Die Reaction richtete sich vor allen Dingen gegen den materiellen Inhalt, den man ohne das directe Gegengewicht ausdrücklich betonter moralischer Tendenzen nicht gelten lassen wollte, dann gegen die Anachronismen, »die unchristlichen und närrischen Zauberpossen« u. s. w.; sie erblickte in solchen Dingen mit Recht eine die Phantasie mit inhaltslosen Träumereien erfüllende und die Sinne aufregende Lektüre.
Philander von Sittewalt, der sittenstrenge Moscherosch, trägt kein Bedenken, dem Urheber solchen Unsinns neben andern Scribenten in der Hölle sein Quartier anzuweisen, und zwar in der reservierten Abtheilung der Procuratoren und Advocaten, »als Leuten, die in diesen Stücken vor andern wohl erfahren«. Logau bezeichnet die ganze Gattung, wie es kaum besser geschehen kann, durch die Bemerkung, sie schärfe die Zunge, aber stumpfe die Sinne; vor der dadurch erworbenen Klugheit habe die Keuschheit ein Grauen, nicht ohne Hinblick auf die alte gute Zeit, wo die Junker die Lieder vom »Tannenbaum« und »Lindenschmied« sangen und die Jungfern über Haus- und Landwirtschaft zu sprechen wußten, der modernen Heldenzeit gegenüber, die von Krieg und Mannesmuth redet, und wo die Damen ihren Beruf in der »Courtoisie« erblicken.
Ja, der braunschweigische Superintendent Andreas Heinrich Buchholz trieb den Eifer so weit, daß er den Versuch machte, »das schandsüchtige Amadisbuch«, wie er es nannte, durch zwei dickleibige eigene Romane, den »Christlichen deutschen Großfürsten Hercules u.s.w.« (1659) und »den Christlichen königlichen Fürsten Herculiscus« (1665), die dem verhaßten Gegner an Umfang nichts nachgeben und sogar demselben in Bezug auf die Sprache viel verdanken, in der Gunst des Publikums zu verdrängen. Sie sollten den Leser zu einem heilsamern Geschmack hinüberziehen und nicht allein das »weltwallende«, sondern zugleich das »geisthimmlische« Gemüth erquicken und auf der Bahn der rechtschaffenen Gottseligkeit erhalten. Grimmelshausen wird den heiligen Zorn des Mannes belächelt haben wie die weitschweifige Art des Buches, das selbst so ziemlich an der Spitze der modernen Helden- und Liebesgeschichten steht. Er ist auch darin entschiedener Realist, daß er sich nicht in Declamationen ergeht, sondern einfach das Buch als Quelle der Bildung einer fahrenden Buhlerin in die Hand gibt, die damit dennoch nicht über die allgemeine Schwäche der Frauen im Gebrauch der Fremdwörter hinauskommt, und einen ungebildeten Landsknecht oder einen renommistischen Junker ihre Liebeswerbungen in Amadisischen Redewendungen anbringen läßt.
Das Verhältniß zu Simplicissimus ist als durchgehendes Motiv für die Form der Darstellung in geschickter Weise benutzt. Die Benennung »Trutzsimplex« ist schon insofern bezeichnend, als dieselbe andeutet, die Lebensgeschichte der Landfahrerin stehe an Abenteuerlichkeit der ihres frühern Liebhabers ebenbürtig gegenüber, aber noch mehr, alles sei zum Aerger dieses Mannes geschrieben. Darum die häufigen Apostrophen an den Verhaßten, die Schadenfreude, mit der sie darauf aufmerksam macht, wie sie ihn angeführt, das Behagen, mit welchem sie erzählt, daß sie es war, die seinen Gefährten Springinsfeld in der Schule jeder Schlechtigkeit erzog, wie sie den verliebten jungen Mann endlich weggeworfen, nachdem sie ihn völlig beherrscht und ausgenutzt, und ihn in einem gewissen Anflug von Humor mit einem Danaergeschenk entlassen habe, das ihn, wie sie hoffte, noch schließlich um die ewige Seligkeit hätte bringen können.
