»Und gegen ihn unternimmt meine Barbutschka nichts.« Die Fürstin strahlte ihren Gatten an: »Das bringt sie nicht über sich. Das nicht.«
Plan der russisch-türkischen Stellungen am Pruth
Nach einer zeitgenössischen Darstellung
Bei dieser Meinung blieb sie, mochte auch der Augenschein noch so sehr dawider sprechen. Denn allmählich sammelte Gräfin Barbara alle unzufriedenen Gemüter, und davon gab es nicht wenig, und die Begegnungen und Besprechungen, die es zwischen den einzelnen und ganzen Gruppen gab, wuchsen sich mehr und mehr zu einer Verschwörung aus, deren Mittelpunkt und Seele sie war. Es war nicht leicht gewesen, die verschiedenen widerstreitenden Interessen zu vereinen, obwohl die Mißstimmung über die herrschenden Zustände im Volke und unter dem eingesessenen Adel allgemein war. Zwar hatte nach dem Siege bei Pultawa Handel und Wandel einen großen Aufschwung genommen, aber dieser Vorteil kam ausschließlich den regsameren Eingewanderten zugute, das übrige Land seufzte nach wie vor unter Druck und Last des Krieges. Damals, vor fast zwei Jahren, hatte jedermann aufgeatmet und auf ein Ende des Ringens gehofft. Vergeblich. Die Kriegsrüstungen gingen weiter. Wer nur irgend wehrfähig war, mußte zu den Fahnen. Die Steuern und Lasten zur Erhaltung der Truppen wuchsen ins Unermeßliche. Das Volk war der ständigen Kämpfe müde, und die Angehörigen des alten Adels sahen in ihnen geradezu die Wurzel aller Übel, unter denen sie seit elf Jahren seufzten. Die kriegerischen Unternehmungen hatten den Zaren zu den verhaßten Reformen gedrängt. Wollte er über Schweden siegen, so mußte er alle Kräfte des Reiches zusammenfassen, er mußte aus dem gewaltigen Körper herausholen, was in ihm lag. Da halfen ihm die schwerfälligen und an der Überlieferung hängenden Häupter der einheimischen Aristokratie wenig. Er brauchte Menschen von Gewandtheit und mit lebhaftem Geiste. Er riß die Stauwehren nieder, die Rußland bisher von der übrigen Welt abgeschnitten hatten, und die Flut der adligen und bürgerlichen Abenteurer ergoß sich über das Land. Bald saßen die Ausländer an allen einflußreichen Stellen. Fast die ganze höhere Verwaltung war in ihren Händen. Es änderte wenig daran, daß er im Senat eine Körperschaft schuf, in der die verschiedenen Verwaltungszweige zusammenliefen und deren Mitglieder aus den alten Familien genommen waren. Das Gebilde diente mehr zum Schmuck und zur wirksamen Umrahmung seines selbstherrlichen Tuns, als daß es wirklichen Nutzen gebracht hätte. Zu bestimmenden Handlungen wurde die Versammlung befohlen, oder sie wurden nachdrücklich bei ihr angeregt. Erlaubte sie sich, eigene Entschließungen zu fassen, so konnten die Beteiligten von Glück sagen, wenn der Zar über diesen Eingriff in seine Rechte hinwegsah. Diese Einrichtung, bestimmt, die Grollenden und Mißgünstigen zu besänftigen und durch die scheinbare Beteiligung an der Macht mit der neuen Richtung zu versöhnen, hatte sie noch mehr erbittert, eben weil sie sich mit dem Schein begnügen sollten, während sie die verhaßten Fremden im Besitze der Macht sahen. Die Menschikoff und Schafirof, die Ostermann und Bruce, die Devier und Lewenwolde spielten die großen Herren, und die Trubetzkois und die Bestutscheffs, die Dolgoruckis und Galizins, die Repnins und Schtscherbatoffs sollten sich vor ihnen bücken. Das wurmte, und dieser Wurm fraß schon lange an ihnen. Im stillen ballten sie die Faust und verwünschten die Reformen und ihren Urheber. Die abgeneigte Stimmung wuchs von Tag zu Tag. Die von Karl XII., der sich nach seiner Niederlage in den Schutz der Hohen Pforte begeben hatte, seit zwei Jahren betriebene und kürzlich erfolgte Kriegsansage der Türkei war nicht geeignet, die feindlichen Gefühle der Altrussen zu unterdrücken. Sie sahen nur neue Blutopfer vor Augen, deren Früchte, wie immer, den Fremden in den Schoß fallen würden. Die Vertreibung dieser Schmarotzer und die Beseitigung der Ursache ihres Gedeihens rückte in das Licht einer völkisch rettenden Tat. Nur darüber war man sich innerhalb der beteiligten Kreise nicht einig: sollte Rußland das von Peter Eroberte behalten, oder sollte es sich, wie die völlig von der Überlieferung Beherrschten eiferten, auf den ursprünglichen Besitzstand Moskoviens beschränken? Die Alten, wie der Fürst Wolchonski, nannten jeden einen Ketzer am Volkstum, der von dem Berufe Rußlands zur Weltgeltung sprach. Die Jungen hingegen lehnten es ab, so töricht zu sein, das Gewonnene aufzugeben. Sie strebten lediglich danach, die jetzigen Inhaber der hohen Stellen und Würden beiseitezuschieben und sich an die vollen Krippen zu setzen. So gingen die Wünsche gegeneinander, und der feste, zielsetzende Wille fehlte.
Gräfin Barbara trug ihn in die Reihen der Unzufriedenen.
Für den Zarewitsch! Das klang nach Ergebenheit und rechtfertigte den Widerstand.
Die Gräfin wurde nicht müde, den Unglücklichen vor den Ohren der Mißvergnügten zu beklagen und sein qualvolles Los auszumalen. Sie beschuldigte sich in den heftigsten Ausdrücken unverzeihlicher Lässigkeit, daß sie nicht längst den Vergewaltigungen des Ärmsten durch ihren Schwager entgegengetreten sei und fand nur eine mangelhafte Entschuldigung in dem unbegrenzten Vertrauen, das sie bisher zu dem Gatten ihrer Schwester gehabt habe.
»Ich war blind,« sagte sie mit ihrer tiefen, dunklen Stimme, die stets voll verhaltenen Schmerzes war, »blind, wie wir es alle waren. Aber ein Augenblick hat mich sehend gemacht. Wie der Fürst den Prinzen zwingen wollte, wider seine Natur zu handeln, so werden die Fremden Rußland zu ihrem Knecht machen und es zu Diensten mißbrauchen, die seiner Seele schaden.«
Der greise Fürst Wolchonski nickte: »Die Fremden bringen uns kein Heil. Ihre Geschäftigkeit sät Unruhe in uns hinein. Was ihnen durch Gewohnheit gedeiht, vergiftet unser Blut. Es wird wild und stürmt ins Uferlose. So verschwenden wir alle Kraft. Bleiben wir, was wir waren, so wird Europa weniger von uns sprechen, ja es wird uns vielleicht verachten, wie ehedem, wir aber werden glücklicher sein.«
Es war gut, daß seine altersschwachen Augen nicht sahen, wie sich die Züge der Gräfin verzerrten. Er fühlte nur ihre eiskalten Lippen auf seiner Hand und hörte ein erregtes Beben in der sonst so gleichmäßigen Stimme, die ihn bat, dem von aller Welt verlassenen Prinzen zu einer Begegnung mit seiner Mutter zu verhelfen.