Er ruft sofort die Osterer an und erfährt von ihr, daß sich die Dame bereits seit drei Tagen in ihrer Obhut befinde. Alles sei programmgemäß verlaufen, der in der Tat völlig apathische Seelenzustand der Dame habe ihr die Aufgabe sehr erleichtert. Sie – Madame Adèle – hätte natürlich schon längst Mitteilung gemacht, aber nach vollzogener Übersiedlung habe die Dame, gleichfalls wie erwartet, Spuren von Renitenz gezeigt und einen hysterischen Anfall erlitten, man habe zu den bewährten Hausmitteln gegriffen und nun sei alles in Ordnung. Seine Durchlaucht könne jederzeit erscheinen, es sei kein wie immer gearteter Widerstand seitens ihres Schützlings mehr zu befürchten. Sie selbst sähe den Anordnungen Seiner Durchlaucht mit Vergnügen entgegen.
Secundus dankt höflich für ihr Bemühen und bittet sie, für den Abend ein Souper zu etwa zehn Gedecken herzurichten, da er einige seiner intimeren Bekannten zu der Première einzuladen gedenke, ferner die Dame auf die kleine Abendgesellschaft entsprechend vorzubereiten, jedoch ohne den Veranstalter zu nennen, das Menu sei von Sacher zu bestellen, er lege Wert auf schönes Blumenarrangement. Champagner Mumm extra dry und Moët et Chandon 1892.
Wie er abläutet und sich wendet, sieht er um sich zerreißendes Licht aufstieben und knapp vor seinem ungeheuer aufgetanen Antlitz die spiegelnde Schärfe eines breiten Beiles niederblitzen und stürzt – das dumpfe, schwarze Rauschen aller Glocken der Erde enthallend in den Ohren – gelben Schaum vor dem Munde zu Boden.
Diener finden ihn die Zähne in den Parkettboden verbissen und tragen ihn aufgerissenen Kragens nach dem Diwan. Erweckt, verweigert er die Hilfe des rasch herbeigeholten Arztes und schickt – alles sehr sanften und gütigen Tones – die Umgebung fort. Eine halbe Flasche Whisky, unverdünnt getrunken, setzt ihn instand, die Einladungen zu dem Souper zu schreiben, die sofort ausgetragen werden, und dann ein längeres Schriftstück aufzusetzen, das er auf der Schreibmaschine vervielfältigt. Letzteres enthält eine Selbstanzeige wegen Verbrechens der schwersten Verleumdung, Mißhandlung eines Toten, begangen an weiland Baron Nhilius, Verleitung zum Diebstahl, fälschlicher Anzeige, Meineides und Unterstützung von Kuppelei. Als Beweise führt er die Zeugenschaft des Grafen Kolosvary, den Obduktionsbefund an dem Baron, der von einem schweren Faustschlag im Gesicht des Toten sprach, das Dokument des von ihm gedungenen Diebes, das Protokoll über seine Aussage in der Verhandlung kontra Kathrin Nhilius sowie den Brief der Osterer an. Als Motiv seines Vorgehens bekennt er Rachsucht für die Ablehnung eines von ihm an die Baronin gestellten Antrages. Die Vervielfältigungen des Schriftstückes, das er an die Staatsanwaltschaft schickt, sendet er den meistgelesenen Tageszeitungen ein mit dem beigefügten Ersuchen um Abdruck im nächsten Morgenblatt zwecks völliger Rehabilitierung der genannten Dame vor der Öffentlichkeit. Die adressierten Briefe übergibt er seinem Kammerdiener zur Beförderung.
Gegen fünf Uhr nachmittag – der werdende Abend dampft grau und naß an die hohen Fenster – ist er mit seiner Arbeit fertig, begibt sich in die Appartements der Fürstin und bittet diese um eine kurze Unterredung. Sie empfängt ihn, damit beschäftigt, Schuhe und Strümpfe zu wechseln, ohne sich von ihm – wie einem Nichtanwesenden – stören zu lassen. Er erklärt ihr, daß es für sie am vorteilhaftesten wäre, noch im Laufe des Tages die Scheidungsklage gegen ihn einzureichen, da sein Name bereits morgen kaum mehr ehrenvoll zu tragen und es ihr sicher gesellschaftlich von Nutzen sein würde, wenn sie bereits vor Erscheinen der morgigen Zeitungen sein Haus verlassen hätte. Das ihr überwiesene Dritteil seines ehemaligen Vermögens stehe ihr völlig integer zur Verfügung, ein weiteres Verbleiben an seiner Seite hätte schon aus dem Grunde keinen Sinn, weil er selbst vollkommen ruiniert sei und nach Verkauf des Palais ihm kaum noch drei Millionen bleiben würden, die übrigens einer von ihm zu leistenden Entschädigung zur Verfügung gestellt werden müßten. Die Fürstin dankt für seinen Rat und erklärt, die Spange an ihrem Schuh schließend, ihn befolgen zu wollen. Sein Gesicht ist so völlig in Unirdisches getaucht, daß eine boshafte Abgangsglosse, die sie seit Monaten vorbereitet hat, unterbleibt. Sie scheiden höflich und in Form.