Wie die ganze Grundlage des kleinen Vagabundenromans eine historische ist, so wird auch die Heldin desselben persönlich in eine Art von geschichtlicher Beziehung gesetzt. Libuschka ist das Kind der Liebe eines hochgestellten Mannes[2], der einst der gewaltigste Herr von Böhmen gewesen war. Er gehörte zu der Zahl derer, die dem Racheact gegen »die Rebellen« zu Prag (im Juni 1621) entgangen waren. Dem Anfangsbuchstaben nach könnte man an den Grafen Matthias von Thurn denken, aber ich glaube, Grimmelshausen hat den Grafen Ernst von Mannsfeld im Sinne gehabt, auf den die Umstände zu passen scheinen. Er wurde schon 1618 »wegen eigenmächtiger Werbung, sonderlich wegen Belagerung und Einnahme der Stadt Pilsen in des Heiligen Römischen Reichs Acht verfallen« erklärt, »aus dem Frieden in Unfrieden gesetzt, und sein Leib, Hab und Gut jedermänniglich erlaubt« (Gottfried, Historische Chronik, II. 13). Diese Achtserklärung wurde 1622 wiederholt. Damals, als Courage durch einen schwedischen Offizier aus den Händen brutaler Soldaten gerettet wurde, befand sich Mannsfeld bei Bethlen Gabor in Ungarn; die Beziehungen dieses Fürsten zur Türkei und seine eigene Reise nach Konstantinopel, von wo er über Venedig nach England ging, um ein Hülfegesuch im Namen Bethlen's zu überbringen, mögen Veranlassung zu den Zeitungsgerüchten von seinem Uebertritt zum Islam gegeben haben.
Die Aufzeichnungen der Landstörzerin beginnen mit dem ersten Act des Kriegsdramas, welches sich nach dem Tode des Kaisers Matthias, der dem Frieden mit den böhmischen Ständen nicht abgeneigt schien, auf dem Boden des Königreichs abspielte, zur Zeit als es dem jungen König Ferdinand, bei dessen Regierungsantritt alle Hoffnung auf Versöhnung aufgegeben wurde, eben gelungen war, seinen Freund und Studiengenossen zu Ingolstadt, Maximilian Emanuel von Baiern, für sich zu gewinnen, da nach der Wahl des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König von Böhmen seine Hausmacht zur Bekämpfung der evangelischen Union nicht mehr ausreichend erschien. Maximilian sammelte ein Heer bei Donauwörth. Indessen hatten diplomatische Unterhandlungen des gewandten Ferdinand, bei denen er das Gespenst des Calvinismus wirksam in Erscheinung treten ließ, den Erfolg gehabt, die Böhmen zu isolieren, was durch den Vertrag zu Ulm (3. Juli 1629) thatsächlich geschah. Maximilian ging sofort nach Oberösterreich, zwang die protestantischen Stände zur Huldigung, vereinigte sich mit dem kaiserlichen Heere unter Karl Bonaventura von Longueval, Grafen von Buquoi, in Unterösterreich und zwang so die böhmische Streitmacht, zum Schutz des Königreichs abzuziehen. Die festen Plätze in Niederösterreich wurden theils verlassen, theils von den Baiern und Kaiserlichen genommen. Als zuletzt auch die Belagerung des starken Drosendorf vor dem Anmarsch der siegreichen Armee aufgehoben werden mußte, wandten sich die Böhmen gegen Znaim nach Mähren; das kaiserliche Heer zog darauf nach Budweis, wo der Feldzugsplan festgestellt wurde (im September). Buquoi wollte zwar den Böhmen nach Mähren folgen, fügte sich aber der Ansicht daß es gerathener sei, direct auf Prag zu marschieren, und zwar noch vor Anbruch des Winters, der den Böhmen nur günstig sein konnte, um dem Feinde keine Zeit zu Verstärkungen und Befestigungsarbeiten zu lassen. Während der Baier sich gegen Wodnian an der Blanitz im Kreis Pissek wandte — es ist also ein Irrthum Grimmelshausen's oder ein Druckfehler, wenn (Kap. II.) statt dessen Budweis genannt wird —, zog Buquoi auf Pragatitsch, welches erst nach hartnäckiger Gegenwehr seiner Bewohner, und nachdem sich der Graf aus dem baierischen Lager durch Geschütz verstärkt hatte, im Sturm genommen wurde. Die erbitterten Truppen begannen nun die furchtbare »Kirchweih«, welche Libuschka, das junge »fürwitzige Ding«, aus der Stille des Hauses, in dem sie aufgewachsen, in den Strudel des Lebens hinauswarf. Es sind an diesem Tage in dem Städtchen, welches heute kaum 4000 Einwohner zählt, mehr als 1500 Menschen erschlagen worden.
Es lag jetzt freilich in der Absicht der Kaiserlichen, auch Pilsen in ihre Gewalt zu bekommen, aber dieser Plan wurde damals noch nicht ausgeführt; also auch hier ist Grimmelshausen ungenau, denn erst 1621 ging die Stadt an Tilly verloren, der die Besatzung zum Theil durch Geld vermocht hatte, zu ihm überzugehen, während die übrigen mit Sack und Pack abzogen. Dagegen ist die Erwähnung einer Verwundung Buquoi's (S. [16]) richtig; er erhielt in einem Gefecht bei Rakonitz (Ende October) gegen die Ungarn eine Schußwunde am Schenkel.
