So denken viele ihre Lebensaufgabe da draußen; aber die Kunst der Erziehung und des Regierens, die in manchem Ansiedler als eine edle, vielversprechende Kraft steckt und nach Betätigung drängt, wird zu leicht unterdrückt durch die Ungunst der Verhältnisse und setzt sich dann um in Resignation, in Bitterkeit — ja, leider sogar in Alkohol.

Im Jahre 1905, während des Aufstandes, hatte ich Gelegenheit, selbst Beobachtungen über Ernte, Getreideausfuhr, indische Krämertaktik und Hungersnot anzustellen.

Der Aufstand begann im August, nachdem überall eine besonders reiche Ernte eingekommen war. Die Inder kauften das Getreide zu Spottpreisen in ungeheuren Quantitäten und verschifften es nach der Küste, sobald die Truppen in der Gegend die Ruhe wieder hergestellt hatten. Überall waren große Vorräte in den Dörfern; aber der Versuch, die Inder zu veranlassen, einen Teil dieser von ihnen erworbenen Vorräte im Lande zu behalten, um für die Truppen und die Eingeborenen später Getreide zur Verfügung zu haben, hatte nur zur Folge, daß die Inder ihre Vorräte mit möglichster Beschleunigung zur Küste brachten, um künstlich einen Mangel herbeizuführen und den Preis zu steigern.

Man konnte es ihnen ja gar nicht verdenken; denn ihre Aufgabe ist es ja, in möglichst kurzer Zeit recht viel Geld aus dem Lande zu ziehen und dann nach Indien zurückzugehen. Die Entwickelung des Landes kann ihnen ganz gleichgültig sein.

So mußte ich später das wenige Korn, das der Inder Sack für Sack wieder heraufbrachte, achtzehnmal teurer bezahlen, als es drei Monate vorher gekostet hatte. Den Eingeborenen fehlten die Mittel, solche Preise zu zahlen und sie litten furchtbar unter der Hungersnot. Auch eine Expedition des Hauptmanns von Wangenheim, die die Verbindung mit dem hartbedrängten Mahenge herstellen sollte, scheiterte hauptsächlich an dem Nahrungsmangel. Die Träger waren durch Hunger entkräftet und die Expedition mußte umkehren, weil die Flüsse so angeschwollen waren, daß man nicht vorwärts gehen konnte. Ein Europäer ertrank. Der Wildreichtum half über die größte Not hinweg.

Es ist kaum glaublich, wie schwierig das Reisen (und also auch der Buschkrieg) in der Regenzeit ist, im Vergleich zur Trockenzeit. Ich sah es immer wieder, daß die Jahreszeit meine ersten Streifzüge, die ich mit den Matrosen machte, ungemein begünstigt hatte.

Da waren die Flußübergänge kurz, die Bäume und Sträucher kahl; das Gras lag dürr am Boden und brauchte, wenn man weite Übersicht haben wollte, nur angesteckt zu werden. Mücken gab es fast gar nicht; Nahrung überall.

Regenzeit und Hungersnot.

Anders in der Regenzeit! Ganze Ebenen standen unter Wasser; selbst bei Kipo, wo freies Terrain mich im August so begünstigt hatte, stand jetzt das Gras so hoch und die Büsche waren so dicht belaubt, daß ein Gefecht wie das am 21. August ganz ausgeschlossen gewesen wäre; die Gegend war nicht wieder zu erkennen. In Flußbetten, durch die wir noch im November trockenen Fußes gegangen waren, tobte das Wasser. Dazu kam der Mangel an Nahrungsmitteln, der Hunger.

Die Neger können Hungersnot meisterhaft ertragen, weil sie an diese seit Jahrhunderten regelmäßig wiederkehrende Plage gewöhnt sind.