Nach diesen Ausführungen liegt es ganz außerhalb der Aufgabe einer Lebensgeschichte Robert Blum’s, die letzten Scenen der Wiener Erhebung vorzuführen. Es genügt, zu erwähnen, daß der frevelhafte Capitulationsbruch im Blute erstickt wurde. Sowie am Nachmittag des 31. in das Burgthor, hinter dem die Pöbelmassen als letzter Brustwehr sich verschanzten, Bresche geschossen war, löste sich Alles in wilder Flucht auf. Am Abend zog das ganze „kaiserliche“ Heer in das bezwungene Wien ein. Am 1. November wehte vom Stephansthurm eine riesige schwarzgelbe Fahne.

Am 2. November schrieb Windischgrätz vertraulich an den Minister Wessenberg: „Nach solchen treulosen Vorgängen kann Milde unmöglich Platz greifen. Der Belagerungszustand wird und muß mit aller Strenge durchgeführt werden und ich erwarte, daß meine darauf Bezug habenden Maßregeln in keiner Weise gestört werden. Auch jeder Wohldenkende muß sein Heil und seine fernere Ruhe davon erwarten.“ Da man in Olmütz hiernach erwarten mußte, daß der Fürst zunächst mit den Friedensbrechern abzurechnen gedenke, welche den letzten Kampf verschuldet hatten, erhob man keinen Einwand. Aber der Fürst faßte seine Aufgabe und Vollmacht ganz anders auf.

[19. Robert Blum’s Gefangennehmung, Proceß und Tod.]

Auch Fürst Windischgrätz führte sich als nunmehriger Gewalthaber der österreichischen Hauptstadt bei der Bevölkerung durch eine Proclamation ein. Sie war immer noch von Hetzendorf, den 1. November datirt und enthielt weit weniger angenehme Verheißungen in weit weniger schwungvoller Sprache, als die Proclamationen des verflossenen Stadtcommandanten Messenhauser. Windischgrätz erklärte nämlich: Der Umkreis, für welchen der Belagerungszustand bezw. das Standrecht in der Umgebung Wien’s gelten solle, werde auf zwei Meilen festgesetzt. Unter dem Vorsitz des Generals Cordon wurde eine „gemischte Centralcommission“ eingesetzt, „welche die oberste Leitung der durch den Belagerungszustand bedingten Geschäfte führen sollte.“ Im Uebrigen erklärte der Machthaber, daß er seine „Anordnungen“ ohne Rücksicht auf die am 30. zustandegekommene Uebereinkunft treffe. Allgemeine Entwaffnung wurde angeordnet.[296] Die Presse wurde unter die Censur der Militairbehörden gestellt. Was man auswärts unter dem Schein einer unabhängigen Meinung veröffentlichen wollte, sandte man an die bis in die sechziger Jahre von Oesterreich — abhängige „Augsb. Allg. Zeitung“[297] oder in die gelben Hefte der Familie Görres („histor. polit. Blätter“) nach München an Jörg. Alle Clubs, Vereine und Versammlungen wurden aufgelöst und verboten. Um zehn Uhr mußten alle Wirthshäuser geschlossen werden. „Alle ohne standhältige Nachweisung der Ursache ihres Aufenthaltes in Wien weilenden Ausländer oder nicht nach Wien zuständigen Inländer“ mußten die Stadt verlassen. Das „Standrecht“ wurde über Jeden verhängt, der sich in die politischen Angelegenheiten mischte, d. h. eine selbständige Meinung laut werden ließ. Der Militaircommandant der Stadt war FML. Csorich, ein Kroat, dessen Name eine reiche Fundgrube unarticulirter Laute bot und daher von keinem der zeitgenössischen Schriftsteller richtig geschrieben, noch viel weniger richtig ausgesprochen werden konnte.

