Als wir den Ort Mohorro erreichten und im Gleichschritt durch die graden Straßen marschierten, kamen Araber, Inder und Neger, malerisch in bunte Tücher gekleidet, vor die Türen ihrer Hütten und Läden. Es war das Bild einer sauberen Negerstadt, in der reges Leben herrscht.

Der Bezirksamtmann, Herr Keudel, kam mir an der großen Holzbrücke, die den Fluß überspannt, entgegen und führte mich zu den Gebäuden des Bezirksamts, in denen die Mannschaft untergebracht wurde.

Mangrovenwald am Mohorrofluß.

Die Mangroven vertragen Salzwasser. Es gibt mehrere Arten; einige geben gutes Bretterholz, andere nur Brennholz und Grubenhölzer. Die Rinde enthält viel Gerbsäure und wird seit einigen Jahren exportiert. Die Wälder an der Rufiyimündung werden von drei Forstbeamten verwaltet. Die Mangrove hat sich wunderbar an die Gezeiten des Meeres angepaßt. Ihre Stelzwurzeln werden zur Flutzeit vom Meerwasser umspült; während der Ebbe sieht man auf ihnen Muscheln, Krabben und Schlammspringer.

Außer dem Bezirksamtmann waren in Mohorro noch sechs Europäer: ein Bezirksamtssekretär, ein Wirtschaftsinspektor, ein Kommunalsekretär, der die Kommunalkasse verwaltete, ein Sanitätssergeant, der zugleich Post- und Telegraph versah, der Unteroffizier der Polizeitruppe und ein Schreiber. Im Bezirk selbst war nur ein Weißer: Herr Wiebusch, der Leiter der Schule für Baumwollbau. Der Bezirksamtmann war erst vor kurzem von einer Reise durch den Bezirk zurückgekehrt und konnte mich über die Verhältnisse im Lande unterrichten. Nach seinen Schilderungen waren weite Teile des fruchtbaren Landes in den Niederungen gut bevölkert und eine reiche Ernte war eingebracht. Der reichliche und täglich bei Spiel und Tanz wiederholte Genuß der berauschenden Getränke, die die Neger aus den gewonnenen Ernteprodukten herstellen, konnte vorübergehend Ursache ihrer feindlichen Haltung sein; es war aber auch nicht ausgeschlossen, daß tieferliegende Gründe eine lange vorbereitete Aufstandsbewegung entfacht hatten, die ähnlich wie in Südwestafrika, plötzlich und unerwartet an allen Ecken losbrechen konnte, um der Fremdherrschaft ein Ende zu machen.

So dachte Bezirksamtssekretär Stollowsky, der den Bezirksamtmann während seiner Abwesenheit vertreten hatte. Er hatte den Andeutungen und Erzählungen der Neger über sonderbare, einfältige Mittel, mit denen einheimische Zauberer die Eingeborenen für sich gewannen, besondere Bedeutung beigelegt und nicht geruht, bis die verdächtigen Leute hinter Schloß und Riegel saßen. Das kann wohl ein Verdienst genannt werden; denn wahrscheinlich hat die vorzeitige Entdeckung zu dem mehr lokalen Ausbruch der Unruhen geführt und so ein planmäßiges, verabredetes und allgemeines Vorgehen der Neger gegen die Europäer im nächsten Jahre, vereitelt.

Nach der Unterdrückung der Araberaufstände, der Unterwerfung der Wahehe und seitdem die Massaigefahr nüchtern beurteilt wurde, war man von Jahr zu Jahr sorgloser geworden.

Kleine Unruhen waren in den Kolonien stets an der Tagesordnung; wurden aber nicht bekannt, denn es bestand der von allen Afrikanern gebilligte Brauch, in solchen Fällen nicht von Aufstand oder Krieg zu sprechen, weil das bei der Schwierigkeit Verhältnisse aus der Ferne zu beurteilen, leicht in der Heimat unnötig Lärm verursacht. Schnell wieder Ordnung schaffen mit allen Mitteln, wenn es eben einmal nicht gelungen war, Ordnung zu halten: das war der Befehl des Gouvernements, der von allen Bezirkschefs verstanden wurde. Einer Kolonie, die stets ruhig aussieht, bewilligt man aber keine Soldaten, und so ging man schon mit der Absicht um, zwei Kompagnien der im Verhältnis zur Größe der Kolonie nicht großen und nicht zu teuren Schutztruppe zu streichen, als der Aufstand ausbrach.