Der weitere Verlauf des Feldzugs ist, kurz gefaßt, folgender. Die Schlacht bei Lutter am Barenberge wurde am 17. August geschlagen. Nachdem seine Armee sich zu Wolfenbüttel einigermaßen erholt hatte, ließ der Dänenkönig sie jenseit der Unterelbe marschieren und verlegte sein Hauptquartier zuerst nach Buxtehude, von da nach Stade. Die im Bremischen gelegenen festen Plätze waren mittlerweile in die Hände der Kaiserlichen gefallen. Auf dem Landtage in Rendsburg versprachen nun die Stände, mit gesammter Hand die Gegenwehr zu ergreifen. Es folgte bald daraus die zu Ende des 11. Kapitels erwähnte Einnahme von Hoya, dessen Besatzung am 12. December, nachdem der erste Sturm abgeschlagen worden, capitulierte. Der König hatte es auch auf Verden abgesehen, mußte jedoch wegen der bei Hoya erlittenen Verluste diese Absicht aufgeben. Indessen war auch die Versöhnung des Herzogs Friedrich Ulrich von Braunschweig mit dem Kaiser zu Stande gekommen; der Widerstand in Niedersachsen war gebrochen, das dänische Heer über die Elbe bis nach Jütland gedrängt.

Den Erlebnissen in Italien liegen folgende Thatsachen zu Grunde. Der Tod des Herzogs Vincenz Gonzaga von Mantua und Montserrat hatte zu ernstlichen Verwickelungen geführt. Durch den Fürsten war der nächste Agnat seines Hauses, der Herzog von Nevers, noch ausdrücklich durch Testament als Erbe eingesetzt worden. Die beiden Häuser von Habsburg erblickten darin eine Gefahr für ihren Einfluß in Italien zu Gunsten Frankreichs, das auch in der That dem legitimen Nachfolger seine Hülfe zusagte, und wünschten seinem Vetter aus der zweiten Gonzagischen Linie die Reichslehen zu verleihen, ein Plan, für den sich auch Savoyen erklärt hatte. Es wurde jedoch ein Vergleich geschlossen, durch den Frankreich dem Herzog von Savoyen einen Theil von Piemont restituirte und die begonnene Belagerung von Casale aufgehoben wurde. Doch schon im folgenden Jahre sagte sich Savoyen von dem Vergleich los. Die Spanier unter Spinola zogen wieder vor Casale, aber bei der kräftigen und geschickten Gegenwehr des Commandanten Tohras ohne Erfolg. Nun rückten auch die Oesterreicher unter Colalto, Gallas, Altringer ein. Mantua, seit dem November 1629 eingeschlossen, fiel im Juli des folgenden Jahres; die Kaiserlichen hatten ein Einverständniß in der Stadt unterhalten, so wurde es möglich, in der Nacht sich derselben auf Schiffen zu nähern, die Thore zu sprengen und die schwache Besatzung zu überwältigen. Die Folge war der Anfang von Unterhandlungen und der endliche Friedensschluß zu Chierasco, dessen Hauptbestimmung in der Anerkennung des Herzogs von Nevers bestand. Die Verhandlungen waren das Werk Mazarin's, der hier zuerst Gelegenheit fand, seine großen politischen Talente zu zeigen. In der letzten Zeit hatte die Pest Italien, namentlich Venedig, Mailand, Mantua schwer heimgesucht. Deshalb wurde nach Beendigung des Feldzugs die Heeresabtheilung, bei welcher Courage sich befand, in die kaiserlichen Erblande und zwar ins freie Feld an der Donau verlegt.

