»Es hat zu allen Zeiten verschwärmte Naturen gegeben,« erwiderte die Prinzessin ablehnend, »die sich an den einfachen Wahrheiten des Evangelium nicht genügen lassen mochten.«

Der Zarewitsch erblaßte. Zum ersten Male tat sich deutlich die Kluft vor ihm auf, die ihrer beider Überzeugungen trennte. Er versuchte, eine Brücke zu schlagen: »Die Idee spricht zum Geiste, das liebende Herz bedarf der Gestalt.«

Charlotte witterte in dieser Gleichung einen versteckten Vorwurf. Sie erhob sich unwillig: »Für verbuhlte Weiber mag das gelten. Ich brauche ihres Beispiels nicht.« Damit ließ sie den Zarewitsch allein.

Bestürzt starrte er ihr nach. – Er ahnte nicht, wie genau sie das Richtige getroffen hatte, er spürte nur den Schmerz, den ihm diese häßliche Verkehrung der schönen Empfindung bereitete, die er gefühlt hatte. Freilich, wie hatte er erwarten können, daß sie ihn darin verstand, ihn, den Rechtgläubigen, sie, die …

Zarewitsch Thronfolger Alexei Petrowitsch
Nach einem Stich von Uhlig

Er verhielt den Atem, er erwürgte den Gedanken, der blitzgleich den Abgrund zwischen ihm und ihr erhellte. Der sie schied, sie seit je geschieden hatte und auf ewig scheiden würde.

Prinzessin Charlotte von Rußland geb. Prinzessin von Braunschweig-Lüneburg
Nach einem zeitgenössischen Stich