[329] da, in den Ausgaben steht als Druckfehler »das«.
[330] Wahns, alle Ausgaben haben: »wann«.
[331] Vgl. den Anhang.
Das neunte Capitel.
Tisch- und Nachtgespräch, und warum Springinsfeld kein Weib haben wolte.
Indessen dieser Discurs und Handlung zwischen Simplicio und Springinsfelden vergieng, näherte sich die Zeit des Nachtessens. Ich wolte mir besonder anrichten lassen, aber Simplicius sagte, ich müste so wol als Springinsfeld sein Gast sein, jener zwar als ein alter Camerad und jetziger neuangestandener[332] Lehrjung, ich aber um dessentwillen, daß ich ihm heut so ein annehmliche Botschaft gebracht, daß nämlich sein Sohn Simplicius von der leichtfertigen Courage nicht geboren worden seie; zu dem seie auch billich, daß er mich beides um den Schreiberlohn und was ich sonst seinetwegen bei den Zigeunern ausgestanden, befriedige. Da wir nun so mit einander redeten, kam auch der junge Simplicius mit noch einem von seinen Collegen, als welcher damals in dieser Stadt studierte und seines Vattern Ankunft vernommen hatte. Er war auch ein riesemäßiger langer Kerl, allerdings wie sein Vatter, und sahe ihm von Angesicht so ähnlich, daß ein jeder, der es auch nicht gewust hätte, unschwer abnehmen können, daß er sein natürlicher Sohn gewesen, ohnangesehen die elende Courage sich einbildet, sie hätte ihn mit einem fremden Kind so meisterlich betrogen.
Also setzten sich zu Tisch der Knan und die Meuder, der alt und junge Simplicius samt seinem Cameraden, dem Studenten, den er mitgebracht, ich, Springinsfeld und Simplicii Baurenknecht. Der Imbs war kurz und gut, weil beide Alte zu Bett eileten, dann sie sagten, ob sie gleich nicht schlafen könten, so thät ihnen doch die Ruhe wol, und dannenhero setzte es auch desto weniger Discursen. Eins gieng vor, woraus ich abnahm, daß Springinsfelds Gedächtnus und Verstand, etwas geschwind zu fassen, nit so gar hölzern war; dann als ermeldter Student verlangte, Simplicii Buch zu sehen, das er ihme von etlichen, die auf dem Mark damit agiren sehen, gar verwunderlich hatte beschreiben lassen, ließe er durch den jungen den alten Simplicium bitten, ob er nicht die Ehr haben könte, solches zu sehen; aber er antwortet, er hätte solches nicht mehr in seiner Possession, doch sagte er zum Springinsfeld, er solte beiden Studenten weisen, was er heut gelernt hätte. Der zog alsbald das Buch herfür und blättert den Studenten die weiße Blätter vor den Augen herum, sagende: »Also glatt und unbeschrieben wie diß weiße Papier seind euere Seelen erschaffen und in diese Welt kommen, und derowegen haben euch euere Eltern hieher gethan (mit solchen Worten wiese er ihnen die Schriften vor), die Schrift zu lernen und zu studieren; aber ihr Kerl pflegt, anstatt löbliche Wissenschaften zu ergreifen, das Geld vergeblich (hie wiese er ihnen die Geldsorten) durchzujagen und zu verschwenden, dasselbe zu versaufen (hie zeigte er die Trinkgeschirr), zu verspielen (und hie die Würfel und Karten), zu verhuren (hie die Dames und Cavaliers) und zu verschlagen (hie das Gewehr). Ich sage euch aber, daß alle diejenige, die solches thun, seien lauter solche Kerl, wie ihr hier vor Augen sehet.«
Und damit zeigte er ihnen die Narren-, Hasen- und Eselsköpfe; und damit wischte er wieder mit dem Buch in Schubsack. Dem alten Simplicius gefiel dieses Stuck so wol, daß er zum Springinsfeld sagte, wann er gewust hätte, daß er die Kunst so bald und so wol begreifen würde, so wolte er ihm nicht halber so viel Lehrgeld abgefordert haben.
Wir machtens mit dem Nachtessen, wie oben gemeldet, nicht lang; bei welchem ich in acht nahm, wie freundlich Simplicius seine beide Alte und diese hinwiederum ihn und seinen Sohn ehreten und tractirten. Da sahe und verspürte man nichts als Lieb und Treu, und ob zwar ein Theil das ander aufs höchste respecirte, so merkte man doch bei keinem einige Forcht, sonder bei jedem blickte ein aufrichtige Verträulichkeit herfür. Der junge Simplicius wuste sich gegen allen am artlichsten zu schicken, und der Baurenknecht, welches sonst plumpe Grobiani zu sein pflegen, erzeigte mehr Zucht und Ehrbarkeit, als mancher eines andern Herkommens, der einen eignen Präceptorem gehabt, mores zu lernen, so daß ich mich verwunderte, wie der ehmal ganz rohe und gottlos gewesene Simplicissimus seine Haushaltung auf einen solchen reputirlichen Fuß setzen und seine so einfältige als grobe Hausgenossen zu solchen löblichen Sitten gewöhnen können. Der Springinsfeld war ganz still, nicht weiß ich, verwundert er sich auch, wie ich, oder spintisiert er über die Geheimnussen, so in der Simplicianischen Gaukeltaschen staken, welche ihm meines Davorhaltens allerhand Nachsinnungen verursachten. Im übrigen ists gewiß, daß selten ein Tisch mit so unterschiedlich bekleidten Leuten besetzt wird, miteinander zu speisen, als wie damals der unserige war. Der Knan sah aus wie ein alter ehrbarer Baurenschultheiß, die Meuder wie seine Frau Schultheißin, der Baurenknecht wie ihr Sohn, der alt Simplicius wie ich ihn bereits oben im zweiten Capitel beschrieben, der jung und dessen Camerad wie zwei Stutzer, Springinsfeld wie ein Bettler, und ich wie ein armer Blackscheißer oder Präceptor in seinem abgeschabenen schwarzen Kleidel zu sehen pflegt.