XXII.

Karls XII. Ende in den Schanzen vor Frederikshall hatte die in Pyrmont angebahnten und in Lofö auf den Alandsinseln fortgeführten Friedensverhandlungen mit Schweden unterbrochen. Zum Vorteil Rußlands, das zwei Jahre später seine sämtlichen Forderungen bewilligt erhielt. Was es erobert hatte, blieb in seinem Besitz. Die Großmachtstellung Schwedens in der Ostsee war gebrochen. Das aufstrebende slawische Reich hatte die Erbschaft angetreten. Nach allen Seiten schwoll es über die Grenzen, drückte kraftvoll auf Polen, stand gegen die Türkei auf der Wacht, mühsam zurückgehalten von den am Pruth geschlossenen Verträgen. Was ihm von den Osmanen einstweilen zu nehmen verwehrt war, holte es sich von den Persern. Der Feldzug von 1722 kostete dem Schah zwei seiner reichsten westlichen Bezirke. Das Reich wuchs und wuchs. Doch noch immer war ihm kein Erbe bestimmt.

Ein Jahr nach dem elenden Hingange des ehemaligen Zarewitsch war der kleine Peter Petrowitsch verschieden. Der Zar hatte sich wie ein Verzweifelter gebärdet. Die letzten Tage war er nicht vom Krankenlager gewichen, obwohl jeder Augenblick ihm mit Bitterkeit getränkt war. Nagend krallte ihm der Gedanke im Hirn, daß dieser hohnvolle Streich des Schicksals die Strafe sei für seine Vergehen an seinem ersten Sohne. Gleich einer Sühne unterzog er sich den peinlichsten Verrichtungen an dem winzigen Krankenbette. Nichts ersparte er sich. Keiner durfte dem wimmernden Kinde die geringste Handreichung tun. Er bettete es, er kühlte den fiebernden Kopf, er reinigte die offenen eiternden Stellen des vom Fieber verzehrten abgemagerten Körpers, er säuberte die verschmutzten Kissen und Decken. Alles, alles in der heimlich genährten Hoffnung, mit solcher Aufopferung das klägliche Verflackern des kargen Lebenslichtes verhindern zu können.

Vergebene Mühe. Am 6. Mai 1719 erlosch die zitternde Flamme dieses Daseins, die nie hell gebrannt hatte.

Wortlos, versteinert saß Peter neben dem Lager, die verkrümmten erkaltenden Finger des Kindes in seiner einen Hand bergend.

»Er darf nicht sterben, Doktor, er darf nicht!«

Dr. Hofy neigte schwer den Kopf: »Es ist zu Ende, Majestät.« Und er setzte die nämlichen Worte hinzu, die er einst am Sterbelager Alexeis gesprochen hatte: »Gott sei Dank!«

Mit einer wilden Bewegung wollte der Zar auffahren. Der Arzt drückte ihn in den Sessel nieder.