Die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der sie sich um ihn bemühte, versetzte Alexei geradezu in Bestürzung. Noch nie hatte sich jemand in Fürsorge seiner angenommen, etwas zu seinen Gunsten getan. Jeder, der sich ihm genähert hatte, wollte etwas von ihm, im Guten oder Üblen, hatte ihm geschmeichelt oder ihn mißhandelt, aber jedem war er der Zarewitsch gewesen, keinem der nach einer teilnehmenden Seele hungernde Mensch. In seinem Gesicht arbeitete es.
Gräfin Barbara hatte angestrengt acht auf sein Mienenspiel. Es war nicht schwer zu erraten, was in ihm vorging.
Sich tiefer über den Verband bückend, als wolle sie ihn auf seinen Sitz prüfen, flüsterte sie geheimnisvoll:
»Die Mutter grüßt dich, Alexei Petrowitsch.«
Eine Blutwelle dunkelte das blasse Antlitz des Zarewitsch, sein Herzschlag stockte: »Meine Mutter,« stammelte er, »meine Mutter? Sie hat nie nach mir gefragt.«
»Jeden Tag fragt sie nach ihrem Sohne, aber alle Boten, die ihr Herz sandte, waren unverläßlich. Ihr Ruf hat das Ohr, für das er bestimmt war, nicht erreicht.«
»Jetzt ruft mich meine Mutter, gerade jetzt.« Alexei war noch immer fassungslos. Gleich einem Wunder war ihm dieser Gruß von der Mutter. Die tiefe Angst über die rasche Tat, die ihn überfallen und niedergeworfen hatte, war beschwichtigt: seine Mutter hatte ihn gerufen! Eine Rechtfertigung war es ihm.
Gräfin Barbara hatte sein Gesicht nicht aus den Augen gelassen. Sie war zufrieden mit dem, was ihre Worte ausgelöst hatten. Nun unterstrich sie sie noch:
»Die Mutter sehnt sich nach ihrem Kinde.«
Sie wußte nicht, ob Eudoxia Lapuchin sich sehnte, nicht, ob sie sich nach ihrem Kinde sehnte. Vielleicht hatte die Nonne Helena in der Klosterhaft längst vergessen, daß sie einmal Zarin war, frei war, einen Gatten gehabt hatte und einen Sohn. Sie wußte nichts von der Verstoßenen, als daß sie lebte. Aber sie wußte, daß in dem Herzen des einsamen Jünglings vor ihr eine ewig unterdrückte Sehnsucht nach der Mutter brannte. Und wer es verstand, diese Sehnsucht klug zu nähren, zu schüren, der konnte den Sohn in Empörung wider den Vater treiben, er konnte das Mitgefühl einer glücklicheren Nebenbuhlerin für den Unglücklichen wachrufen, ihr Geschick mit ihm verknüpfen und, wenn er ihn im rechten Augenblicke fallen ließ, sie stürzen und sich den Dank des vom Verrate der Seinen bedrohten Herrschers erwerben. – Ein hartes Lächeln zog ihre bärtige Oberlippe über die festen starken Zähne zurück: »Eine Seele sehnt sich.«