Nach der Schlacht am Weißen Berge ging Maximilian nach Baiern zurück; den Fürsten von Lichtenstein hatte er zum Statthalter von Böhmen ernannt und ihm Tilly mit einem Theil der Armee beigegeben, während der Kurfürst von Sachsen zur Execution der Reichsacht in die Lausitz abzog. Buquoi dagegen wandte sich über Deutschbrod nach Mähren. Libuschka folgte mit ihrem Rittmeister seinen Fahnen. So kamen sie nach Iglau, waren zu Neujahr in Brünn, und darauf in Olmütz. Der weitere Marsch nach Ungarn im Frühling 1621 verlief anfangs glücklich, bis zur Belagerung von Neuhäusel, die dem tapfern General das Leben kostete. Als nun gar Bethlen Gabor's Vortrab heranrückte, sah das kaiserliche Heer sich zum Rückzuge genöthigt. Libuschka's Geliebter kam mit einer flüchtigen Abtheilung verwundet nach Preßburg, wo er starb. Die Belagerung der Stadt durch Bethlen mußte aufgegeben werden, was die Kaiserlichen hauptsächlich der von Grimmelshausen erwähnten Hülfe aus Mähren zu danken hatten.
Bei Weidhausen in den Schanzen, welche damals der Mannsfelder den Baiern übergeben hatte, finden wir die junge Witwe mit einem andern Manne wieder. Der Graf hatte sich in gefährlicher Lage befunden, da Ritterschaft und Städte der Oberpfalz sich ergeben hatten. Er suchte sich durch eine List zu helfen, indem er den Schein annahm, als wolle er mit seinem Heere in kaiserliche Dienste treten; er war nach der Unterpfalz abgezogen und hatte erst hier die Maske fallen lassen, während wegen des glücklichen Ereignisses in Prag und andern Städten das Tedeum gesungen und die Glocken geläutet wurden. Libuschka war bei Mingelsheim und Wiesloch, wo die Baiern eine empfindliche Niederlage erlitten, unter Tilly bei Wimpfen gegen den Markgrafen von Durlach, bei Höchst gegen den tollen Braunschweiger Christian, lag mit vor Mannheim, welches im September 1622 accordierte, und verließ nach der Blokade von Frankenthal das Heer, während Tilly's Truppen Winterquartiere in der Wetterau bezogen.
Der Lieutenant, der Libuschka schmählich verlassen, war indessen in der Schlacht bei Fleury gefallen. Es muß auffallen, daß Grimmelshausen hier geradezu dem spanischen Heere den Sieg zuschreibt, während derselbe doch mit größerm Recht von Mannsfeld und Herzog Christian in Anspruch genommen werden konnte. Die Auffassung Grimmelshausen's weist direct auf das »Theatrum Europaeum« als Quelle hin, wo ebenfalls Gonsalvo de Cordova als Sieger bezeichnet wird, obgleich der ausführliche Bericht über die Schlacht das Gegentheil ergibt. Aber der Dichter konnte ja unmöglich alles aus eigenen Erinnerungen schöpfen, und das genannte große Sammelwerk, welches seit 1664 herauskam, schien eine zuverlässige Quelle zu sein. Dagegen waren ihm die Ereignisse in Niedersachsen unter Tilly sehr genau bekannt. Wir wollen hier Einzelnes hervorheben, was nur wenigen Historikern von Fach bekannt sein dürfte und fast der Vermuthung Raum läßt, der Verfasser sei bei den erzählten Ereignissen persönlich zugegen gewesen. Wirklich schickte Wallenstein die Herzoge Georg von Lüneburg und Heinrich Julius von Sachsen-Lauenburg und die Obersten von Four, Hausmann und Cerbon dem Oberfeldherrn mit 7000 Mann zu Fuß und zu Pferd zu Hülfe. Courage kam ihrer Erzählung nach, wahrscheinlich mit diesen Truppen, bei den »Häusern Gleichen« in der Nähe von Göttingen, die damals dem Landgrafen von Hessen gehörten, zu den Tilly'schen, welche in jener Gegend übel hausten; namentlich hatte die als hessisches Lehn heimgefallene Herrschaft Plesse viel zu leiden. Im Frühling 1626 hatte hier das Regiment des Obersten Kronenberg Quartiere bezogen. Unter den Gleichen liegt ein zu jener Zeit hessisches Gut Wittmarshof, das Tilly zerstört hatte. Eine Compagnie des Herbersdorfer Regiments lag hier im Quartier.