Sie spricht nicht, versucht sich innerlich ganz fern zu machen, von den obszönsten Scherzen fortzuhören, den gemeinsten Berührungen auszuweichen; gewohnt an die häßliche Entzündung des Fleisches rings um sie, hofft sie noch immer, daß die völlige Makellosigkeit ihres Selbst das Äußerste von ihr abwenden werde, aber sie muß erfahren, daß hier, wo sie keinen äußern Rückhalt mehr besitzt, wo sie nur als Weib, »nacktes Weib« eingerechnet wird, diese Makellosigkeit zur Stimulanz dient. Sie fühlt, entsetzt lächelnd, wie der gelbe, trübe Gischt näher an sie heranbrodelt, ihre Knöchel umspült, ihre Kniee bespeichelt, ihre Stirne mit schmutzigen Flocken überwischt.

Die Stimmung ist auf jenen Siedepunkt gestiegen, wo hinter der Begierde schon Verbrechen und Mord hockt. Das Zimmer dampft von Schweiß und Geschlecht, fad und süß geilt die Musik im Nebenzimmer, niemand berührt mehr eine Speise, kaum führt der eine oder der andere noch das Champagnerglas an die Lippen, ihre Münder sind trocken und klebrig, die Stimmen werden gedämpft und lallender, der Atem wird in kleinen, kurzen Zügen durch witternde Nasenflügel gestoßen.

Sie blickt in furchtbarster, letzter Todesangst um sich und starrt in verzogene Tierfratzen, schaudert in der plötzlichen völligen Stille und öffnet die gerougeten Lippen zu einem kleinen halben Schrei. Da fühlt sie sich schon in jäh sie überstürzendem Geheul von ihrem Stuhle gehoben, auf den Tisch geworfen, zwischen stürzende Flaschen und noch nicht abgespeiste Teller gebettet, sieht zerbrechenden Blickes, wie ein beschnurrbarteter Mann ihr die Sandale vom Fuß reißt, spürt einen Biß in die linke kleine Zehe, ringt mit unsicher tastenden, feuchten Händen, die die kaum hüllenden Gazeschleier zerreißen, und windet sich in irrer Verzweiflung unter Lippen, die sich keuchend in ihre Lippen, ihre Brüste, ihren Schoß wühlen –!

In diesem Augenblick vollzieht sich das Wunder.

Secundus, vom Sessel aufwachsend, die Lider ganz hoch gehoben und die Augen weit und offen für die Ewigkeit, sieht Decke zerreißen, Wände stürzen und den Boden des Zimmers mit sich, der Frau und den Tieren – eine schwankende Platform – in das azurene Dunkel des Raumes getragen. Und plötzlich entzünden sich Millionen Gestirne, die Milchstraße steht in Flammen und brennend blauer Äther umströmt in reißendem Wirbel seine Stirne. Von der Erde, der entsinkenden, aber weht ein würziger Geruch von Harz und Ölgärten ihm nach und läßt ihn tief und beruhigt aufatmen. Und einen unbeschreiblichen Frieden auf dem weiß verkohlten Antlitz, zieht er einen kleinen Browning aus der Tasche und schießt dem über ihr Antlitz gebeugten Tier knapp an ihrer Wange vorbei in den halb geöffneten Mund. Einen gurgelnden Blutstrom über ihr Gesicht erbrechend, stürzt der Erlegte, die Schläfe im Fall an der Tischkante aufschlagend, zu Boden. Zwei Schüsse in die auf ihn Eindringenden, die zwar nicht töten, aber stark blutende Fleischwunden reißen, genügen, diese zum Rückzug zu veranlassen. Sie gewinnen – den Körper des unter Blutstößen noch japsenden Rittmeisters mit sich schleppend – die Türe, die er ruhig hinter ihnen schließt und versperrt.

Wände und Decke begrenzen den Raum wieder. Der Tisch steht da mit dem halb herabgeglittenen Tischtuch, den zerschmissenen Gläsern, den zerscherbten Tellern, Blumen in umgeworfenen Vasen, Champagnerflaschen in Eiskübeln und Blut, Blut, Blut. Starr und müde, fast schläfernd blickt er in das stellenweise schon krustende, schwärzlichrote Blut.

Draußen verhallt Lärm, eilige Schritte, eine Telephonklingel schrillt auf entferntem Korridor. Dann Ruhe.

Langsam, leicht schwankenden Ganges tritt er an den Tisch heran, auf dem sie nackt und weiß, von fremdem Blut übersprungen liegt, nimmt sie leicht in seine Arme und bettet sie auf den breiten, prunkvollen Diwan, der fellübergossen – anderen Zwecken bestimmt – in der Ecke steht. Dann kniet er still vor ihr nieder und senkt seine Stirne auf ihre Brüste.

Leise und spielend geht ihre Hand durch sein Haar. »Lieber du. Armer du.«

An dem krampfhaften Schüttern seiner Schultern merkt sie, daß er weint, ein lautloses, zwischen den Zähnen zerrissenes Weinen.