfasser hierfür Material zu Gebote stand, das selbst Helfert entbehrt zu haben scheint.[270] Diese Darstellung würde über den Rahmen dieser Arbeit weit hinausgehen. Zudem ist die Aufgabe wenig lockend, bei dem grellen Abstand der Kraft und Leistungsfähigkeit der kämpfenden Gegner. Im Ganzen sind die Ziffern richtig, die Blum am 20. seiner Frau meldete: 100,000 Bewaffnete in der Stadt, 72,000 draußen. „Aber freilich auf jener Seite geübte Soldaten, hier Bürger“, hatte auch er schon hinzugefügt. Und nun noch die unvergleichlichen Gegensätze der Bewaffnung, der Führung, des Kriegsmaterials, des Kriegsplans und -Ziels auf den beiden Seiten! Der energischste Führer der Wiener, General Bem, der „die Vertheidigung nach außen im Großen zu dirigiren“ hatte und Jedem, welcher der sofortigen Ausführung seiner Befehle Zögerung oder gar Widerstand entgegensetzte, in seinem gebrochenen Deutsch das verständliche Wort: „Enken!“ entgegendonnerte, war eben doch nicht Obercommandant, fühlte sich bei jedem Schritte gehemmt, und ohne die Mithülfe der Ungarn verzweifelte auch er am Siege. Der Obercommandant dagegen eröffnete die Feindseligkeiten abermals mit einer Proclamation. Am 25. schrieb er in Folge der Kundmachung des Fürsten vom 23.: „Nie hat ein übermüthiger Brennus sich in so schauerlicher Hoffart als Feind des ganzen Menschengeschlechts erklärt. Mitbürger! laßt Euch durch die vermeintliche Stärke des Feindes nicht in Bangen versetzen: in den Mauern unserer Hauptstadt ersteht auf das erste Alarmzeichen ein Heer doppelt so stark als das seine. Ich blicke heiteren Auges auf die Entscheidung der nächsten Tage. Wir werden siegen, unser Belagerungszustand[271] wird ein kurzer sein.“ In demselben Sinne schrieb Blum am 23. an die Gattin. So wenig übersah er die wirklichen Machtverhältnisse.

Die Truppen des Fürsten hatten inzwischen die Stadt überall eng umschlossen, die Zufuhr von Lebensmitteln gründlich abgeschnitten. Empfindlicher Mangel begann sich bald fühlbar zu machen. Die Vertheidiger sahen sich schon auf die Bollwerke der Barrikaden in den Vorstädten zurückgedrängt. Wenige der natürlichen Vertheidigungslinien, wie die Brigittenau und den Prater hielten sie noch besetzt, als am 26. Morgens der umfassende allgemeine Angriff begann. Bei der geringen Ausdauer der ungeschulten Vertheidigungstruppen und der wachsenden Gährung unter den meisterlosen Elementen der großen Stadt, hatte der k. k. Major a. D. Ernst Haug mit Recht schon am 24. zur Bildung eines „Elite-Corps“ aufgefordert[272], zum Schutze der Ruhe und Ordnung der Stadt. Blum hatte bisher unmuthig sich zur Unthätigkeit verurtheilt gesehen. Als dieser Aufruf erschien, der ihm die willkommene Gelegenheit bot, sich der gastlichen Stadt nützlich zu erweisen, ohne doch kämpfend in die verworrenen Verhältnisse einzugreifen, beeilte er sich mit Fröbel, unter Haug’s Commando im Corps d’élite eine Volontairstelle anzunehmen. Auch Moritz Hartmann ließ sich einreihen[273] — und dennoch wurde ihm später nicht ein Haar gekrümmt! Das Corps bestand aus Nationalgarden, Mitgliedern der academischen Legion und Arbeitern. Die Mannschaften wählten die beiden Deputirten zu Hauptleuten, Blum zum Hauptmann der ersten, Fröbel der zweiten Compagnie. In dieser Eigenschaft traten sie ihren Dienst an. Bei Blum meldete sich alsbald ein achtzehnjähriger schmächtiger Student der Mathematik aus Breslau als Freiwilliger, der hierher geeilt war, um eine leibhaftige