Nach der Einnahme von Prag durch Wallenstein im Mai 1632, das seit November 1631 sich in den Händen der Sachsen unter Arnheim (Arnim) befunden hatte, lebte die Landfahrerin in dieser Stadt. Noch einmal verheirathet, begleitet sie ihren Mann wieder ins Feld bis zur Schlacht bei Nördlingen, die sie wieder zur Witwe macht, folgt darauf der Armee, auf dem Marsch gegen den Bodensee und nach Würtemberg, um sich in der Heimat ihres in Hoya gefallenen Hauptmanns, der sie zum Erben seiner liegenden Güter eingesetzt, häuslich niederzulassen. Nun geht es abwärts, die fatale Episode mit Simplicissimus und ihre Liederlichkeit bringen sie um Haus und Hof, und wir sehen sie wieder als Marketenderin bei den Weimarischen im armseligsten Aufzuge mit einem gemeinen Musketier umherziehend, bis zum Gefecht bei Herbsthausen, wo der baierische Generallieutenant von Mercy die Franzosen unter Turenne schlug. Sie geräth nun unter eine Zigeunerbande, die sie nach Böhmen begleitet, wo zu Anfang des Jahrs 1645 Torstenson eingerückt war. In diesem neuen Stande, der ihr auch in Friedenszeiten eine gewisse abenteuerliche Freiheit gewährte, findet das Leben der merkwürdigen Tochter Eva's einen anständigen Abschluß. In spätern Jahren sollte sie — so erfahren wir aus einer der satirischen Schriften Grimmelshausen's — den geliebten und gehaßten Simplicissimus noch einmal wiedersehen. In Grießbach, so erzählt das im Jahr 1672 erschienene »Rathstübel Plutonis oder Kunst reich zu werden«, hatte sich eine aus den verschiedensten Ständen zusammengesetzte Gesellschaft eingefunden. Einst unternahm man unter Führung eines vornehmen Touristen, eines »reisenden Landbeschauers«, einen Spaziergang in die Umgegend und stattete auch dem auf seinem Bauerhofe lebenden »weit berufenen« Simplicissimus einen Besuch ab. Hier beginnt ein Gespräch über das auf dem Titel genannte Thema, an dem auch der Knan und die Meuder theilnehmen. Da erscheint plötzlich die alte Courage auf ihrem Maulesel; Simplicissimus holt auch den alten Stelzfuß Springinsfeld herbei. Die Gesellschaft hat die Simplicianischen Schriften gelesen und kann nun die ehrenwerthe Sippschaft in der Nähe betrachten, und diese findet am Ende ihrer Tage Gelegenheit, in leidenschaftsloser Beurtheilung das Sonst und Jetzt zu erwägen.

Die Leser des »Simplicissimus« erinnern sich des jungen Kriegsmanns, mit dem der Jäger von Soest im westfälischen Feldzuge gute Kameradschaft geschlossen hatte. Sie werden ihre Erwartungen nicht zu hoch spannen, wenn sie in der zweiten Erzählung dieses Bandes die Geschichte seines Lebens: »Den seltzamen Springinsfeld«[3], zur Hand nehmen. Auch im »Trutzsimplex« ist ihm keine Rolle angewiesen, die ihn besonders interessant erscheinen ließe. Man muß den kleinen Roman nur im Zusammenhang des größern Ganzen, als Illustration einer eigenthümlichen Seite des Kriegslebens betrachten, in dieser Beziehung als einen Pendant zur »Landstörzerin Courage«.

Springinsfeld ist der Repräsentant der gewöhnlichen Kriegsleute seiner Zeit, die eben nur Soldaten sind und weiter nichts, von der Art, wie das Geschick oder die Neigung sie zu Tausenden den Regimentern zuführte, wo manchem Fortuna hold war, die meisten aber ein frühes Grab auf grüner Heide fanden; auch darin ein Seitenstück zu Libuschka, daß beide, um sich durchzuschlagen, ihre natürlichen Gaben: Muth und Ausdauer, Kraft und Schönheit, Humor und Schlauheit, ihrem Geschlecht gemäß ausnutzen. Solche Leute waren den Führern willkommen; der frühere Seiltänzer und Gaukler war frisch und gewandt, unerschrocken und unbedenklich; sonst geistig nur mittelmäßig begabt, leichtsinnig und nur des nächsten Tages gedenkend, alles im geraden Gegensatz zu dem alten Kriegsgefährten, der gegen des Lebensende beider, als nach länger denn dreißig Jahren der Zufall sie zusammenführt, auf das schärfste hervortritt. Der Bauerknabe aus dem Spessart hatte redlich wider die Wellen des Stromes angekämpft und war endlich zu Land geschlagen; das Kind des Gauklers hatte sich treiben lassen, ohne nach Ruhe zu fragen, ja ohne dieselbe ertragen zu können, und mußte seinem guten Geschick danken, daß der alte Kamerad sich seiner erinnerte und ihn davor bewahrte, ein verfehltes Leben hinter dem Zaun oder besten Falls in einem Hospital zu enden.

