Der Zar lag an ihrer Brust, die glühende Stirn zu ihrem Herzen geneigt:
»Gnädigste Frau!«
XII.
Die Schweden lagen vor Pultawa.
Sie mußten die Stadt haben. Die Stadt, ihre Gräben, ihre Schanzen, ihre Geschütze, ihre Kasematten und ihre Magazine.
Ihre Magazine. Das war es.
Das Glück, das dem abenteuerlichen Zuge Karls anfangs hold gewesen war, hatte sich langsam von ihm gewendet. Seit einem Jahre häufte sich Elend zu Elend. Unfaßbar waren die Russen der schwedischen Tapferkeit ausgewichen, hatten sie nach sich gezogen in Einöden und Wüsteneien, hatten die nach mannhaftem Ringen Begierigen zu fruchtlosen Verfolgungen gereizt und ihre wache Kraft ermüdet. Mählich war die schwächer geworden. Das zielbewußte Vorwärts hatte sich in ein zweckloses Hin und Her verwandelt. Der feste Verband und Zusammenhalt der Heeresglieder lockerte sich. Beschwert von Unlust schritten die wunden Füße nur langsam aus. Regen stürzte und Wind fegte daher. Die Kleider vermorschten, das Riemenzeug verdarb, die Schuhe brachen und ließen die Nässe ein. Krankheit nistete sich ein, vergiftete das Blut und verzehrte das Mark. Mit schmerzenden Hirnen und wunden Füßen schoben sich die Massen weiter. Wohin? Vorwärts? Rückwärts? Niemand wußte es. Einer nur war, der jagte vor ihnen her, ruhelos, rastlos, Flammen im Blick. Er suchte den Sieg. Den Sieg, der ihn floh. Und wie sie ihm nachfolgten, ohne Freude, ohne Lust, da kam es über sie aus den Weiten der Steppen, aus dem Dunkel der Wälder. Kleine, verwegene Trupps. Die Vorhut traf es, die Nachhut, die Flankendeckung. Es waren keine Gefechte, keine Scharmützel. Nadelstiche waren es, lächerliche Nadelstiche. Sie schmerzten nicht. Aber sie reizten. Sie reizten zum Rasendwerden. Doch aller Zorn verpuffte ins Leere. Ein Schwarm Hornissen ließ sich eher fangen, als diese Kosaken auf ihren kleinen, schnellen Pferden. Die Kosaken, die ihnen hätten Verbündete sein sollen und die ihren Hetman verlassen hatten, als er sie aufrief, mit ihnen zu ziehen. Ein Geächteter seines Volkes, barg er sich in der Mitte der Schweden, und die Waffen, die er bestimmt hatte, ihre Macht zu mehren, kehrten sich gegen sie. Ein Unheil zum andern. Das Schlimmste, der Hunger fraß in den Eingeweiden, höhlte die Wangen, schnürte die Leiber zusammen, daß sie sich wanden in Weh, niederstürzten am Wege und in Schmerzen verendeten. Tote, Tote, die keines Feindes Auge gesehen hatten, die von keiner Feindeskugel, keinem Feindeshiebe getroffen waren, zeichneten die Straßen, die die Schweden durch die Steppe gezogen waren.
Drei Tagemärsche vor Pultawa hatte es sich ereignet. Der König war an den Reihen seiner Soldaten vorübergesprengt. Wild, jäh, wie immer. Da hatte einer der Soldaten, ein alter, grauhaariger Mann, sein Brot hochgehalten und es dem Könige hingestreckt mit finsterer Frage. Der hatte sein Pferd gezügelt, das eisenharte, verschimmelte Stück ergriffen, es Bissen um Bissen verzehrt.