Revolution mitzumachen. Er hieß Eduard Lasker[274]. Blum glaubte, ihm wenig active Betheiligung am Kampfe versprechen zu können. Aber schon am nämlichen Tage (26. Oct) verfügte Messenhauser vertragswidrig über das Corps d’élite. Er ließ Blum’s Compagnie in die Gefechtslinie an der Sophienbrücke einrücken. Blum hätte sich mit Grund weigern können, dem Befehle Gehorsam zu leisten. Aber diejenigen, die in solcher Weise über ihn verfügten, hatten ihn richtig beurtheilt, wenn sie annahmen, daß er sich lieber dem Vorwurf aussetzen werde, in der Noth der Verhältnisse seine neutrale Stellung als Fremder verkannt zu haben, als dem Verdachte der Feigheit. Seine Betheiligung am Kampfe als Compagnieführer konnte der Sache Wiens in den entscheidenden Stunden von großem moralischem Nutzen sein, konnte die feige Kampfscheu jener verweichlichten Großstädter mindern, die man schon seit vielen Tagen aus ihren Häusern und Verstecken „herauskitzeln“ mußte, um sie an die Barrikaden zu bringen. Das waren jedenfalls die bestimmenden Gesichtspunkte für Blum, als er ebenso wie Fröbel sich dahin entschied, dem Befehle Messenhausers Folge zu leisten, und mit seiner Compagnie in die Feuerlinie einzurücken. So sehr wir es menschlich erklärlich finden, daß Blum sich nicht unthätig verhalten wollte in Tagen, wo sich seiner Ansicht nach „das Schicksal Deutschlands entschied“, und daß er seine Compagnie nicht verließ, als sie in’s Feuer commandirt wurde, und so sicher diese seine Betheiligung am offenen Kampfe, wie wir unten sehen werden, durch die Capitulation mit Windischgrätz vom 30. October als verziehen zu gelten hatte — so bleibt sie doch, in Anbetracht seiner Stellung in Wien als Fremder und Abgeordneter, ein schwerer politischer Fehler. Hier verläßt ihn jene größte Seite seines Charakters, die olympische Ruhe inmitten des Aufruhrs aller Elemente, die kühle, objective Abwägung der wirklichen Dinge.

Höchst muthig hat sich Blum im Kampfe gehalten. Wir haben dafür eine Reihe bekannter Aeußerungen. Zunächst seiner Feinde. Selbst Herr v. Helfert kann das nicht in Abrede stellen[275]. Auch der schwarzgelbe Lyser nicht, welcher schreibt: „Von den Redacteuren, mit Scham und Aerger muß ich es sagen, besaß nicht einer so viel Ambition als Robert Blum traurigen Andenkens.“[276] Während nun aber Lyser Blum’s Tapferkeit, da sie für eine so schlechte Sache vergeudet wurde, als „wahren Muth“ nicht gelten lassen will, sind die gleichzeitigen Blätter voll von Lob über Blum’s Kaltblütigkeit und Todesmuth im feindlichen Feuer. Aber auch noch Jahrzehnte später urtheilten die Augenzeugen nicht anders, erinnerten sie sich seiner tapferen Haltung im Gefecht. So Eduard Lasker. So ein Offizier des Elite-Corps, der einen ganz Deutschland theuren Namen trägt, der Bruder eines auch in diesen Blättern oftgenannten Abgeordneten der Paulskirche; ohne daß ich nur von seinem Leben Kenntniß hatte, bestätigte er mir brieflich aus freien Stücken noch im September 1878 Blum’s Tapferkeit. Eine Kanonenkugel riß aus einer Barrikade einen Sandstein weg, auf den Blum eben seinen Arm gestützt hatte und schleuderte ihn weit hinweg auf das Pflaster. „Wenn der nicht so schwer wäre,“ sagte darauf Blum zu dem eben genannten Hauptmann, „so könnte man ihn nach Hause schaffen und ein Andenken daraus machen lassen.“ Als die Leute Blum’s im heißen Feuer Zeichen der Unruhe gaben, rief er: „Kinder, die Kugeln, die Ihr pfeifen hört, thun Euch nichts.