Der General klopfte dem Ängstlichen beruhigend auf die Schulter: »Seien Sie ohne Sorge,« und indem er dem federnden Ganges davon Schreitenden bewundernd nachsah: »Er ist einer der gewiegtesten Fallensteller Europas.« –

So war es. Der Graf hatte das diplomatische Fallenstellen nicht umsonst bei seinem Herrn und Meister, dem Baron Görtz, der jetzt die rechte Hand Karls XII. und in diplomatischer Hinsicht der wahre Lenker der schwedischen Politik war, erlernt. Wie diesem, schwebte auch ihm ein gänzlich umgestaltetes Europa war. Für sich begehrte er dabei nicht viel, nur eben die Grafschaft Rantzau im Holsteinischen. Das heißt, das war so für den Anfang der Unterhandlungen gesagt, ohne damit späteren Möglichkeiten vorzugreifen. Er war nicht der Mann, sich die Grenzen seiner Zukunft zu enge zu stecken, wenn er die Macht hatte, seine Pläne ins Werk zu setzen. Nur bei einem, der ihm diese Macht geben konnte, durfte er auf Verständnis für seine weitschichtigen Entwürfe hoffen: bei dem Zaren. Ihn, der schon fast als Schiedsrichter Europas sich fühlte, den für sich zu gewinnen die Bevollmächtigten der Höfe und Kabinette wetteiferten, mußte es locken, durch ein paar geschickte Schachzüge sich zum Meister der Welt aufzuschwingen. – Des Grafen Schritt war schneller und schneller geworden, jetzt blieb er stehen. Ein unendlich selbstbewußtes hochmütiges Lächeln hob die weichen Lippen, während das leichte spanische Rohrstöckchen zwischen den spielenden Fingern seiner Rechten einen langsamen kreisenden Tanz ausführte.

Zunächst freilich mußte Graf Bassewitz eine kleine Enttäuschung überwinden. Als er erfuhr, daß ihm die Fürsprache der Fürstin nicht sogleich den Weg zum Zaren, sondern zunächst nur den in den Salon Katharinas geöffnet hatte.

Bei diesem Bescheide ließ er absichtlich mit einer schmollenden Drehung des Kopfes die Unterlippe hängen. Er wußte sehr genau, wie gut ihn diese Kleinjungensart kleidete und wie sehr sie der Fürstin schmeichelte, die sich ihren Günstlingen gegenüber in der Rolle der Herrin gefiel.

Seine Berechnung erwies sich als richtig. Ein tändelnder Schlag gegen seine Wange machte den daraufliegenden Puder stäuben: »Undankbarer! Können Sie mehr verlangen, als zum Herzen des Zaren sprechen zu dürfen?«

Er warf ihr einen feurigen Blick zu: »Ist der Zar ein Monstrum, daß er zwei Herzen besitzt?«

»Er ist eines.« Die Fürstin seufzte unterdrückt: »Ach, Freund,« sie zog die schmalen Schultern des Grafen an sich und lehnte ihre Stirn an die seine: »Wir sind ihm Zeitvertreiber, sie ist ihm sein täglich Brot.«

Bassewitz rümpfte die Nase: »Wie langweilig, alle Tage das gleiche zu essen.« –

Dieses Vorurteil konnte keinen Bestand haben.

Zwar noch auf der Schwelle des Empfangszimmers, bei der Meldung des Dieners, daß die gnädigste Frau zwar dem Unterrichte ihrer Töchter beiwohne, den Herrn Grafen aber gleichwohl zu empfangen wünsche, verzogen sich Bassewitz Mundwinkel spöttisch: welche Pose! dachte er und trat ein.