Der „Bussard“ ankerte am 5. August vor dem südlichsten Mündungsarm des Rufiyi, nicht weit von dem Ort Samanga, den Aufständige geplündert hatten. Am Abend brachte mich der Zollkreuzer Kingani — ein kleiner Dampfer des Gouvernements — in die Utagitemündung des Rufiyi. Ich hatte zweiundzwanzig Matrosen mit und sollte den Ort Mohorro gegen die Aufständigen schützen.
Näher kamen die Umrisse der Uferpartien, immer kleiner wurde das Kriegsschiff, bis es durch die ersten, mit Büschen bewachsenen Sandbänke unseren Blicken entzogen wurde; vielleicht hatten wir es für lange Zeit zum letztenmal gesehen! Die Aussicht auf Erlebnisse und der Reiz der Wildnis lockten mich; ich hoffte in dieser Stunde, daß mir ein langer Aufenthalt im Lande bevorstehe.
Meine Matrosen werden ebenso gedacht haben; die Seeleute haben ja so selten Gelegenheit, fremde Länder in ihrer wirklichen Schönheit zu genießen und sehen von den großen Kolonien meist nicht mehr als die Strandpromenaden, Klubhäuser und Kneipen der Küstenstädte. In der bevorstehenden Abwechslung sah mancher, den der Drang, die weite Welt kennen zu lernen, zur Marine getrieben hatte, die Erfüllung seiner Jugendträume. Die Phantasie malte Steppen und Wälder des Innern, ferne Berge und Ströme, wilde Menschen und seltene Tiere.
Die Nacht brach herein; wir mußten ankern, um nicht auf Untiefen festzufahren. Die Matrosen richteten sich auf dem Deck des kleinen Dampfers und in dem Schleppboot so gut es ging Schlafplätze ein. Ich dachte an meine Aufgabe und las immer wieder den sorgfältig geschriebenen Befehl, den mir der Kommandant, Korvettenkapitän Back selbst gegeben hatte: nur wenn Mohorro wirklich in Gefahr war, sollte ich im Lande bleiben, andernfalls sofort an Bord zurückkehren. An längere kriegerische Tätigkeit glaubte noch niemand; mir fiel ein, was der Erste Offizier zu mir sagte, als ich mir Wäsche und Proviant für acht Tage einpackte: „Wozu schleppen Sie so viel mit, übermorgen sind Sie ja wieder hier.“ Würde er recht behalten? — Mehr als sechs Monate vergingen, bis ich unser schönes Schiff wiedersah.
Leise plätscherte das Wasser des Stromes an der Bordwand des kleinen Dampfers. Von den Ufern mit ihren düsteren, einförmigen Sumpfbäumen war bald nichts mehr zu sehen. Alles schlief an Bord.
Kühler Wind wehte die ganze Nacht hindurch und schaffte uns erquickenden Schlaf. Als die Sonne am klaren Himmel aufging, sah sie in lauter frohe Gesichter; jeder erwartete etwas von den nächsten Tagen. Schon die Bootfahrt war ganz dazu angetan, die Stimmung auf der Höhe zu halten. Bei Sonnenaufgang wurde der Anker gelichtet und der Kurs stromauf genommen. In den Mangroven saßen schneeweiße Edelreiher; Graufischer flatterten über dem Wasser, Brachvögel und Strandläufer suchten auf dem schlammigen Boden nach Nahrung und waren durch ihre Farbe kaum von der Umgebung zu unterscheiden.
Die auflaufende Strömung förderte unsere Fahrt. Bald machte die einförmige Mangrovenvegetation freundlicheren Landschaftsbildern Platz.
Der Fluß wurde schmaler. Sandige Uferböschungen traten hervor, Sträucher, Phönixpalmen; endlich die dunklen, dichtbelaubten Mangobäume und schlanke Kokospalmen als Zeichen menschlicher Kultur. Kleine Dörfer in Feldern mit Kaffernkorn und Mais. Neger standen am Ufer und antworteten „es ist Friede“ wenn man fragte: „Was gibt’s Neues vom Aufstand?“ Affen turnten durch die Äste der Uferbüsche; Perlhühner reckten ihre Hälse; ein Flußpferd steckte prustend seine Nase aus dem Wasser.
Gegen Mittag mußte der Dampfer ankern, weil das Wasser zu flach wurde. Wir gingen noch zwei Stunden über Land, durch Felder mit Zuckerrohr, Mohogo, Mais, Bananen und Ananas.
Ankunft in Mohorro.