“ Und diese Ruhe bewies er in einer Lage, die den erprobtesten Krieger hätte außer sich bringen können: „Robert Blum stand den Kroaten gegenüber,“ berichtete Fröbel am 18. November dem Parlament[277]. „Er hatte fünf Kanonen, aber den strengsten Befehl in der Tasche, sie nicht zu gebrauchen.“ An seine Frau schrieb Blum am 30. October[278]: „Ich habe am Samstag (28. October) noch einen sehr heißen Tag erlebt, eine Streifkugel hat mich unmittelbar am Herzen getroffen, aber nur den Rock verletzt.“ Das ehrenvollste Denkmal hat der Commandant des Elite-Corps selbst Blum’s Kampfesmuth gesetzt, freilich in einem so grauenhaften Deutsch, daß es Messenhauser selbst geschrieben haben könnte. Leipziger Blätter nämlich veröffentlichten am Tage der Todtenfeier Blum’s folgendes Schreiben von „Ernst Haug, Major und Chef des Generalstabs der Wiener Nationalgarde“ aus Leipzig vom 27. November 1848:

„Von den Freiheitskämpfern Wiens, welche ein höher waltendes Schicksal dem Blutbeile des Würgers von Hetzendorf entführt hat, weilen mehrere in dem gastlichen Leipzig. Sie alle erkennen die heilige Pflicht, dem Todtenopfer beiwohnen zu müssen, welches heute dem Märtyrer Robert Blum von dem pietosen Sinne der Bewohner dieser Stadt veranstaltet ist. Indem ich im Namen meiner Verbannungsgenossen die Ehre habe diese Mittheilung zu machen, sehe ich mich besonders berufen, die heldenmüthige Vertheidigung der Rosomowski’schen Brücke während 36 Stunden, vom Hauptmann R. Blum commandirt, als eine glänzende Kriegsthat zu erklären, welche nur einem Verbande (!) von Muth und Kaltblüthigkeit wie ihn der edle Gefallene bewies, gelingen konnte. Ich lege diesen Nachruf als eine Immortelle auf den Sarkophag meines tapferen Kameraden R. Blum. Genehmigen Sie &c.“

Es ist daher gewiß unrichtig, wenn Springer[279] schreibt: „Sobald die Frankfurter Deputirten merkten, daß das Corps d’élite zum Barrikadenkampf verwendet werde, gaben sie ihre Entlassung ein.“ Beide, auch Fröbel, hatten zwei volle Tage im heißesten Feuer gestanden, ehe sie aus den Reihen der Kämpfer für immer austraten.

Diese Thatsachen sind nicht blos wichtig für die Charakteristik Blum’s, insofern sie beweisen, daß er die Versicherung: Gut und Blut für seine Ueberzeugung einzusetzen, nicht blos im Munde führte; noch wichtiger sind sie für zwei in der Folge noch zu berührende Fragen. Die Feinde Blum’s werfen ihm nämlich vor, er sei nicht gestorben als Held, sondern fassungslos; selbst von „zitternden Knieen“ wird geredet. Wir werden diese niedrige Verdächtigung noch näher prüfen. Aber schon jetzt leuchtet ein, wie wenig eine solche Behauptung Glauben verdient, da derselbe Mann, der vor drei Flintenläufen gezittert haben soll, hunderten von Feuerschlünden kaltblütig zwei Tage sich aussetzte! Das Andere betrifft die verlogene Ausrede der k. k. Tendenzschriftsteller: Fröbel sei begnadigt worden, weil er, im Gegensatz zu Blum, am bewaffneten Widerstand nicht Theil genommen habe. Fröbel hat in seiner Rede vor dem Frankfurter Parlament ausdrücklich bekannt, mitgekämpft zu haben. Er sagt[280]: „Wir kamen an die äußersten Punkte der Stadt, wo Barrikaden gebaut waren, an die gefährlichsten Orte, die überhaupt möglich waren.“ Er spricht von „einer einige Tage andauernden militairischen Laufbahn“ und fügt hinzu: „An der Barrikade, wo ich stand, hatte man meinen Leuten Patronen ohne Kugeln ausgetheilt. Ich selbst habe Kanonenpatronen abgeliefert, die mit Sägspänen gefüllt waren.