Am Ende gelüstet es ihn nach noch mehr. Wie ein Stachel hatten sich diese Worte in sein Hirn gebohrt: des Herzbruders Ehrgeiz war maßlos, er kannte ihn. Warum sollte er haltmachen vor seinem Throne? Hatte er ihn nicht selber gelehrt, nichts für unerreichbar zu halten? Aus dem armen litauischen Adligen, der die Pasteten austrug, mit deren Bäckerei sich sein Vater in dem fremden Moskau ernährte, hatte er aus Wohlgefallen an seiner raschen frischen Art seinen Adjutanten, seinen Kammerherrn gemacht. Freund war er ihm geworden, und er hatte ihn beschenkt, womit er ihn nur beschenken konnte. Mit seinem Vertrauen und allen Würden, die er zu vergeben hatte. Er selber stand zurück. Er war der einfache Unteroffizier, Peter Michailoff, in der ersten Gesandtschaft, die er in die Hauptstädte Europas gesandt hatte und in deren Mitte Alexander Menschikoff glänzte. Er baute Rußland eine Flotte, ihr Admiral war Alexander Menschikoff. Er wollte es so, er gönnte ihm diesen Kling und Klang von Titeln und Orden, Reichtümern und Ehren. Er liebte den Glanz an seinen Freunden. Je heller sie strahlten, um so weniger brauchte er ins Licht zu treten. Den Schein der Macht ließ er ihnen gern, um so fester hielt er die Macht. Es war keinem zu raten, daran zu rühren. – Er stützte den Kopf in die Hände und sann grübelnd vor sich hin: sollte Alexaschka es wagen? –
Der Tag war verblichen. Der trübe Dämmer des Abends ging ins Dunkel über, und in der Schwärze wuchs und wucherte das Mißtrauen. Schritte nahten und zogen sich vorsichtig zurück: irgendein Diener, der den Zaren zu stören fürchtete. – Peter wurde der Unsichtbare zum Späher. Laute klangen auf und verwehten wieder: Wetterfahnen, die im Winde knarrten, eigenwillige Türangeln und Fensterriegel, die kreischten, eine Diele, die ächzte – der Zar hörte daraus geheimnisvolle Signale, die Lauscher und Spione einander gaben. Mit vorgebeugtem Oberkörper saß er in dem Sessel, horchte angestrengt in die tiefer und tiefer werdende Finsternis: waren da nicht Stimmen hinter der Tür? Flüsterte dort nicht jemand? Wer? Wer? Dem überreizten Ohre wurde jedes Geräusch zu verräterischer Rede. Was raunte? was wisperte es? Er, ein ungetreuer Gatte, ein schlechter Vater? Würgend zwängte es ihm die Kehle: war es Eudoxia, die sich rächen wollte? War es Alexei, der ihn haßte? Bohrend starrten seine Blicke. In der Düsterkeit ballten sich Schatten. Ihm war, als schlüge rings um ihn ein heimliches höhnisches Lachen auf. Verzerrte Larven grinsten. Unter der Perücke sträubten sich ihm die Haare, kalter Schweiß rann über seine Stirn, die Zähne schlugen gegeneinander. Er schob sich aus dem Sessel empor: kamen sie nicht? Streckten sie nicht die kralligen Finger nach ihm, die Bleichen, Blutlosen, über deren lebendige Leichname er hinweggeschritten war auf seinem Wege? – Langsam wich er zurück vor dem gespenstischen Drohen. Er flog wie im Fieber. Aus seinem Blute schlugen die Schauer der Angst über ihn hin. In seinem Gewissen war keine Gewißheit überwindender Güte. Bangen nur war und sträfliche Furcht. Bebend lehnte er an der Tür, tastete nach der Klinke. Sie gab nach. Licht brach herein, warf den Spuk zurück. Aufatmend stand Peter: was vergangen war, war tot, seine Stunde war vorüber, es konnte ihm nichts mehr anhaben.
Doch die innere Unruhe ließ sich so leicht nicht beschwichtigen. Ja, es war, als brächte die Helle sie erst recht zum Gedeihen. Was dem ersten Schreck nur eine ungeheuerliche Drohung war, die sich vergeltend aus der Vergangenheit reckte, das wurde dem näheren Betrachten ein Verhängnis, daran die Zukunft spann.
Er hatte die Depeschen, die Golowkin gebracht hatte, nochmals vorgenommen und sie sorgfältig mit früheren Meldungen verglichen. Akten über Akten häuften sich um ihn. Harmlose Berichte erhielten plötzlich Wichtigkeit, belanglose Bemerkungen rückten in das Licht versteckter Andeutungen, und mit einem Male fühlte er sich im Mittelpunkte einer weitgreifenden Verschwörung. Alle hatten daran teil, alle. Mazeppa und Menschikoff, Eudoxia und Alexei, Karl XII. und August der Starke, seine Minister und Generäle, der Metropolit nicht minder wie sein geringster Diener. Jeder wob an dem Netz, darin sein Schicksal sich verfangen mußte. Keinem konnte, niemandem durfte er trauen.
Niemandem?
Ein warmes Strömen quoll von seinem Herzen auf: Katharina!
Und auf einmal kam ihm sein Spüren und Suchen in den verstaubten Blättern, sein Grübeln über die einzelnen Wendungen in den Briefen seiner Residenten und Agenten unsäglich albern vor. Ein paar kräftige Püffe brachten den Aktenwust um ihn her ins Wanken. Die Arme in die Seite gestemmt, sah er dem Purzeln der Packen zu, dann drehte er sich um, griff nach Hut und Mantel und ging hinaus. In die Nacht.
Das Haus der Postmeisterin Fademrecht in der Sloboda lag in tiefem Schlummer. Nur hinter zwei Fenstern im ersten Stock, die auf den Garten, der Jausa zu, hinausgingen, flimmerte Licht. Dort hatte der Zar bald nach der ersten Begegnung seine neue Freundin untergebracht.
Katharina mochte nicht schlafen. Sie hockte in dem breiten, französischen Bett, die Arme um die Knie geschlungen und das volle runde Kinn darauf gestützt. Die gelbseidene Steppdecke war zurückgeschoben, unter dem dünnen Batist des Hemdes lugten die rosigen Nägel der kleinen Füße hervor. Sie sann vor sich hin. Der Abend hatte ihr nachdenkliche Nachrichten gebracht, durch die Postmeisterin, die in der Stadt gewesen war. Es hieß, der Zar habe einen Schlaganfall erlitten und liege im Sterben. Die alte Frau hatte bedrückt die Hände gerungen: »Bewahre uns der Himmel, daß es wahr ist. Der Zarewitsch haßt die Fremden. Besteigt er den Thron, so sind wir keinen Augenblick mehr unseres Lebens sicher. Die Popen werden schon dafür sorgen, daß wir alle hängen müssen.«