Eudoxia hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Doch nur eine kurze Weile. Als sie sie sinken ließ, leuchteten ihre Augen, verklärt von innerer Gewißheit:

»Gott will nicht, daß wir ein ganzes Leben im Dunkel stehen. Soll ich das Licht löschen, daß er mir in meiner Finsternis angezündet hat? Er ist mächtiger als ich. Ich unterwerfe mich seiner Gnade.« – –

Die Mutter! Auch die Mutter eine Sünderin! – Gegen diesen Gedanken empörte sich sein Inneres: trug nicht der die Schuld ihrer Sünde, der sie eigensüchtig und lieblos von sich gestoßen hatte? Er atmete schwer: und er, der jenem in keinem glich, in diesem einen hatte er ihm gleich gehandelt. – Er ließ den Kopf auf die Brust sinken: die Welt war voller Anfechtungen. Selig, wer sie fliehen durfte, aus eigener Wahl sich beschränkend. – Ein wehes Lächeln zog sich um den schmalen, festgeschlossenen Mund: dem Sohne des Zaren war selbst das verwehrt. Aber nicht das andere – er hob die schlaffen Lider, ein glückliches Leuchten war in seinen Augen – seine Fehler gut zu machen. Den Reuigen segnet Gott! –

Für Charlotte ging ein neuer Liebesmorgen auf. Nur zu willig gab sie sich dem holden Traume, den die stillen, verhaltenen Zärtlichkeiten des Zarewitsch ihr erweckten, hin. Sie empfand einzig das eine: er kehrte zu ihr zurück! Sie fragte nicht, sie begehrte nichts, sie war glücklich ihm zu sein, was sie ihm gewesen war: Freundin, Geliebte, Gattin.

Alles tat sie ihm zu Gefallen, was sie ihm an den Augen absehen konnte. Alles. Und wurde doch das quälende Gefühl nicht los, daß ihre Hingabe wertlos blieb ohne das Letzte: die Wandlung ihres Glaubens.

Ein Schauer rüttelte sie, so oft sie daran dachte, und sie mußte oft daran denken, wenn sie allein waren und wenn er seine großen, dunklen Augen in heimlichem Erwarten auf sie gerichtet hielt. Sie spürte: in seiner Seele rang er mit ihr um das Letzte, um diese Schranke vor dem völligen Einssein. Und sie konnte und konnte es nicht über sich gewinnen, ihm darin zu Willen zu sein. Es wäre mehr als Hingabe, es wäre Aufgeben ihrer selbst gewesen. Das vermochte sie nicht.

Sie sprach es aus. Schon zu lange meinte sie geschwiegen zu haben. Es kam ihr vor, als habe sie bereits damit Hoffnungen genährt, die zu erfüllen ihr nicht gegeben war. Und sie wollte nicht täuschen. Das sagte sie ihm: »Könntest du mir noch vertrauen, wenn ich mir untreu geworden bin? Müßtest du nicht befürchten, daß, wie ich mich verrate um deinetwillen, ich dich verrate um eines andern willen?« Bittend neigte sie sich zu ihm.

Er wich zur Seite, blickte mit entsetzensweiten Augen in ihre unschuldsvollen Züge: trieb sie die Verstellung soweit, daß sie das Heiligste aufrief, ihn zu betrügen, ihn eine Schuldlosigkeit glauben zu machen, die ihr nicht anstand? Er erhob sich: mit der offenbaren Lüge durfte er keine Gemeinschaft halten. – Wortlos schritt er zur Tür, ging wortlos hinaus.

Was war geschehen? Charlotte fragte es sich verzweifelt. Sie erhielt nie eine Antwort.

Still trug sie ihr Geschick. Ihres und das des werdenden Lebens, das unter ihrem Herzen pulste. Sie war einsam, sehr einsam. Wie ein Fluch lag es auf ihr. Jedermann wich ihr aus. Die einen, weil ihr Gatte sie mied, die andern, weil der Zar ihr zürnte, daß sie es nicht verstanden hatte, seinen Absichten gemäß auf ihren Gatten einzuwirken.