Secundus aber ging hinaus und weinte bitterlich.

Während sie die Woche im Gefängnis erleidet, in eine Zelle gesperrt mit zwei Gewohnheitsdiebinnen und einer alten lesbischen Dirne, die sie bei Nacht mit Anträgen und unzüchtigen Zärtlichkeiten verfolgt, geplagt von Unreinlichkeit, einer höllischen Wächterin Stößen und Speichel preisgegeben, sorgen anonyme Briefe, denen Zeitungsausschnitte über die Verhandlung beigeklebt sind, an ihre Vermieterin und die Familien, die ihr Stunden gewährten, für den völligen Zusammenbruch ihrer materiellen Existenz. Dem Gefängnis entlassen, findet sie sich wohnungs- und subsistenzlos. Ein neues Zimmer, das sie mit Hilfe des letzten verkauften Ringes mietet, und neue Stunden, durch Annoncen gewonnen, werden ihr nach Ablauf einer Woche auf Grund der anonymen Briefe aufgekündigt. Der Versuch, in eine Modisterei als Aufputzerin einzutreten, scheitert an der Wachsamkeit des Verfolgers. Auch in einem dritten Zimmer bei einer alten, hochmütigen Beamtenswitwe kann sie sich nicht halten und als sie es in einem vierten mit einer Falschmeldung wagt, wird sie von unbekannter Seite angezeigt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie entschließt sich endlich, ein allzu teures Zimmer in einer ziemlich fragwürdigen Pension zu nehmen, wo ihr wenigstens der Steckbrief kaum zu Schaden gereichen kann. Seitens der Pensionsinhaberin an sie gestellte Anträge, sich an einem der »intimen Abende« in der Pension zu zeigen, lehnt sie – nicht mit Entrüstung oder Entsetzen – nur mehr müde und aus Gleichgültigkeit fast schon erliegend ab.

Nun hält Secundus die Zeit für reif geworden und geht zur Adèle Osterer.

Die Osterer ist die Besitzerin zweier großen Maisons des rendez-vous in Wien und Budapest und des elegantesten Bordells der City. Sie ist etwas wie eine Präsidentin des internationalen Mädchenhändlertrustes, nimmt eine anerkannte soziale Position ein, protegiert manchmal die Polizei bei ihren Streifungen und ist ob ihrer Beziehungen, die von rumänischen Bauernhöfen bis in die höchsten Kreise reichen, gefürchtet und unantastbar wie ein Abgeordneter.

Bei dieser Dame läßt sich Secundus melden, wird in einem strotzenden Salon empfangen und steuert nach Austausch gegenseitiger Höflichkeiten direkt auf sein Ziel los.

»Sagen Sie mir, ganz im Vertrauen, beste Frau Adèle, haben Sie die Nhilius schon?«

Sie lächelt geschmeichelt, daß der Puder stiebt. »Durchlaucht überschätzen mich. Ich habe die Dame allerdings seit längerer Zeit ins Auge gefaßt, glaubte aber bisher den Moment für ein Eingreifen meinerseits noch nicht gekommen.«

»Ich wußte, daß Ihnen dieser interessante Fall nicht entgangen sein könnte.«

»Gott, Durchlaucht – man muß doch ein Auge für die Vorgänge dieser Welt haben. Meine Hauptgeschäfte wickeln sich in der großen Gesellschaft ab. Ich spüre ihren Herzschlag, ich fühle gleichsam ihren Puls, die geheimsten Unregelmäßigkeiten seiner Schwingung, die feinsten Reize und Wünsche dieses Blutes muß ich kontrollieren und zu befriedigen suchen. Ließe ich nach, versagte die Feinheit meiner nachtastenden Finger, Durchlaucht können mir glauben, es käme zu den empfindlichsten Krisen des hiesigen gesellschaftlichen Lebens, zu Stockungen, die stationär würden, und jene sexuelle Revolution, die wir am Steuer Stehenden um jeden Preis verhindern müssen, da sie angesichts der Kreise, in denen sie ausbräche, leicht zu einer politischen werden könnte, stände uns unmittelbar bevor. In diesem Sinne kann auch ich mit Stolz sagen, daß ich den Posten, den mir die Gesellschaft – fast drängt sich mir das Wort ‹Vaterland› auf die Lippen – angewiesen hat, ganz ausfülle und trotz aller Schwierigkeiten, die Taktlosigkeit und Impotenz mir zwischen die Beine wirft, mit Gottes Hilfe aushalten werde.«

»Falls es bei uns zu einem passiven Wahlrecht der Frauen kommen sollte, stände ich nicht umhin, Ihnen als erster meine Stimme zu geben, verehrte Frau.«