Wir wurden zusammen in eine Kammer logirt, weil es Simplicius also haben wolte und Springinsfeld den Wirth versicherte, daß er keine Läuse hätte. Diese beide lagen jeder allein, gleichwie hingegen der Knan und die Meuder, die beide Studiosi, und ich und der Baurenknecht beisammen schliefen. Dieser hielte mich so hart, daß ich ohnangesehen der großen Kälte dieselbige Nacht meine Nase wenig unter der Decken behalten konte, der alte Simplicius aber erwiese mit Schnarchen, daß er so wol stark schlafen als viel Essen und Trinken verdauen könte. Gleich wie wir nun gar zeitlich zu Bett gangen, also verbliebe uns an der winterlangen Nacht viel übrig, daß wir nicht durchzuschlafen vermöchten. Der Knan und die Meuder erwachten zum ersten, und indem jener kröchzet, diese aber mit ihm pappelt, wurden wir übrige allsammen munter. Da nun Simplicius merkte, daß Springinsfeld wachte, fieng er an mit ihm zu reden, weil er sich der Zeit ihrer alten Cameradschaft, und was sich da und dort zwischen ihnen beiden zugetragen, erinnerte. Dannenhero gab es Ursach zu fragen, wie es ihm seithero ergangen, wo er bißher in der Welt herum gestürzt[333], wo sein Vatterland wäre, ob er daselbsten keine Verwandte oder nicht auch Weib und Kind und etwan irgends eine häusliche Wohnung hätte, warum er so armselig und zerrissen daher ziehe, da er doch ein Stückel Geld beisammen hätte &c.

»Ach, Bruder«, antwortet Springinsfeld, »wann ich dir alles erzählen müste, so würde uns der siebenstündige Rest dieser langen Nacht viel zu kurz werden. In meinem Vatterland bin ich zwar kürzlich gewesen; gleich wie ich aber niemal nichts Eigens darin besessen, also gönnete es mir auch vor dißmal kein bleibende Statt, sonder ließe mir die Beschaffenheit meines Zustands rathen, ich solte noch ferner wie der flüchtige Mercurius herum wanderen; wie ich dann auch daselbst keinen Verwandten von siebenzehen Graden, geschweige einige Brüder oder sonst nahe Freund angetroffen. Ja es wolte beinahe niemand meinen Stiefvatter kennen, in dessen Heimat ich gleichwol ihm und seinen Freunden gar genau nachgefragt; wie wolte ich dann etwas von meines rechten Vatters und meiner Mutter Freundschaft[334] haben erfahren können, von welchen ich nicht eigentlich weiß, wo sie gebürtig gewesen? Weilen dann nun hieraus leicht abzunehmen, daß ich kein eigen Haus vermag, also ist auch leicht zu gedenken, daß ich keine Hausfrau noch Kinder hab; und lieber[335], warum solte ich mich mit einer solchen Beschwerung beladen? Daß ich aber meine Batzen zusammen halte, daran thu ich nit unrecht, seitemal ich beides weiß, wie schwerlich sie zu bekommen und wie tröstlich sie einem im verlassenen und mühseligen Alter seien. Und daß ich schließlich so schlecht bekleidet aufziehe, solches geschicht auch nicht ohne sonderbare Ursach, seitemal mein Stamm[336] und Interesse dergleichen Kleidungen und noch wol schlimmere erfordert.«

»Ich hätte gleichwol vermeint«, antwortet Simplicius, »wann ich in deiner Haut steckte, es wäre mir rathsamer, wann ich ein Weib hätte, die mir in meinem gebrechlichen Alter vermittelst ehrlicher Lieb und Treu mit Hilf und Rath zu Trost und Statten käme, als dergestalt im Elend herum zu kriechen und mich von aller Welt verlassen zu sehen. Wie vermeinestu wol, daß dirs gehen wird, wann du irgends bettlägerig würdest?«

»O Bruder«, sagte Springinsfeld, »dieser Schuch ist an meinen Fuß nicht gerecht; dann hätte ich eine Alte, so müste ich vielleicht mehr an ihr als sie an mir apothekern; wäre sie jung, so wäre ich nur der Deckmantel; wäre sie mittelmäßig, so wäre sie vielleicht bös und zanksüchtig; wär sie reich, so wär ich veracht; wäre sie arm, so könt ich ja wol denken, daß sie nur meine paar Batzen genommen, geschweige daß ein jeder sich einbilden kan, etwas Rechts werde keinen Stelzfuß nehmen.«

»Ach«, antwortet Simplicius, »wann du jede Hecken fürchten wilst, so wirstu dein Lebtag in keinen Wald kommen.«

»Ja, Bruder«, sagte Springinsfeld, »wann du wüstest, wie übel mirs mit einem Weib gangen, so würdest du dich gar nit verwundern, wann verbrennte Kinder das Feur förchten.«

Simplicius fragte: »Vielleicht mit der leichtfertigen Courage?«

»Wol nein«, antwortet Springinsfeld; »bei derselbigen hatte ich ein güldene Herrnsach, ohnangesehen sie mir gleichsam offentlich aus dem Geschirr schlug[337]; aber was geheite es mich? Sie war doch nicht meine Ehefrau.«

»Ei pfui«, sagte Simplicius, »rede doch nicht so grob und unbescheiden; denke, daß du bei ehrlichen Leuten seiest! Aber höre, wann dich eine etwan betrogen, vermeinestu drum, es sei kein ehrlich Weib mehr, die treulich mit dir hausen werde?«