“ Niemand, am wenigsten ein Militair, wird bestreiten können, daß diese Betheiligung Fröbels an den Ereignissen vom 26.-28. October als eine Betheiligung am Kampfe anzusehen ist, selbst wenn seine Mannschaft nicht einen Schuß abgegeben hätte. Denn auch die Reserve wirkt mit zur Schlacht. Und Fröbel stand an der Barrikade, an den „gefährlichsten Orten“. Aber er spricht noch deutlicher aus, daß er mitgekämpft hat: „Nach solchen Thatsachen,“ berichtet er, „können Sie wohl denken, daß wir von dem Kampfe abstehen wollten. Unsere Activität hatte am 26. begonnen; am 28. Abends beschlossen wir, unsere Demission einzureichen. Am 29. früh 6 Uhr ist dies von uns schriftlich geschehen, und die Demission ist von dem Commandirenden des Corps angenommen worden. Nachdem dieses vorüber war, haben wir an dem, was weiter geschah, keinen Antheil genommen.“ Wenn Fröbel für gut fand, vor dem Kriegsgericht auszusagen, daß er nicht am Kampfe Theil genommen habe[281], so stand dieser Behauptung schon der Eingang seiner Vernehmung entgegen, wo Fröbel zugestand, daß er nach seiner Verwendung in der Jägerzeile (27. October) den General Bem aufgefordert habe, ihm einen anderen Posten zu geben, da ihm diese Position unhaltbar schien.[282] Mit einem Worte: man wollte eben Fröbel begnadigen, Blum erschießen. Der sogenannte Prozeß gegen Beide ist die widerlichste Komödie, welche jemals unter der Maske der Justiz aufgeführt worden ist.

Schon am ersten Tag ihrer Betheiligung am Kampfe hatten die Abgeordneten übrigens erkannt, daß die Stadt nicht zu halten sei; sie glaubten Beide an Verrath. Aber auch ohne Verrath war den übermächtigen Angriffsmitteln der Truppen nicht zu widerstehen. Vom Frühmorgen des 26. October an erdröhnte unaufhörliches Kanonen- und Musketenfeuer von der Nußdorfer bis zur St. Marxerlinie. Beim Abbruch des Gefechts hielten die Angreifer die Brigittenau und den Prater besetzt, bestrichen vom Eisenbahndamm die Hauptbarrikade am Praterstern und hatten die Vertheidiger bis in die inneren Vorstädte zurückgeworfen. Die Truppen hätten wohl kaum ernstlichen Widerstand erfahren, wenn sie an diesem Abend durch die von Fröbel als unhaltbar bezeichnete Jägerzeile in die innere Stadt vorgedrungen wären. Aber das widersprach der fürstlichen Kriegskunst. Windischgrätz hatte am 26. blos „recognosciren“ wollen und weiteres Vordringen mußte einer förmlichen „Schlacht“ vorbehalten werden. Dazwischen mußte nach dem Kriegscomment des Fürsten eine 24stündige Waffenruhe liegen. Diese Pause benützte er, die Stadt noch einmal zur Unterwerfung aufzufordern. Als ob die bisherigen Kämpfe nur mit Worten geführt worden seien, verkündigte er: „daß ihm nichts übrig bleibe, als nunmehr die Gewalt der Waffen eintreten zu lassen; es habe von jetzt an niemand Schonung zu erwarten, der mit den Waffen in der Hand angetroffen werde“. Das Obercommando, das im Besitz dieser Proclamation war, ließ sie nicht veröffentlichen, sondern Messenhauser fuhr in der Fabrikation seiner eigenen stilvollen Proclamationen fort: „Wir können den abgerissenen Faden der Unterhandlungen nicht mehr aufnehmen,“ schrieb er am 26. Fürst Windischgrätz beharre bei seinen Bedingungen, „ohne das Gottesurtheil eines gerechten und heiligen Kampfes versucht zu haben. So möge denn das Verhängniß eines Bruderkampfes walten! Die Würfel sind gefallen, das heilige Recht wird siegen.“ So ging das auch am 27. mit ungeschwächten Kräften fort.