Sobald er ihn aber eingelassen und auf der inneren Fallbrücke bewillkommnete, fehlte wenig oder gar nichts, daß er ihm nicht selbst den Steigbügel hielte, seine Devotion zu bezeugen, ja die Ehrerbietung war augenblicklich zwischen beiden so groß, daß der Commissarius abstieg und zu Fuß mit meinem Herrn gegen sein Losament schritt. Da wollte ein jeder zur linken Hand gehen und mehr dergleichen. Ach, gedachte ich, was vor ein Geist regiert die Menschen, indem er je einen durch den andern zum Narren machet!
Wir näherten also der Hauptwache und die Schildwacht rufte ihr Wer-da, wiewohl sie sahe, daß es mein Herr war. Dieser wollte nicht antworten, sondern dem andern die Ehre lassen, daher stellet sich die Schildwacht mit Wiederholung ihres Geschreis desto heftiger. Endlich antwortete der Commissarius: »Der Mann, ders Geld gibt.«
Wie wir bei der Schildwacht vorbeipassierten, und ich so hinten nachzog, hörete ich den Posten brummen: »Ein Mann ders Geld gibt! Verlogener Kund! Ein Schindhund, ders Geld nimmt, das bist! Daß dich der Hagel erschlüge, eh du wieder aus der Stadt kommst!«
Also meinete ich, der fremde Herr mit der sammeten Mutzen müßte ein Heiliger sein, weil nicht allein keine Flüche an ihm hafteten, sondern dieweil ihm auch seine Hasser alle Ehre, alles Liebe und alles Gute erwiesen. Er ward noch diese Nacht fürstlich traktieret, blind vollgesoffen und in ein herrlich Bette gelegt.
Folgenden Tags ging es bei der Musterung bunt über Eck her. Ich einfältiger Tropf war selbst geschickt genug, den klugen Commissarium zu betrügen. Daß ich ihm zu klein vor die Musketen erschiene, staffieret man mich mit einem entlehnten Kleid und einer Trummel aus. Mein Herr ließ in die Rolle meinen Namen einschreiben und nannte mich Simplicius Simplicissimus.
[Das dritte Kapitel]
Als der Commissarius wieder weg war, ließ mich der Pfarrer heimlich zu sich in sein Losament kommen und sagte:
»O Simplici, deine Jugend dauert mich und deine Unglückseligkeit bewegt mich zum Mitleiden. Höre, mein Kind, dein Herr ist entschlossen, dich aller Vernunft zu berauben und dich zum Narren zu machen, maßen er bereits ein Kleid vor dich anfertigen läßt. Morgen mußt du in die Schule, darin du deine Vernunft verlernen sollst. Man wird dich ohn Zweifel so greulich trillen, daß du ein Phantast werden mußt, wenn anderst Gott und natürliche Mittel solches nicht verhindern. Um deines Einsiedlers Frömmigkeit und deiner eigenen Unschuld willen sei dir mit Rat und notwendigen guten Arzneien beigesprungen. Folge nun meiner Lehre: Nimm dieses Pulver ein, welches dir Hirn und Gedächtnus dermaßen stärken wird, daß du, unverletzt deines Verstandes, alles leicht überwinden magst. Auch schmiere dir mit diesem Balsam Schläfen, Wirbel und Genick samt den Naslöchern. Beides brauch auf den Abend, sintemal du keiner Stunde sicher sein wirst. Wann man dich in dieser verfluchten Kur haben wird, so achte und glaube nicht alles, stelle dich jedoch, als wenn du alles glaubtest. Wenn du aber das Narrenkleid anhaben wirst, so komme wieder zu mir, damit ich deiner mit fernerem Rat pflegen möge. Indessen will ich Gott bitten, daß er deinen Verstand und Gesundheit erhalten wolle.«