V.
Marienburg stand vor dem Fall.
Auf allen Seiten von den Russen eingeschlossen, keine Hoffnung auf Entsatz, kein Brot und nur noch ein Geringes an Munition, das nicht mehr zur Verteidigung, nur noch eben dazu reichte, dem Gegner den letzten Trumpf zu bieten und Schloß und Basteien in die Luft zu sprengen.
Die tapfere Gegenwehr der Besatzung hatte ihr und den Bürgern freien Abzug erstritten. Mit Sack und Pack, so viel jede Schulter tragen konnte, zogen sie an dem Sieger vorüber.
Zuerst die Soldaten. Müde, verfallene Gesichter über zerschlissenen verschmutzten Uniformen. In stumpfem Trott trabten die von den schlaflosen Wochen beschwerten Füße. Doch vor dem Sieger straffte sich der Tritt, mühten sich die gebeugten Gestalten, sich aufzurichten, faßten die erschlafften Finger fester Säbel und Flinte. Aus manchem Auge brach ein Glänzen, rief dem Überwinder zu: wir sehen uns wieder, wahre dich!
Breitbeinig, auf seinen Pallasch gestützt, erwies der russische Feldmarschall den Abziehenden die Ehre. Die Hand am Hute, grüßte er die Tapferen.
Nach den Soldaten die Bürger. Voran der Bürgermeister und der Propst. Auf samtnem Kissen bot der Bürgermeister dem Feldherrn die Schlüssel der Stadt.
Scheremetjef nahm sie mit einer gewollt gelassenen Bewegung und reichte sie seinem Adjutanten:
»Dem Zaren, und sage ihm,« die rauhe Stimme hob sich, »der Zugang zur Hochzeitskammer sei aufgetan, der Bräutigam möge nicht säumen und kommen, sein Fest mit dem livländischen Herzen zu halten. Diesmal, dafür stehe ich,« er stieß den Pallasch in den Boden, »wird die Schöne sich ihm ergeben.«