In der Einsamkeit seines Zimmers faltet er, betäubt von der Größe des aus ihm Geschehenen, hilflos und armselig vor der mächtig die Stirne ihm überschattenden Ewigkeit, seine Hände.
»Mein Bruder in der Nacht, Engel aus den Engeln, dessen Weg meine Seele gegangen ist, du äußerster Liebender, Schatten, den das Licht wirft, weil es das Licht ist, du weißt, was das Licht nicht wissen kann, weil es das Licht ist, du weißt um das letzte schauderndste Dunkel der Seelen, du weißt, daß ich in äußerster Liebe gehandelt habe, daß ich aus Liebe meine Liebe geopfert habe, daß ich mich selbst verstieß, weil ich es nicht mehr tragen konnte, aufgenommen zu werden, daß ich schuldig wurde, weil ich schuldlos nicht mehr leben konnte, daß ich haßte und schlug und quälte und mordete, um gehaßt, geschlagen, gequält, gemordet zu werden, weil meine Liebe zu groß war, sich noch lieben lassen zu können! Du weißt, daß ich myriadenfach alles erlitten habe, was ich erleiden machte, daß ich zehntausend Tode gestorben bin ohne die Hoffnung der Auferstehung. Dies weißt du vor allem, daß ich gänzlich hoffnungslos gelitten habe, seit du mich wissen machtest, daß ich mir bewußt war, außerhalb der Gnade und der Vergebung zu stehen, daß ich so inbrünstig um die Verdammnis gerungen habe wie kein Mensch um seine Seligkeit. Nun bitte ich dich, du lässest meine Seele hinfahren in diese Verdammnis, du bindest mich an Händen und Füßen und werfest mich in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneknirschen sein wird – dahier ist mein Weg zu Ende. Ich bin ihn aufrecht gegangen, aufrecht mit zerschmetterten Gliedern, getreu bis in den Tod!!«
Aber das Schweigen wächst und das Dunkel wächst und strickt sich netzhaft um seine geschüttelten Glieder. Hölle und Himmel sind stumm und verfinstert; und ihm ist, als hinge er klein und nackt und gekrümmt an einem riesigen, blutbespritzten Kreuz und es wäre die sechste Stunde angebrochen, von der da geschrieben steht: Und es ward eine Finsternis über das ganze Land.
Der Eintritt des Dieners, der Licht macht und ihm den Smoking bringt, reißt ihn aus seiner entsetzlichen Halluzination. Verstört und naß von fiebrigem Schweiß kleidet er sich um, läßt das Auto vorfahren und begibt sich ins Johann Strauß-Theater, wo er den beiden ersten Akten der neuen Operette beiwohnt. Mehrere der zum Souper eingeladenen Freunde, die sich gleichfalls im Theater befinden, kommen im Zwischenakt in seine Loge und bedrängen ihn neugierig um das Geheimnis, das er bei Madame Adèle für sie vorbereitet habe. Er schweigt, geheimnisvoll schmutziges Lächeln um die grauen Lippen gelegt. Nach dem zweiten Aktfinale, es ist halb zehn geworden, fahren sie zur Osterer. Der erste Stock des unauffällig eleganten Hauses ist hell erleuchtet. Ein reinigender Wind hat die dicken Allerseelennebel auseinandergefetzt, der ungeheuer hohe Himmel beginnt sich zu bestirnen und in Strahlen zu werfen. Musik flattert aus einem nahen Restaurant, da sie in das Haus eingehen.
Frau Adèle in großer Toilette – distinguiert und busig – macht die Honneurs und empfängt die Gäste mit liebenswürdigen Scherzreden. Im ganzen acht Herren. Einer hat mit Berufung auf seine leider am Vormittag stattgefundene Verlobung abgesagt. Zum größern Teil Offiziere, darunter die beiden, die an jenem Abend in der Manhattan-Bar mit den Nhilius waren, lauter junge Leute, von denen Secundus weiß, daß sie die Frau umworben und nicht bekommen haben, lauter Menschen, von denen er weiß, daß sie an ihrem Tisch gesessen sind, ihre Hand geküßt und ihr Fleisch verehrt haben, weil es ihnen unerreichbar war. Menschen, die er haßt wie Aussatz und für würdelos genug hält, die Statisten in dieser letzten großen Entwürdigung zu spielen.