[Das sechste Kapitel]

Also ward ich in Eil wieder ein Kerl, der einem braven Soldaten gleich sahe. Mein Herzbruder verschaffte mir noch ein Pferd samt einem Knecht und tat mich als Freireuter zum Neun-Eckischen Regiment. Ich tät aber denselben Sommer wenig Taten, als daß ich am Schwarzwald hin und wider etliche Kühe stehlen half und mir das Brißgäu und Elsaß ziemlich bekannt machte. Im übrigen hatte ich abermal wenig Stern. Mein Knecht samt dem Pferd ward von den Weimarischen gefangen, also mußte ich das ander desto härter strapazieren und endlich gar niederreuten.

So kam ich in den Orden der Merode-Brüder, dann mein Herzbruder gedachte mich zappeln zu lassen, bis ich mich besser vorzusehen lernete. So begehrte ich solches auch nicht, dann ich fand an meinen Consorten eine so angenehme Gesellschaft, daß ich mir bis in das Winterquartier keinen besseren Handel wünschte.

Ich muß nun ein wenig erzählen, was die Merode-Brüder vor Leute sind, dann ich habe bisher noch keinen Scribenten getroffen, der etwas von ihren Gebräuchen, Gewohnheiten, Rechten und Privilegien in seine Schriften einverleibt hätte, unangesehen es wohl wert ist, daß nicht allein die jetzigen Feldherren, sondern auch der Bauersmann wisse, was es vor eine Zunft sei.

Als der berühmte General Johann Graf von Merode einsmals ein neugeworben Regiment zur Armee brachte, waren die Kerl so schwacher baufälliger Natur, daß sie also das Marschieren und ander Ungemach, das ein Soldat im Felde ausstehen muß, nicht erleiden konnten, derowegen dann ihre Brigade zeitlich so schwach ward, daß sie kaum die Fähnlein mehr bedecken konnte. Wo man einen oder mehr Kranke und Lahme auf dem Markt, in Häusern und hinter Zäunen und Hecken antraf und fragte: Wes Regiments? — so war gemeiniglich die Antwort: von Merode. Davon entsprang, daß man endlich alle diejenigen, sie wären gleich krank oder gesund, verwundt oder nit, wann sie nur außerhalb der Zugordnung daherzottelten oder sonst nicht bei ihren Regimentern das Quartier im Feld nahmen, Merode-Brüder nannte, welche Bursche man zuvor Säusenger und Immenschneider genannt hatte, dann sie sind die Brummser in den Immenstöcken, die, wann sie ihren Stachel verloren haben, nicht mehr arbeiten noch Honig machen, sondern nur fressen können. Wann ein Reuter sein Pferd und ein Musketier seine Gesundheit verleurt oder ihm Weib und Kind erkrankt und er zurück bleiben will, so ists schon anderthalb Paar Merode-Brüder, ein Gesindlein, so sich mit nichts besser als mit den Zigeunern vergleichet, weil es denselben beides: an Sitten und Gewohnheiten ähnlich ist. Da siehet man sie haufenweis beieinander, wie Feldhühner im Winter, hinter den Hecken, im Schatten oder an der Sonne um irgend ein Feuer herumliegen, Tabak saufen und faulenzen, wann unterdessen anderwärts ein rechtschaffener Soldat beim Fähnlein Hitze, Durst, Hunger, Frost und allerhand Elend überstehet. Da gehet eine Merodeschar auf die Mauserei, wann indessen manch armer Soldat unter seinen Waffen versinken möchte. Sie spolieren vor, neben und hinter der Armee, alles was sie antreffen und nicht genießen können, verderben sie, also daß die Regimenter, wann sie in die Quartier oder Läger kommen, oft nicht einen guten Trunk Wasser finden. Wann sie allen Ernstes angehalten werden, bei der Bagage zu bleiben, so wird man oft sie stärker finden, als die Armee selbst. Wann sie aber gesellenweis marschieren, quartieren, kampieren und hausieren, so haben sie keinen Wachtmeister, der sie kommandiert, keinen Feldweibel oder Schergianten, der ihren Wams ausklopfet, keinen Korporal, der sie wachen heißt, keinen Tampour, der sie des Zapfenstreichs, der Schar- und Tagwacht erinnert und in summa niemand, der sie anstatt des Adjutanten in Schlachtordnung stellet oder anstatt des Fouriers einlogiert, sondern leben vielmehr wie die Freiherren. Wann aber etwas an Kommiß der Soldateska zukommt, so sind sie die ersten, die ihr Teil holen, obgleich sie es nicht verdient. Hingegen sind die Rumormeister und Generalgewaltiger ihre allergrößte Pest, als welche ihnen zu Zeiten, wann sie es zu bunt machen, eisernes Silbergeschirr an Händ und Füß legen oder sie mit den Kragen zieren und sie an ihre allerbesten Hälse anhängen lassen.

Sie wachen nicht, sie schanzen nicht, sie stürmen nicht und kommen auch in keine Schlachtordnung und sie ernähren sich doch. Der heilloseste Reuterjung, der nichts tut als fouragieren, ist dem Feldherren nützer, als tausend Merode-Brüder, die ein Handwerk daraus machen und ohn Not auf der Bernhaut liegen. Sie werden vom Gegenteil hinweggefangen und von den Bauren auf die Finger geklopft. Dadurch wird die Armee gemindert und der Feind gestärkt. Man sollte sie zusammenkuppeln wie die Windhunde und sie in den Guarnisonen kriegen lernen oder gar auf Galeeren schmieden, wann sie nicht auch zu Fuß im Feld das Ihrige tun wollten, bis sie gleichwohl wieder ein Pferd kriegen.

Ein solcher ehrbarer Bruder war ich damals auch und verbliebs bis zu dem Tag vor der Wittenweyrer Schlacht, zu welcher Zeit das Hauptquartier in Schuttern lag. Als ich damals mit meinen Kameraden in das Geroldseckische ging, Kühe und Ochsen zu stehlen, ward ich von den Weimarischen gefangen, die uns viel besser zu traktieren wußten, dann sie luden uns Musketen auf und stießen uns hin und wieder unter die Regimenter.

Weil ich nunmehr Weimarisch war, mußte ich Breisach belägern helfen, da wachte ich dann wie andere Musketierer Tag und Nacht und lernte trefflich schanzen. Im übrigen aber war es lausig bei mir bestellt, weil der Beutel leer, Wein, Bier und Fleisch eine Rarität, Äpfel und hart, schimmelig Brot (jedoch kümmerlich genug) mein bestes Wildpret.

Solches war mir sauer zu ertragen, Ursache: wann ich zurück an die egyptischen Fleischtöpfe, das ist an westfälische Schinken und Knackwürste zu L. gedachte. Ich sehnete mich niemalen mehr nach meinem Weib, als wann ich im Zelte lag und vor Frost halb erstarrt war. Da sagte ich dann oft zu mir selber: Hui, Simplici, meinest du auch wohl, es geschehe dir unrecht, wann dir einer wieder wett spielte, was du zu Paris begangen? — Und mit solchen Gedanken quälte ich mich wie ein anderer eifersüchtiger Hanrei, da ich doch meinem Weib nichts als Ehre und Tugend zutrauen konnte.

Zuletzt ward ich so ungeduldig, daß ich mich meinem Kapitain eröffnete. Schrieb auch auf der Post nach L. und erhielt durch den Obristen de S. A. und meinem Schwehrvater, daß sie durch ihre Schreiben bei dem Fürsten von Weimar einen Paß von meinem Kapitain zuwege brachten.