Von seiner hageren Höhe herab maß Ostermann den Kleinen spöttisch: »Hatten Ew. Exzellenz erwartet, das Schicksal werde uns zu Gefallen den Kaiser ewig am Leben lassen?«
»Nein, ach nein,« der Kanzler weinte fast, »aber warum mußte er jetzt sterben? Gerade jetzt? Zu so ungelegener Zeit?«
»Dem, der sich überflüssig fühlt,« erwiderte der Westfale höhnend, »und der sich nicht zu helfen weiß, ist jede Zeit ungelegen.«
Schafirof entging die Bosheit, so sehr bedrückte ihn die Angst: »Sie wird mich nach Sibirien schicken,« jammerte er, »sie haßt mich. Lieber Freund,« er haschte nach Ostermanns Hand, »lege er ein gutes Wort für mich ein.«
Die faunischen Lippen des Kanzleirats verzogen sich zu einem Grinsen. Doch er wußte es vorsichtig hinter einer bedientenhaften Verneigung zu verstecken: »Ew. Exzellenz, es ist an mir, um gütige Verwendung zu bitten, daß ich in meinem Amte bleibe.« Seine Stimme triefte von Ergebenheit. Aber gerade das gab seiner Weigerung den Stachel.
»Ostermann,« Schafirof erhob sich. Er mußte sich an der Lehne des Stuhles halten. Die Füße wollten ihn nicht tragen: »Er weiß recht gut, daß er unentbehrlich ist, und daß jeder, wer es auch sei, der an die Regierung kommt, ihn braucht. Notwendig braucht. Ich bin ihm oft zu Gefallen gewesen. Ich hätte eine andere Antwort erwartet. Doch so ist es: dem gestürzten Esel gibt jeder einen Schlag.«
In den säuerlichen Mienen des Kanzleirats zuckte und arbeitete es. Er hatte Mühe, sich das Lachen über diese nach seiner Meinung durchaus zutreffende Selbsteinschätzung des Kanzlers zu verbeißen. Doch seine Klugheit warnte ihn. Der um seinen Sturz Besorgte war noch nicht gestürzt. Es konnte auch anders kommen, als der Furchtsame wähnte. Sein faltenreiches Gesicht nahm einen gekränkten Ausdruck an: »Ew. Exzellenz belieben, meine aufrichtigste Ergebenheit zu verkennen.« Er schlug den roten Schlafrock, von dem er sich nur selten trennte, dichter um sich, beugte sich zu Schafirofs Ohr und flüsterte: »Niemand weiß, wem in den nächsten Stunden die Herrschaft zufallen wird. Noch ist nichts verloren, wenn wir nicht den Kopf verlieren.«
Der Kanzler rang verzweifelt die Hände: »Gegen sie kommt keiner auf. Das Heer ist für sie, das Volk ist für sie …«
»Und wir sind für sie!«