Lieber Freund!
„Es ist 5 Uhr und um 6 werde ich erschossen. Also nur zwei Worte: Lebe wohl, Du und alle Freunde. Bereite meine Frau langsam vor[355] auf das Geschick des — Kriegs. Schreibe Günther meinen letzten Gruß. Ich sterbe als Mann — es muß sein. Lebt wohl! Lebt wohl!
Wien, den 9. November 1848.
Blum.“
Endlich fand sich bei Blum’s Sachen, die einige Wochen später in Leipzig anlangten, folgender Zettel von seiner Hand:
„Meine Frau heißt Eugenie Blum, Eisenbahnstraße Nr. 8. Es versteht sich von selbst, daß sie meinen Nachlaß erhält, sie hat nichts. Sachen liegen noch in der Stadt London. Ein herzliches Lebewohl mit diesen Zeilen an Fröbel, er soll bei der Rückkehr in Frankfurt a. M. grüßen, auch meine Frau und Kinder besuchen.
Blum.“
Die Stunde war gekommen, wo Blum seine letzte Fahrt antreten sollte. Es war nach sechs Uhr. Er stieg in den Wagen, Pater Raimund und Lieutenant Anton Pokorny mit ihm. Drei Jäger auf dem Kutschbock, drei hinten auf dem Wagen. Eine Abtheilung Cavallerie zu beiden Seiten des Wagens. Es war ein langer Weg bis zur Brigittenau. Die grausame Verlängerung der Todesstunde preßte Blum mehrmals die Frage aus, ob dies wirklich der Weg zur Brigittenau sei? Dann aber sprach er wieder ruhig zum Geistlichen, zum Offizier. Als eine Frühglocke ertönte, fühlte er sich in seine erste Kindheit versetzt, da er Meßknabendienste verrichtete und seiner armen Mutter hatte verdienen helfen und er sprach das gegen Pater Raimund aus. Dann dachte er immer schmerzlicher bewegt seiner eigenen bald verwaisten Kinder, die er so sehr liebte. Wiederholt hielt er seine Hände vor die Augen und schluchzte: „Meine Frau, meine Kinder“ — das Gedenken an sie machte ihm das Sterben am schwersten. Dann aber schüttelte er wieder den Schmerz und die Wehmuth ab und sprach fest: „Nicht der Abgeordnete Blum weint, nur der Gatte und Vater!“
Bis zur Reiterkaserne der Leopoldstadt war man jetzt gekommen. Hier wollte man Blum, wie üblich[356], Ketten anlegen. Er sträubte sich dagegen und sprach: „Ich will als freier deutscher Mann sterben. Sie werden mir auf mein Wort glauben, daß ich nicht den lächerlichen Versuch machen werde, zu entkommen. Verschonen Sie mich mit Ihren Ketten!“
Von hier an begleitete eine sehr starke Militaireskorte — gleichzeitige Berichte sprechen von 2000 Mann — den Todeswagen. Neugier und furchtsames Erstaunen führten manchen Bürger hinter den Spuren des düsteren Zuges drein.
Gegen halb acht Uhr Morgens hielt der Zug an dem zur Richtstätte erlesenen Platze in der Brigittenau, damals einem Militairschießplatz mit Kugelfängen und einigen Bretterhütten. Im Hintergrunde in weitem Bogen Erlen und Weiden und im Frühnebel dämmerndes Gebirge.
Blum stieg aus dem Wagen. In der Militairmasse angelangt, fragt er den Offizier, wer ihn erschießen werde. „Jäger“, lautet die Antwort. „Nun, das ist mir lieb“, sagt Blum, „die Jäger sollen gut schießen. Ich habe von ihnen ein Merkmal.“ Dabei hob er den linken Arm, um zu zeigen, wo ihn die Streifkugel am 26. October berührt hatte.[357] Die Jäger und Blum mit dem Geistlichen bekamen ihren Platz angewiesen. Die wenigen Zuschauer standen in einiger Entfernung. Das Urtheil wurde noch einmal verlesen. Der Profoß bat in üblicher Weise mechanisch dreimal um das Leben des Verurtheilten. Ein starres Nein war dreimal die Antwort. Blum erhielt den Befehl, sich bereit zu machen. Man wollte ihm die Augen verbinden. „Ich möchte dem Tode frei in’s Auge sehen“, sagt er. Der commandirende Offizier aber ersucht ihn, das Verbinden der Sicherheit der Schützen wegen geschehen zu lassen.
Da schlingt Blum die Binde selbst um das Auge, stellt sich vor das Peloton und ruft laut: „Ich sterbe für die Freiheit, möge das Vaterland meiner eingedenk sein!“ Der Offizier gibt das stumme Zeichen. Drei Schüsse krachen zugleich. Sie haben Haupt und Herz des deutschen Mannes durchbohrt, er sinkt rücklings und verblutet — eine Leiche, einen Tag vor seinem einundvierzigsten Geburtstage.[358]