In dem Namen schon ist der ganze Charakter des Abenteurers, damals wie heute für jedermann verständlich, ausgesprochen, wenngleich Courage eine schalkhafte Geschichte erzählt, welche die Entstehung desselben auf eine besondere Veranlassung zurückführt. Er gehört zu der Zahl von Namen, die, alten volksthümlichen Benennungen von Elben und Kobolden entnommen, in Märchen und Sagen, vorzüglich aber in Hexenprocessen vorkommen. Dieser Ursprung ist auch darin erkennbar, daß die meisten derselben an Wald und Feld erinnern. So ist z. B. Zum-Wald-fliehen geradezu das Gegentheil von Spring-ins-Feld; andere sind: Hurlebusch, Hans vom Busch, Grünlaub, Grünewald, Grünedel mit einer Bedeutung, die sogar an die französischen noms de guerre, wie Sautebuisson, Jolibois, Verdelet anklingt. Später wurden dieselben auf christliche Teufel übertragen und gingen als eigentliche Kriegsnamen, wo es galt den wahren Namen zu verstecken, auf Soldaten, Räuber und Landfahrer über. In pseudonymen Fehdeerklärungen, unter Droh- und Brandbriefen sind sie in Deutschland nicht selten.

Ich glaube, in diesen leichthingeworfenen Schilderungen ist ein großer Theil eigener Erfahrungen und wirklich vorgefallener Geschichten aus dem Leben eines ehemaligen Kriegsgefährten Grimmelshausen's selbst niedergelegt, dessen Name in den Erinnerungen des gereiften und zur Ruhe gekommenen Mannes mit mancher Soldatengeschichte verknüpft war. Dafür sprechen auch die zahlreichen und genauen geschichtlichen Details, die kaum anderswoher als aus persönlichen Erlebnissen und eigener Beobachtung geschöpft sein können. Den meisten Lesern unserer Sammlung wird der Zusammenhang der rasch und ohne Ruhepunkte durch den alten Kriegsknecht erzählten Begebenheiten schwer verständlich sein; für diese sind die folgenden Bemerkungen bestimmt, nicht für den Kenner der Geschichte, der sich überall selbst zurecht finden wird; natürlich müssen wir auf vollkommene Klarstellung jeder Einzelheit verzichten.

Springinsfeld's Soldatenlaufbahn beginnt unter Spinola in der Pfalz, er war bei der Belagerung von Frankenthal im October 1621 unter Gonsalvo de Cordova, und kam zu Tilly eben vor der unglücklichen Schlacht bei Wiesloch, dann bei Wimpfen und im Lohner Bruch bei Stadtlohn gegen Herzog Christian von Braunschweig. Nach Beendigung des dänischen Krieges ging er mit Libuschka nach Italien. Mit dem Obersten Johann Altringer (gefallen 1634 bei Landshut) kehrte er nach Deutschland zurück, diente in Niedersachsen und nahm an den Hauptereignissen, Schlachten und Belagerungen im Holsteinschen, in Thüringen und Hessen, eine Zeitlang auf schwedischer Seite, theil, nachdem er gefangen genommen; zog unter Pappenheim nach Westfalen, dann vor Hameln und gegen Banner bei Magdeburg. Mit Pappenheim's glücklichem Stern war er darauf wieder in Westfalen, darauf bei den Schanzen vor Mastricht gegen Bavadis und die Hessen, vor Wolfenbüttel und Hildesheim, bis er mit des Generals Scharen zu Wallenstein stieß. Nach der Schlacht bei Lützen, als in der Nacht darauf die kaiserliche Armee zunächst nach Leipzig und gleichsam flüchtig, obgleich von den Siegern unverfolgt, nach Böhmen marschirte, begann für unsern Abenteurer, der eben noch daran gedacht hatte, Offizier zu werden, eine trostlose Zeit. Er hatte alles, was er besaß, verloren und mußte, von den Altringerschen erkannt, wieder bei seinem alten Regiment eintreten, womit die lustige Freireuterschaft, die er eine Zeitlang geführt, ein Ende hatte. Er mußte nun bei Kempten und Memmingen und gegen den schwedischen Obersten Forbus als Dragoner dienen, und lag, nachdem das Regiment mit Wallenstein nach Schlesien gekommen war, an der Pest danieder. Als er wieder zu seinem Regiment kam, war das Trauerspiel zu Eger beendet; der junge König Ferdinand hatte selbst die Führung eines 60000 Mann starken Heers übernommen.

