Die Gräfin war aufgesprungen und ging mit ihren stampfenden Männerschritten im Zimmer auf und ab. Ihre Nasenflügel bebten.
»Ja, sie versteht es, die Allerweltsmutter zu spielen,« schürte die Finnin die gehässige Erbitterung. »Wo du hinhörst, Herrin, sprechen die Leute vom Mütterchen Katharina.«
»Ein schönes Mütterchen. Sie bemuttert sie alle, von dem fetten Ekel Jaguschinski bis zu dem jüngsten Pagen, dem Moens de la Croix. Alle. Und mit den Weibern ist es nicht anders. Die Galizin ist wie närrisch und schwärmt von ihrer Güte. Güte, es ist alles Berechnung. Oder ist es das etwa nicht, wenn sie andauernd diesem traurigen Gesellen Alexei beisteht? Paß nur auf, sobald sie dem Zaren mit einem Sohn aufwarten kann, kümmert sie sich nicht mehr um den jetzt so geflissentlich Beschützten. O, sie ist schlau. Jetzt streichelt sie noch mit Samtpfötchen, ist die Milde, die Versöhnende, laß sie nur erst ihr Ziel erreicht haben …« Hochaufatmend blieb die Gräfin stehen. »Du hättest sie sehen sollen, wie sie sich wieder gebärdete.«
Erwartungsgierig sah die Finnin zu ihr auf.
»Es war schon spät. Der Zar hatte wie stets zum Schluß der Tafel das Gemisch befohlen. Es war kräftig Branntwein dazwischen. Er reichte es wie gewöhnlich selbst herum. Wie er der Deutschen die Schale gibt, weicht sie zurück und fällt beinahe in Ohnmacht. Der Zar war gut gelaunt. Er scherzte noch: ›Dem Zuckerpüppchen ist unser Wein zu stark?‹ Die Prinzessin schüttelte sich vor Widerwillen: ›Ich trinke keinen Schnaps!‹ ›Hoho!‹ der Zar wird ungemütlich, ›du trinkst keinen? Du wirst ihn trinken, meine Tochter. Ein guter Russe muß einen Schnaps vertragen, und ich hoffe, du willst eine gute Russin sein!‹ Das fade Dämchen schweigt, aber sie rührt keine Hand, ihm Bescheid zu tun. Er wird brandrot und fragt den Zarewitsch brüllend: ›Pariert deine Frau immer so schlecht?‹ Und der, der sich nie getraut zu widersprechen, entgegnet zwar stotternd, aber entgegnet doch: ›Ich zwinge Charlotte zu nichts, was ihr widerstrebt!‹ Der Zar ist außer sich, seine Augen rollen, jeder erwartet, in der nächsten Sekunde den Becher dem Dreisten an den Schädel fliegen zu sehen. Da beugt sich die Livländerin näher zur Schulter des Zaren: ›Du wünschtest ihn als Mann zu sehen. Er steht für seine Frau wie ein Mann!‹ Der Zar stutzt, dann nickt er: ›Du hast recht. Wie immer!‹ Er drückt dem Prinzen die Hand: ›Du hast brav gehandelt, mein Sohn‹, tätschelt der Prinzessin die Wange: ›Mein Töchterchen wird sich das Zieren abgewöhnen!‹ – Sie zieht die Zitternde an sich: ›Du mußt ihr Zeit gönnen.‹ – Und er erwidert völlig besänftigt: ›Was meine Katharina bittet, ist gewährt.‹ – Die liebe Familie ist einig. Und die ganze Hofgesellschaft strahlt in höchster Beglückung und ist hingerissen von dem erbaulichen Bilde.« Sie schüttelte sich: »Wie ein Aktschluß aus einem sentimentalen französischen Schmarren. Widerlich!«
»Und es gibt nichts, was die Zärtlichen trennt?«
Die Gräfin zuckte die Achseln: »Nichts außer dem lutherischen Widerglauben der Prinzessin. Doch das gilt vor dem Zaren nicht.«
»Um so mehr vor dem Zarewitsch.«
»Er hat, scheint's, seine Abneigung gegen die Ketzer überwunden.«
»So muß man sie ihm schärfen!«