»Nur eine, Fürst? Neun sind wir – das wird schwer halten!«
»Also jetzt zum Teixel, wer is denn dieser steinerne Gast? Schau, Secunderl, ich bin solchen Aufregungen nicht gewachsen –«
»Das tut mir leid um dich, so jung –«
»Also, Kinder, nach den Zurüstungen serviert er uns entweder die Gaby Deslys oder die Kaiserin von China zum Dessert!«
»Aber um Gottes willen, Kinder, das ist ja –!«
Alle haben sich wandweiß und erschrocken erhoben, machen eine unsichere, halb wieder fallen gelassene Verbeugung, starren mundoffen auf die Erscheinung der Frau. Secundus allein ist sitzen geblieben. Langsam hebt er den Blick von den fleischigen Blumen auf, die in einer schlanken, grünes Licht versplitternden Vase vor seinem Gedeck stehen, und sagt, den Blick ganz fest in ihrem, leicht und nonchalant in die peinliche Stille:
»Sitzen bleiben, Kinder. Nur kein Zeremoniell. Voilà la dernière acquisition de madame Adèle. – Guten Abend, Kathrin, nimm Platz. Eine Vorstellung erübrigt sich. Du kennst ja alle, nicht? Es ist alles wie immer, nur daß wir hier ‹Du› zu dir sagen. Du erlaubst doch?« Und leert langsam mit einer niederträchtig höllischen Gebärde sein Glas gegen sie.
Sie steht starr und heilig lächelnd vor sich schließenden Vorhängen. Ihre Schönheit ist dem Ewigen so nahe, daß sie Stille und Schatten auch über diese wirft. Sie ist fast nackt, trägt ein phantastisches Kostüm, etwa im Stil des Directoire, aus dünnster, leuchtendster Gaze, das ihre Brüste frei und den völlig edlen Körper in triumphierender Enthüllung allen Falten entstrahlen läßt. An die bloßen Füße sind rotseidene Sandalen gebunden, die Hände sind nackt von Schmuck, in das griechisch zurückgetürmte violette Haar ist fahles Laub des Ölbaumes geflochten. Das zu weiße Antlitz ist sanft und stilisiert geschminkt und macht aus dem Todesgenius eine Kokotte.
Allen ist sie ungeheuer unwirklich und alle, auch die Verhärtetsten unter ihnen, erwarten unklar ein Wunder. Herabsturz von Engeln durch gebrochene Decke rauschend, der sie ihren Blicken entzöge, eine Blendung, ein Gericht. Aber da nichts Entscheidendes geschieht, da sie unter Secundus' Worten widerstandslos den ihr zugewiesenen Platz einnimmt und schamvoll lächelnd, fast grüßend die Gesichter entlang blickt, löst sich langsam der würgende Bann, der ihren Atem in der Kehle zurückhielt, und der Ausbruch – eine ganze Weile noch verhalten unter peinlichen Erinnerungen und letzten Resten von äußerer Form und Zucht – ist endlich riesenhaft und satanisch.
Primitive Geilheit und Lust an dem halbnackten, edlen Fleisch, gewürzt von dem Reiz der Situation, die ihnen das längst verloren gehaltene Genußmittel plötzlich in unwahrscheinlichster Erfüllung unter Finger und Atem wirft, gestachelt von dem männlichen Rachekitzel für den immerhin noch nicht verziehenen Abfall, dazu der Triumph der brutalen Überlegenheit über die überlegen Geglaubte an sich entladen sich in einer wilden, fanatischen Zügellosigkeit. Der ganze Haß des Geschlechtes steht nackt und roh auf und wirft sich – ein brünstiges, boshaftes Tier – auf die Wehrlose. Die unkomplizierteren Smokings begnügen sich damit, sie als Dirne zu behandeln und ihr ein schmutziges »Du« oder eine Zote ins Gesicht zu werfen, die feiner Organisierten machen es geschickter, sprechen zu ihr wie zu einer Dame, sagen sogar »Sie«, erinnern an gemeinsam Erlebtes, die Dolomitentour, das Fest bei der Croy, um plötzlich, wenn sie in Sicherheit gewiegt scheint, unter Tisch nach ihrem nackten Bein zu tasten oder einen Kuß auf ihre Brüste zu wagen oder ihr eine dreckige Liebkosung ins Ohr zu flüstern.