[Das elfte Kapitel]
Es schicket sich ein Ding auf mancherlei Weise. Des einen Unstern kommt staffelweis und allgemach und einen andern überfällt der seinige mit Haufen. Mein Unstern aber hatte einen so süßen und angenehmen Anfang, daß ich mirs wohl vor das höchste Glück rechnete.
Kaum über acht Tage hatte ich mit meinem lieben Weib im Ehstand zugebracht, da ich in meinem Jägerkleid, mit einem Feuerrohr auf der Achsel, von ihr und ihren Freunden Abschied nahm. Ich schlich mich glücklich durch, weil mir alle Wege bekannt waren, also daß mir keine Gefahr unterwegs aufstieß, ja ich ward von keinem Menschen gesehen, bis ich nachher bei Dütz, so gegen Köln über, diesseits des Rheins lieget, vor den Schlagbaum kam.
In Köln kehrete ich bei meinem Jupiter ein, so damals ganz klug war. Er sagte mir aber gleich, daß ich besorglich leer Stroh dreschen würde, weil der Kaufmann, dem ich das Meinige aufzuheben gegeben, Bankerott gespielet und ausgerissen wäre. Zwar seien meine Sachen obrigkeitlich verpetschiert und der Kaufmann citiert worden, aber man zweifle sehr an seiner Wiederkunft. Bis nun die Sache erörtert würde, könne viel Wasser den Rhein hinunterlaufen.
Wie angenehm mir diese Botschaft kam, kann jeder leicht ermessen. Ich fluchte ärger als ein Fuhrmann, aber was halfs! Auch hatte ich über zehn Taler Zehrgeld nicht zu mir genommen, daß ich also auch nicht so lang aushalten konnte, als die Zeit erforderte. So mußte ich auch besorgen, daß ich verkundschaft' würde, weil ich einer feindlichen Guarnison zugetan wäre. Unverrichteter Sache wollte ich aber nicht wieder zurück und das Meinige mutwillig dahinten lassen. So ward ich mit mir selber ein: Ich wollte mich in Köln aufhalten, bis die Sache erörtert würde, und die Ursache meines Ausbleibens meiner Liebsten berichten. Verfügte mich demnach zu einem Procurator, der ein Notarius war, und erzählete ihm mein Tun, bat ihn, mir um die Gebühr mit Rat und Tat beizuspringen. Ich wollte ihm neben dem Tax, wann er meine Sache beschleunigte, mit einer guten Verehrung begegnen. Er nahm mich gutwillig an, dann er an mir zu fischen hoffte, und dingte mich auch in die Kost. Darauf ging er des andern Tags mit mir zu denjenigen Herrn, welche die Bankerott-Sachen zu erörtern haben, gab die vidimierte Copie von des Kaufmanns Handschrift ein und legte das Original vor, worauf wir die Antwort bekamen, daß wir uns bis zur gänzlichen Erörterung gedulden müßten, weil nicht alle Sachen, davon die Handschrift sage, vorhanden wären.
Also versahe ich mich des Müßiggangs wieder auf eine Zeitlang. Mein Kostherr war, wie gehört, ein Notarius und Procurator, darneben hatte er ein halb Dutzend Kostgänger und hielt stets acht Pferde auf der Streu, welche er den Reisenden um Geld hinzuleihen pflegte, darbei hatte er einen deutschen und einen wällischen Knecht, die sich beides: zu Führen und zu Reiten gebrauchen ließen. Und weil keine Juden nach Köln kommen dörfen, konnte er mir allerlei Sachen desto besser wuchern.
Mein Notarius zehrete von seinen Kostgängern, doch seine Kostgänger nicht von ihm, er hätte sich und sein Hausgesind reichlich ernähren können, wanns der Schindhund nur darzu hätte angewendet. Aber er mästete uns auf schwedisch und hielt gewaltig zurück. Ich aß anfangs nicht mit seinen Kostgängern, sondern mit seinen Kindern und Gesind, weil ich nicht viel Geld bei mir hatte. Da satzte es schmale Bißlein, so meinen Magen, der nunmehr zu den westfälischen Tractamenten gewöhnet war, ganz spanisch vorkamen. Kein gut Stück Fleisch kriegten wir auf den Tisch, sondern nur dasjenige, so acht Tage zuvor von der Studenten Tafel getragen, von denselben überall wohl benagt und nunmehr vor Alter so grau als Methusalem geworden war. Darüber machte dann die Kostfrau eine schwarze, sauere Brühe und überteufelts mit Pfeffer. Da wurden dann die Beiner so sauber geschleckt, daß man alsbald Schachsteine daraus hätte drehen können. Und doch waren sie dann noch nicht recht ausgenutzt, sondern sie kamen in einen hiezu verordneten Behalter, und wann unser Geizhals deren eine Quantität beisammen hatte, mußten sie erst kleingehackt und das übrige Fett bis auf das alleräußerste herausgesotten werden. Nicht weiß ich, wurden die Suppen daraus geschmälzt oder die Schuhe damit geschmieret. An den Fasttägen, deren mehr als genug einfielen und alle solenniter gehalten wurden, weil der Hausvater diesfalls gar gewissenhaft war, mußten wir uns mit stinkenden Bücklingen, versalzenen Polchen, faulen Stock- und andern abgestandenen Fischen herumbeißen, dann er kaufte alles der Wohlfeile nach und ließ sich die Mühe nicht dauren, zu solchem Ende selbst auf den Fischmarkt zu gehen und anzupacken, was die Fischer auszuschmeißen im Sinne hatten. Unser Brot war gemeiniglich schwarz und alt, der Trank aber ein dünn, saur Bier, das mir die Därme hätte zerschneiden mögen, und mußt doch gut abgelegen Märzbier heißen.
Von dem deutschen Knecht vernahm ich, daß es Sommerszeit noch schlimmer hergehe, dann da sei das Brot schimmlich, das Fleisch voller Würmer und ihre beste Speise wäre irgends zu Mittags ein paar Rettiche und auf den Abend eine Handvoll Salat. Ich fragte, warum er dann bei dem Filz bleibe, da antwortete er mir, daß er die meiste Zeit auf der Reise sei, und derhalben mehr auf der Reisenden Trinkgelder als auf seinen Schimmel-Juden bedacht sein müßte. Er getraue seinem Weib und Kindern nicht im Keller, wie er sich selbsten den Tropfen Wein nicht gönne.