»Willig wird sie dem Starken sich verbinden, wenn er ihr gewährt, in seinem Hause in Freiheit nach ihrer Art zu leben.« Der Propst stand hoch aufgerichtet vor Scheremetjef.

Die buschigen Brauen des Feldmarschalls zogen sich dicht zusammen:

»Was will der Pfaffe?«

»Dem Zaren und meinem Lande dienen. Je besser sie einander verstehen,« der Propst deutete auf eine slawische Bibel, die er mit sich trug, »um so eher werden sie ihren gegenseitigen Vorteil begreifen.«

Scheremetjef hörte schon gar nicht mehr auf ihn, sein Blick war auf Katharina gefallen, die an der Seite der Pröpstin den Ausgang der Unterredung abwartete. Über dem einfachen dunklen Rock leuchtete der weiße Hals und das Goldhaar doppelt hell.

»Wer ist das?«

Ohne daß er sich umwendete, wußte der Propst, wen die Frage meinte. Er gab, so weit er es vermochte, Bescheid.

»Gut, gut.« Die massige behaarte Rechte Scheremetjefs wehrte allzu breiten Erörterungen: »Es soll dir und den Deinen an nichts fehlen, Pfaff, Rußland kann tüchtige Leute gebrauchen. Das Mädel wirst du freilich entbehren müssen. Uns ist ein schönes Gesicht zur Labsal mehr vonnöten als dir. – Wir werden schon gute Freunde werden!« grüßend winkte er zu Katharina hin.

Diese verstand nicht eine Silbe des russischen Zurufes, aber sie begriff seinen Sinn und sie lächelte. Mit einem Lächeln ließ sich auf alles antworten. Es sah aus wie ein Versprechen und verpflichtete gleichwohl zu nichts. –

Die Marienburger Bürger waren, in Gruppen eingeteilt, von einem Adjutanten fortgeführt worden. Nach Moskau. Nur Katharina und noch einige Frauen wurden zurückgehalten. Manche blieben auch freiwillig. Was sie einst besessen, woran ihr Herz gehangen hatte, war nicht mehr. Der Mann gefallen, gefangen oder zu neuen Kämpfen fortgerissen, Haus und Hof zerstört, die Nachbarn hierhin verstreut und dahin. Niemandem galten sie mehr etwas, wie sollten sie selber sich etwas gelten? Verzweifelt warfen sie sich fort. Dem ersten besten an den Hals. Froh, daß er sie haben mochte. Sie, die jahraus, jahrein sorglich des Morgen gedacht hatten, auf weit hinaus, verblendeten sich vor ihm. Heute, nur heute einen Arm um sich fühlen, war die Zärtlichkeit noch so rauh, der Liebhaber noch so wüst. Es war ein Mensch, der sie fortnahm aus der grenzenlosen Verlassenheit und sie für Augenblicke ihr Elend vergessen ließ. Vergessen. In den trüben Wirrsalen ungezügelter Lust hofften sie ihre Not und ihren Jammer zu ertränken. Gingen sie dabei zugrunde, um so besser, so waren sie aller Pein ledig. Und sie lockten mit den Augen, aus denen noch die Tränen flossen, und flüsterten Liebesworte mit den Lippen, die in Weh zuckten. Keiner der Reiter und Bombardiere und Musketiere stieß sich daran. Weiber waren Weiber. Lagen sie erst an ihrer Brust, würden sie aufhören zu flennen. Ein paar tüchtige Schnäpse, und sie kreischten vor Vergnügen. Ehe es Abend war, war aller Kummer verflogen. Hei, die Fideln! die würden ihnen die Füße leicht machen. Eins, zwei, eins, zwei, hoppla im Takt! Es sollte ein lustiges Leben werden. Und der eine nahm die Marie, der andere die Martha, der dritte die Liese um den Leib, tat barsch und freundlich, wie es gerade seine Art war, schwenkte und drängte sie und zog mit ihr von dannen; nach den Branntweinbuden und den Tanzzelten. Zu jeder Grete fand sich ein Hans.