Springinsfeld's weitere Erlebnisse bewegen sich in ziemlich bekannten Ereignissen; er kämpfte mit Altringer und Johann de Werth gegen die Schweden bei Landshut auf der Brücke, nach der Vereinigung mit dem Cardinal-Infanten Ferdinand bei Nördlingen. Inzwischen war das Bündniß mit Frankreich zu Stande gekommen. Der Heeresabtheilung Philipp von Mannsfeld's wurde durch Bernhard von Weimar scharf zugesetzt, und auch Springinsfeld's Regiment war bis auf einen kleinen Rest zusammengeschmolzen. In Westfalen von den Hessen gefangen, mußte er nun im Erzstift Köln gegen die Kaiserlichen dienen, half bei Kempten den Generalmajor Wilhelm Grafen von Lambboy aus dem Felde schlagen und gelangte, als die Franzosen unter dem Grafen Guebriant sich nach Frankreich zurückzogen, wieder zu seinem Regiment. So ging es in kleinen Gefechten weiter bis zur Affaire von Rottweil; besonders hier scheinen die erzählten Einzelheiten auf eigener Anschauung zu beruhen. Der geschichtliche Verlauf ist folgender.

Die Weimarischen, in der Absicht, über die Donau in Baiern einzubrechen, hatten den Rhein überschritten und zogen über den Schwarzwald auf Rottweil; der Generalmajor Reinhold von Rosen rückte im November 1643 vor die feste Stadt Balingen, die er für unvertheidigt hielt, fand dieselbe aber von den Baiern schon besetzt und verlegte seine 1200 Reiter in das naheliegende Dorf Geislingen. Davon hatte aber der General Spork durch einen Bauern Nachricht erhalten und führte nur mit 520 Pferden einen nächtlichen Ueberfall aus, der so glänzend gelang, daß die feindliche Reiterei größtentheils niedergehauen, 200 Mann mit einer Anzahl höherer Offiziere gefangen wurden, und Rosen selbst nur mit wenigen Leuten auf ein benachbartes Schloß entkam. Um diesseit des Rheins einen festen Punkt für ihre Operationen zu haben, machten dann Guebriant und Ranzow den Versuch, Rottweil zu nehmen; dies gelang erst nach tapferster Gegenwehr und nach der tödtlichen Verwundung des französischen Generals durch Capitulation. Da jedoch die Gegend wegen Mangels an Fourrage für Winterquartiere sich als ungeeignet erwies, entschloß man sich, in die Landstrecken von Müllen bis Donaueschingen einzurücken. Die Stäbe mit allem Geschütz und zwei Regimentern zu Fuß kamen in Tuttlingen zu liegen; die übrigen unter Ranzow und Rosen erhielten ihren Stand in der Umgegend. Nun hatten die Kaiserlichen und Bairischen unter dem Herzog von Lothringen, Melchior von Hatzfeld und Franz von Mercy die Donau überschritten und erfuhren hier die Stellung des Feindes. Der Reitergeneral Johann von Werth führte den Vortrab; durch Wälder und Engpässe ging der Marsch direct auf die Stadt, wo das Heer, wegen heftigen Schneewetters unbemerkt, am 23. November a. St. 1643 anlangte. Die Ehre des ersten Angriffs wurde dem Regiment des kurbairischen Obersten Johann Wolff zutheil, zu dem Springinsfeld gehörte; derselbe erfolgte auf das weimarische Geschütz bei der Kirche unter dem Schloß Homburg so rasch, daß das Hauptquartier den Verlust erst bemerkte, als die Wolffischen die eroberten Stücke gegen die Stadt kehrten; auch das Schloß war bald genommen. Reinhold von Rosen zeigte sich zwar abends vor Tuttlingen, zog sich aber bald zurück, verfolgt von dem Oberstwachtmeister Caspar von Mercy (gefallen bei dem Angriff der französischen Armee auf die bairischen Schanzen vor Freiburg im Juli 1644); dieser vernichtete drei Brigaden Fußvolk, während Johann von Werth die feindliche Reiterei bei Müllen verjagte; bald befand sich die gesammte schwedische Armee sammt den Franzosen in voller Flucht, und das Hauptquartier mußte sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Rosen, durch die Besatzung von Rottweil verstärkt, ging durch das Kinziger Thal bei Neuenburg über den Rhein nach dem Elsaß; ein Theil des geschlagenen Heeres war in die Schweiz entkommen. Dies war die sogenannte »Tuttlinger Kirchmeß«, die den Schweden mehr als dreißig Regimenter kostete.