Die Verhaftung verdächtiger Individuen erreichte nach Helfert schon bis zum 5. November die Zahl von „1000 bis 1500“![298] Abgeurtheilt wurden bis zum 6. Mai 1849 nur 144, darunter 24 zum Tode! Darin bestand in der Hauptsache „das beste Geschenk, das Windischgrätz unter solchen Umständen Wien machen konnte“[299], und das sich äußerlich in der Ernennung Cordon’s zum Vorsitzenden der Central-Untersuchungs-Commission erkennbar machte. Durch diese Massenverhaftungen offenbarte Cordon den Besitz „aller Eigenschaften, welche die Bekleidung eines so heiklen Postens erforderte und die er mit Mäßigung und Milde in einer Weise zu verwerthen wußte, daß er schnell das allgemeine Vertrauen gewann.“ (Helfert). Auch er erließ am 3. die, wie es scheint, damals unvermeidliche Proclamation; er forderte auf, ihm die Hand zu bieten, „den Uebergang von der Anarchie zu dem geregelten constitutionellen Rechtszustande zu beschleunigen“. „Der Mangel an stilistischer Correctheit“, meint Herr v. Helfert, „bei österreichischen Militairs noch heutzutage nicht Ausnahme, sondern Regel[300], konnte dem unverkennbaren Wohlwollen (!), das sich in jenen Kundgebungen aussprach, keinen Abbruch thun.“ Schuld an dem schreckenerregenden Mißbrauch der Gewalt, wie Andere dieses „Wohlwollen“ betiteln, das sich in der Verhaftung Tausender von Unschuldigen offenbarte, war übrigens nicht blos das Mißtrauen und der Rachedurst der siegreichen Truppen und ihrer Führer, sondern vor Allem die schmachvolle Denunciationssucht des Wiener Bürgerthums. „Die Bürgerschaft Wiens“, sagt Anton Springer treffend[301], „hatte sich während der Herrschaft der radicalen Partei mit Schmach bedeckt, ihre Feigheit in den Mantel begeisterter Zustimmung zu dem unsinnigen Treiben der Aula und der demokratische Clubs gehüllt. Sie belastete sich jetzt mit gleicher Schande. Jetzt kroch der Wiener Philister vor jeder Soldatenmütze und blickte zu jedem Sereschaner wie zu einem höheren Wesen empor. Widerlich war die kriechende Demuth, das Prunken mit sclavischem Sinne, welches die ehrsamen Bürger, durch den Belagerungszustand sicher gemacht, zur Schau trugen, empörend ihr ununterbrochener Aufruf zur Rache.“ Die Denuncianten und Sykophanten, die seit den Tagen der dreißig Tyrannen von Athen bis heute noch jeden Sieg einer Militairdespotie begleiteten, wie die Raben und Aasgeier die Wahlstatt, auf der Heldenleichen ruhen, haben auch das beste gethan, um Robert Blum zu verderben!

Blum hatte keine Ahnung von dem über seinem Haupte heraufziehenden Verhängniß. Am 2. November schrieb er an die Gattin: „Dem Vernehmen nach gehen heute die Posten wieder ab, hoffentlich folgt diesem Schritte bald auch die Möglichkeit, reisen zu können und ich komme dann nach Haus. Natürlich kann ich nun zum Schillerfeste nicht bleiben; ich bleibe höchstens einen Tag, da ich nur zu lange hier verweilen mußte.“

Am nämlichen Tage richtete Blum mit seinen drei Frankfurter Genossen an den unaussprechlichen Csorich, den Blum Schowitz nannte — als sei es ein sächsischer Landsmann aus Probsthaida oder Unterstützengrün — das folgende schriftliche Gesuch:

„Die unterzeichneten Abgeordneten der deutschen constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt sind im Laufe der letzten Wochen nach Wien gekommen und durch die Ereignisse zurückgehalten worden. Nach der jetzt eingetretenen Wendung der Dinge hoffen und wünschen dieselben, zu ihrem Berufe zurückkehren zu können und bitten Ew. Exc. zu diesem Zwecke höflichst und ergebenst um den nöthigen Passirschein. — Um Ew. Exc. nicht mit einer Antwort belästigen zu müssen, werden die Unterzeichneten sich erlauben, heute Nachmittag persönlich sich bei Ew. Exc. einzustellen und den Nachweis über Person und Eigenschaft gehorsamst zu überreichen. — In der Erwartung einer gnädigen Gewährung ihrer gehorsamsten Bitte, zeichnen mit vollkommenster Verehrung Ew. Exc. gehorsamste

Wien, d. 2. Nov. 1848.

Abgeordnete der deutschen constituirenden

National-Versammlung.“

(Folgen die vier Unterschriften, mit Beisetzung der Wahlkreise der Abgeordneten.)

Der gebildete Kroat, der dieses Schreiben empfing, war in der Lage eines Naturforschers, der plötzlich die Spezies einer Gattung entdeckt, bei der bisher Gattung und Spezies sich deckten. Er hatte wohl oft über den Wiener Reichstag schimpfen hören und nun erfuhr er zu seinem Schrecken, daß es auch eine deutsche Nationalversammlung in Wien gebe, eine „constituirende“ obendrein. Er meinte, constituirend und constitutionell müsse dasselbe sein, zumal er ja an der großen Aufgabe des Generals Cordon mitbetheiligt war, „den Uebergang von der Anarchie zu dem geregelten constitutionellen Rechtszustande zu beschleunigen.“ Er nahm an, die ganze deutsche Nationalversammlung wolle ihm ihre Aufwartung machen. Und da er gehört haben mochte, daß so ein Reichstag im Grunde nur aus einer Sammlung gefährlicher Aufrührer bestehe, so wollte er lieber dem General Cordon, mit dem Ausdrucke vorsichtiger Menschenkenntniß, diese Ehre zuweisen. Er richtete deshalb noch am nämlichen Tage an den General Cordon ein Schreiben, dessen überwältigende Komik Herr v. Helfert leider nicht begriffen zu haben scheint, denn er begleitet es nicht mit einer einzigen Bemerkung: