Wenn die Boote irgendwo im Hafen liegen, steigen die Landratten gern bewundernd in ihnen hin und her. Die wagemutige Jugend klimmt vergnügt aus den Innenräumen des Schiffes durch die schmalen Aufgänge, die nur die Breite eines Mannes haben, ohne zu ahnen, einen wie schweren und verantwortungsvollen Dienst diejenigen haben, die während der Friedenszeit ihrer Dienstpflicht auf den Torpedoschiffen genügen müssen. Nur dadurch, daß immer und immer wieder Offiziere und Mannschaften im Kampfe mit der See für ihre schwierige Aufgabe — schneller Angriff auf eine feindliche Flotte im Ernstfall — geschult werden, wird diese Waffe das, was sie sein soll: ein wirksamer Verteidiger unserer bedeutenden Seehäfen.

Die Aufgaben, die unsere Marine den Torpedomannschaften und ihren Offizieren stellt, sind gewiß keine leichten. Besonders, wenn der Nordweststurm über die Nordsee fegt und die heranwälzenden Wasserberge den Schiffen den Garaus bereiten wollen. Bei solchem Wetter brausen Sturm und See um die Wette. Oft genug fährt bei einer schweren See der Bug des Torpedobootes steil in die Höhe, um sofort wieder in ein tiefes Wellental niederzustoßen.

Angstgefühl durchzittert die Rekruten, die zum ersten Male eine solche Fahrt mitmachen; aber die, welche schon länger dienen, kennen diese Gefahren. Sie haben sich vertraut gemacht mit dem Gedanken, daß ein unglücklicher Umstand in solchen Augenblicken, wenn der Wind schaurig um die Schornsteine und die Signalmasten weht, leicht das Ende bedeutet. Nur diese fortdauernden mannigfachen Friedensübungen bei schwierigem Wetter, die Fahrt über die See und die Angriffsübungen auf die heimische Kriegsflotte ermöglichen es, Großes von der Torpedowaffe im Ernstfalle zu erwarten. Vom Geist, der die Mannschaften beseelt, haben Vorkommnisse der letzten Jahre den besten Beweis geliefert. Wir müssen dieser todesmutigen Männer gedenken, weil auch sie starben für die Ehre der deutschen Flagge.

Angriff eines Torpedobootes.

Es war im September des Jahres 1912. Die deutsche Hochseeflotte hatte Torpedoangriffe abzuwehren. Bei diesen Übungen erhielt das Torpedoboot G 171 von dem Panzer ‚Zähringen‘ einen so unglücklichen Kammstoß, daß das hintere Viertel des Torpedoschiffes vom übrigen Teil abgeschnitten wurde und früher sank, als der größere Teil des Wracks. Im Augenblick des Zusammenstoßes empfanden die Mannschaften des Torpedobootes, daß das Schiff seinen Todesstoß erhielt, aber alle blieben während der unheilschwangeren Minuten in musterhafter Ordnung an ihren Posten. Die Befehle der Offiziere wurden so ruhig gegeben, als handle es sich um eine Gefechtsübung, und die Mannschaft führte sie genau und schnell aus. Nichts von Panik, obgleich die Sendboten des Todes das Schiff umlauerten. Als in den gefahrdrohenden Augenblicken die Klappen und Ventile, die Düsen und Sicherheitstüren sich schlossen, zuckte wohl durch manches Hirn der Gedanke an den Tod, aber zum Ausdruck kam er nicht.

Gerade dieser peinlichen, getreuen Pflichterfüllung bis zum letzten Augenblick, die auch die übten, die unten in den Schiffsräumen bei den Maschinen ihren Dienst versahen, ist es zu verdanken, daß das Wrack eine Viertelstunde sich über Wasser hielt und fast die ganze Mannschaft gerettet wurde. Als die gierigen Wellen das Wrack umfaßten, stand die Mannschaft unter Kapitänleutnant Hoppenstedt am Vorderdeck. Schwimmer und Nichtschwimmer waren geschieden. Die an der Schiffswand befestigten Schwimmwesten, soweit sie nicht schon den erregten Meereswogen zur Beute fielen, wurden verteilt. Die Nichtschwimmer erhielten die vorhandenen Westen. Und dann ging’s auf Befehl des leitenden Offiziers Mann für Mann über Bord. Schon eilten die Rettungsboote der Panzerschiffe heran, um die im Wasser Schwimmenden aufzunehmen. Hier auf brandendem Meere übten sie Mannszucht; in dem Augenblick, da das Hinterteil des Schiffes immer tiefer sank und von den gierigen Meereswogen überspült ward, übten sie noch treue Kameradschaft.

Die kurze Mittagspause, die die Mannschaften in Ruhe genießen sollten, brachte den unheilvollen Zusammenstoß. Einer der Matrosen, der in diesem Augenblick aus einem der schachtartigen Niedergänge herauskam, wurde schwer verletzt. Hilflos lag er auf dem von Meereswogen überspülten Verdeck. Selbst konnte er sich nicht mehr helfen. Sein Kamerad, der schon sprungbereit an der Schiffswand stand, um zum Rettungsboote hinüberzuschwimmen, sah ihn liegen. „Hein! Du kannst ja mit deinem gebrochenen Arm nicht schwimmen; komm, ich nehme dich mit!“ Ein Mann, ein Wort. Er hat dies gehalten bis zum letzten Augenblick. Mit seinem Schützling im Arm kämpfte er gegen die Meereswogen, um sich einen Weg zu bahnen, dem helfenden Boote entgegen. Allein vergebens! Den Verletzten im Arm, sank er vor den entsetzten und machtlosen Helfern in die Tiefe, seinen Kameraden getreu bis in den Tod.

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