Auf die Sandbank gezogen, nicht weit vom acht Meter hohen Schilfrohr lag der Körper eines toten Flußpferdes. Ein langer Schnitt in die Haut hatte den Aasvögeln die Möglichkeit gegeben, mit der Mahlzeit gleich zu beginnen; (sonst müssen sie warten, bis der Körper gänzlich in Fäulnis übergeht, da sie nicht imstande sind, die Haut zu durchschlagen).
Wohl hundert Geier saßen herum; einige auf, andere in dem Kadaver. Ein Dutzend Marabu spazierten zwischen den Gruppen der Vögel hindurch. Heiseres Gekrächze kam von dem Schauplatze.
Ich lag im Schilf und beobachtete. Ein Geier arbeitete in der vom Wasser durchspülten, faulen Masse. Kopf und Hals verschwanden darin. Ein anderer hatte ein Stück losgerissen, wollte sich dann auf die Seite stehlen, wurde aber von drei Neidern verfolgt. Zwei andere rissen sich mit langen Hälsen um einen Bissen. Der Marabu tat, als wenn er überall Aufsicht ausüben mußte.
Gern nimmt er den Geiern Stücke ab. Sein langer, spitzer Schnabel ist mit Recht gefürchtet. Dieser Schnabel eignet sich weit weniger als der gekrümmte des Geiers zum Losreißen von Stücken Fleisch. Selten sieht man daher den Marabu selber am Aas arbeiten; er nutzt die Geier dazu aus. Große Stücke schlingt er auf einmal hinunter; die baumeln dann in dem tief hinabhängenden Kropfbeutel.
„Schäbig ist der Marabu“ sagt Busch. Schäbig ist nur das Gefieder seiner Kopf- und Halspartie; reich sein übriges Federkleid. Man meint, er sei ein dürftiger Geselle in einem feinen, stahlblauen Gehrock. Ein knallroter Fleck auf der Haut sitzt hinten im Nacken, wie um zu zeigen, daß ein Vogel auch ohne Federn bunt sein kann. Das Männchen hat weiße Ränder an den Deckfedern der Flügel. Sein Gefieder ist mehr graublau, während das des Weibchens fast schwarz und einfarbig ist.
Der frische Wind wehte mir den Aasgeruch in die Nase. (Niemand sage: Pfui, wie unappetitlich! Am ersten Tage, auch am zweiten, ja. Später aber riecht es genau, wie Camembert; es ist Geschmacksache. Die Schwarzen essen z. B. etwas angefaultes Fleisch sehr gerne; auch den Marabu selbst essen sie. Vielleicht ist ihnen diese Fäulnis das, was uns der Alkohol und der Käse). Hoch in den Lüften kreisen zwei weitere Marabu. Hell leuchtet das weiße Gefieder der Brust, das sich bis unter die Flügel fortsetzt. Wie ein Fähnchen flattert der leere Beutel am Halse.
Nun heißt’s den besten aussuchen; mit dem Doppelglas natürlich. Es ist nicht leicht; denn der größte Vogel hat oft die kleinsten Federn, oder die Federn sind groß, aber der zarte Flaum ist schon abgenutzt. Außerdem trägt der Marabu die sehr beliebten Federn nicht auf dem Kopfe, wie manche Damen vielleicht denken. Wer da nicht genau hinsieht und aussucht, wird oft unzufrieden sein über seine Beute. — Da ist einer! Jetzt mit der Büchse im Anschlag warten, bis er mir die Seite zeigt, denn das beste ist, stets einen Flügelknochen mit zu zertrümmern, dann kann der Vogel nicht mehr fortfliegen. Schuß; er liegt.
Die andern fliegen auf, setzen sich aber gleich wieder, kommen heran, sperren die Schnäbel auf, was stets Erstaunen, Schrecken, Angst bedeutet und sehen erst mit dem rechten und dann mit dem linken Auge zu mir herüber; ein umständliches Verfahren, zu dem fast alle Vögel gezwungen sind, wenn sie die Absicht haben, stereoskopisch zu sehen. (Die gelehrten Eulen machen eine Ausnahme.) Es ist kein Vogel mehr darunter, der mir gefällt; ich trete aus meinem Versteck, da hebt sich die ganze Schar der Riesenvögel und kreist, wie vom Wirbelwind getrieben, über mir in der Luft. Zwanzig gute Federn hatte der erlegte Marabu. Ich nahm die Federn an mich; der Balg mit seinem schneeweißen Flaum und die großen Flügel wurden von den Askari mit Sorgfalt für die Ngoma[13] in Daressalam präpariert. Das Fleisch bekamen die Eingeborenen.
Während oben die Vögel an dem Kadaver eines Flußpferdes fressen, tun es im Wasser gleichzeitig die Krokodile. Diese geben sich alle Mühe, die Beute für sich allein zu reservieren und ins tiefe Wasser zu ziehen. Gelingt es ihnen, dann folgen sie dem treibenden Körper. Einem zwölf Fuß langen Krokodil habe ich einmal vom hohen Ufer aus den Garaus gemacht, als es einem toten, treibenden Kiboko folgend, unmittelbar an mir vorbeischwamm, um den aufgedunsenen Kadaver herum sah ich wohl ein Dutzend der langen, grünen Köpfe.