Selbst an der Fähre, die den großen Verkehr auf der Karawanenstraße über den Kingani vermittelt, kommen häufig Unglücksfälle durch Krokodile vor, trotzdem hier schon unzählige Europäer den Tieren nachgestellt haben.
Große Krokodile sind an der Küste jedoch schon selten, und in den Mündungen des Kingani, des Sigi und Rufiyi habe ich nur kleinere geschossen. Das Vorkommen eines besonders starken Ungetüms regt stets die Jagdlust der nahen Europäer an; denn ein großer Krokodilkopf mit fingerlangen, weißen Zähnen ist eine originelle, leicht zu konservierende Trophäe.
Im Aufstand, bei tagelangen Märschen an Flußufern, an Seen und Tümpeln entlang, sind mir unzählige Krokodile zu Gesicht gekommen; sieben Menschen sind in meiner nächsten Nähe von Krokodilen geraubt worden. Nicht von jedem Fall erfährt man; die Neger sind abstoßend gleichgültig gegen geschehenes Unglück. Ein Schutztruppenoffizier erzählte folgendes Erlebnis: Als seine Trägerkarawane durch einen Fluß hindurchging, wurde ein Mann mitten aus der Reihe von einem Krokodil erfaßt und fortgeschleppt; die anderen Träger gingen ruhig weiter, als ob nichts geschehen sei. Der Offizier fragte einen der Neger darüber. Antwort: „Ja mir passiert nichts, ich habe eine gute „dawa“.“[12] „Der andere hatte aber doch auch Medizin?“ „Die wird wohl nichts getaugt haben, meine aber ist gut!“
Von den Ägyptern wissen wir, daß sie die Krokodile einbalsamierten, ihnen also eine gewisse göttliche Verehrung zukommen ließen. Allerdings vermutet man, daß sie die Bestien erst selbst töteten und ihnen dann, gewissermaßen zur Versöhnung, die Totenehren erwiesen. Bei den Negern waren die Krokodile gefürchtet aber nicht verehrt. An einer Hütte sah ich über der Tür ein rohes Relief, aus dem Lehm des Wandbewurfs herausgeformt: die Gestalt eines Krokodils darstellend; niemand aber wußte, ob es mehr sein sollte, als ein launiges Kunstwerk, das jemand in einer Mußestunde zurecht geknetet hatte.
Obwohl jederzeit Menschen am Rufiyi durch Krokodile geraubt werden können, ohne daß jemand davon erfährt, schieben die Anwohner des Flusses das rätselhafte Verschwinden eines Menschen einer Schlange zu, die im Flusse leben soll, die aber immer ein anderer gesehen haben soll, nie der Vertrauensmann, den man gerade fragt.
Wenn die Neger an ein solches Tier glauben, zeigen sie offenbar ein Bedürfnis, die Phantasie zu befriedigen.
Der große Wels, der sich tief in den Schlamm verkriecht, und das unheimliche Krokodil genügen meiner Phantasie allerdings durchaus; denn es sind groteske Tiere, und offenbar werfen die Neger die Eigenschaften dieser beiden Flußbewohner zusammen, wenn sie von der ‚Hongo‘ sprechen.
Krokodile.
Als ich, aus Mangel an Streitkräften zu tatenlosem Warten genötigt, wochenlang in meiner Boma bei Mayenge saß, hatte ich reichlich Gelegenheit, Krokodile zu beobachten und zu erlegen. Obwohl fast täglich vom Pallisadenzaun des Lagers aus nach den Tieren geschossen wurde, lagen immer wieder welche da, angelockt durch die Kadaver ihrer Brüder, die ihnen als Nahrung willkommen waren. Die geschossenen Krokodile trieben nicht etwa — wie man das oft in Reisebeschreibungen ausgesprochen findet — weit in dem Strom fort, sondern erschienen, ebenso wie andere Kadaver, nach einigen Stunden, an der Oberfläche und wurden dann, meist nicht weit von der Stelle, an der sie geschossen waren, nahe am Ufer mit abgefressenen Füßen gefunden. Wahrscheinlich hatten andere Krokodile sie beim Fressen dort hingeschoben. Auch angeschossene sind durch die Gefräßigkeit ihrer Brüder dem Tode geweiht. Ich habe gesehen, wie ein Krokodil, das durch einen Bauchschuß verwundet war, wild im Wasser umhertobte, während andere von verschiedenen Seiten herzuschwammen und es, gewiß nicht bloß aus Neugierde, verfolgten. Der Geruchsinn soll schlecht sein; dagegen scheint die Tatsache zu sprechen, daß die Krokodile sofort herbeischwimmen, wenn ein Flußpferd verwundet wird, von gesunden Tieren aber gar keine Notiz nehmen. Ich schoß einmal auf ein Flußpferd und wußte nicht, ob ich getroffen hatte, weil ich ziemlich hoch über den Fluß stand und das Geschoß ebensogut in das Wasser eingedrungen sein konnte — während Geschosse, die aus flachem Winkel fehl gehen, gewöhnlich vom Wasserspiegel absetzen und pfeifend in die Luft weiterfliegen. — Da sagte ein Neger: „Du hast getroffen, riechst du es nicht?“ In der Tat nahm ich, da wir halb unter Wind standen, deutlich einen süßen Geruch wahr, den die Haut des toten Flußpferdes ausdünstete. Kurz darauf erschienen zwei große Krokodile und schwammen gegen Strom und Wind auf die Schußstelle los. Ob sie nur ihrem Gehör gefolgt waren und vielleicht unter Wasser von dem Todeskampf Laute vernommen hatten, die uns oben ganz entgangen waren? Es ist kaum anzunehmen.