Abb. 28. Münchener Bierkonzert (1883). Im Besitz des Herrn von Kauffmann in Florenz.
GRÖSSERES BILD
Nachdem der Künstler sich einmal der Freilichtmalerei zugewendet, haben ihn deren Probleme dauernd beschäftigt. In der 1882 entstandenen „Bleiche“ ([Abb. 24]) läßt er das Licht des Tages durch die dichtbelaubten Äste eines Birnbaumes über grünen Rasen und weiße Leinwand rieseln. Aber auch den Lichtwirkungen im Raume geht er noch weiter nach. Vor der „Schusterwerkstatt“ waren 1880 „Die Spinnerinnen“ ([Abb. 17]) entstanden, die zu dreien mit ihren Rädern um einen mit Kaffeeschälchen besetzten Tisch sitzen, während eine vierte am Herde im Winkel hantiert. Neben dem Herde ist links ein Fenster, durch das man in ein Gärtchen sieht. Das graue Tageslicht läßt die weißen Hauben der Alten aufleuchten und wird von einer hellen Wand reflektiert. Zu den feinsten seiner Bilder in dieser Art gehört jedoch „Der Weber“ ([Abb. 27]). Die Lichtquelle bilden zwei Fenster im Hintergrunde des engen Gemaches. Der Weber sitzt in seinem Stuhle und will eben einen neuen Faden einsetzen. Im Vordergrunde, auf einem Schemel, eine der reizendsten Gestalten, die Liebermann geschaffen, ein Mädchen, das mit einem großen Rade den Faden auf die Spule dreht. Es ist nun wunderschön zu sehen, wie das Licht über das Gewebe im Stuhl läuft, die verarbeiteten Züge des Webers beleuchtet, um schließlich auf dem Häubchen des Mädchens, dem verschlissenen Rot ihrer Taille, ihrem wohlgeformten Arm und dem sausenden Rade auszuruhen. Man muß schon Terborch citieren, um eine Vorstellung von der malerischen Schönheit der Kurbeldreherin anzuregen.
Abb. 29. Holländischer Bauer (1886). Ölstudie.
Abb. 30. Holländischer Kanal (1884). Im königl. Kupferstichkabinett zu Dresden.
(Aus der Liebermann-Mappe. Verlag von Bruno & Paul Cassirer in Berlin.)
Wenn man von einer Menzelperiode Liebermanns sprechen will, so kann man es nur mit Hinsicht auf ein paar Bilder thun, in denen der Künstler es versucht hat, in der Art Menzels eine Vielheit von Erscheinungen in einem Bilde zu vereinigen. Das wichtigste dieser Bilder ist das 1883 gemalte „Münchener Bierkonzert“ ([Abb. 28]), dem 1878 ein weniger bekannt gewordenes, von einem englischen Kunsthändler falsch getauftes ähnliches kleines Werk „In den Champs-Elysées“ — es zeigt ein paar Kinderfrauen mit ihren Schützlingen auf einer Bank im Münchener Hofgarten — voraufgegangen ist. An Menzel erinnert vor allem die zeichnerische Durchbildung des Ganzen. Jedes der vielen Gesichter wirkt wie ein Porträt. Selbst den Posaunenbläser in dem Musikpavillon im Hintergrunde sieht man noch ganz scharf. Liebermann bewährt sich in dem Bilde, das bei Menzel vielleicht ein Gegenstück in dessen „Sonntag im Tuileriengarten“ hat, sowohl als Beobachter, wie als Psycholog; aber in mehr als einer Hinsicht bedeutet diese Leistung einen Schritt über Menzel hinaus. Vor allem ist das „Bierkonzert“ malerischer als das Menzelsche Bild, und die Pointen sind nicht unterstrichen. Liebermann hat nicht den Versuch gemacht, den Menzel nie unterlassen haben würde, den Beschauer mit einigen Gestalten in Verbindung zu setzen. Bei dem älteren Künstler wäre man sofort darüber im klaren: Mit dem Manne hat der Maler einen Dichter, mit jenem einen Lebemann, einen Künstler oder sonst einen in der allgemeinen Vorstellung gültigen Typus darstellen wollen. Diese billige Art, die Leute zu interessieren, hat Liebermann durchaus verschmäht. Eine Gruppe von so entzückender Natürlichkeit, wie die Kinderfrau mit dem kleinen Mädchen, das sie aus einem Glase trinken läßt, konnte nur Liebermann geben, und ein so kindliches Kind, wie den kleinen im Sande spielenden Blondkopf, hat Menzel in all’ seinen Bildern nicht aufzuweisen. Es ist ungemein viel Leben in dem Bilde, und es wird erhöht durch die überall umherhüpfenden Sonnenstrahlen. Vielleicht läßt noch die „Gedächtnisfeier für Kaiser Friedrich in Kösen“, 1888 gemalt ([Abb. 50]), an Menzel denken, an dessen „Gottesdienst in Kösen“; aber doch nur für einen oberflächlichen Beschauer. Liebermann gibt eine feierliche Impression von hohen grünen Bäumen, fröhlichem Sonnenschein und schwarzgekleideten Menschen, Menzel eine ausführliche Schilderung mit allerlei amüsanten Nebensächlichkeiten. Bei Liebermann ist die Natur die Hauptsache, bei Menzel die Gesellschaft, die den Gottesdienst im Freien in einem beliebten Badeort besucht.