Damit war der Wunsch von Rostock und Wismar erfüllt und die Kaperbriefe hinfällig geworden. Die Likendeeler aber liebten die Räubereien und stellten das einträgliche Geschäft durchaus nicht ein, sondern setzten es auf eigene Faust fort.
Im Jahre 1396 statteten sie dem hansischen Kontor in Bergen einen ungebetenen Besuch ab. Trotz kräftiger Verteidigung konnten die Hansen ihre Niederlassung nicht halten. Das Kontor und seine Lagerhäuser wurden ausgeplündert, hansische Krieger und Kaufleute erschlagen und die erbeuteten Waren in Rostock und Wismar verkauft. Nach diesem großen Raubzuge teilten sich die Horden. Eine Abteilung segelte an die Küste Ostfrieslands, der zweite Teil fuhr an die Newa, und eine dritte Gruppe hielt sich an den spanischen Küsten auf, und außerdem zeigten sich auch in der Ostsee genug Kaperschiffe.
Die Hansestädte hatten endlich die Sorge satt und rüsteten zahlreiche Kriegsschiffe zum Kampf gegen die Räuber aus. Mehrmals eroberten die Schiffe der Hansen zahlreiche Piratenfahrzeuge und bereiteten ihren Besatzungen auf dem Schafott der Heimatstädte ein Ende.
Unter den Raubgesellen, von denen in Sage und Geschichte viel berichtet wird, war Klaus Störtebeker einer der bedeutendsten. Er gehörte zu den Lieblingen des Volkes, die in Liedern und Geschichten fortleben. Mit ihm werden in der Geschichte genannt: Gödeke Michaels, Wigbold und Wichmann, alle berühmt durch ihre Grausamkeit und ihren Wagemut. Im Volke erzählte man sich Wunderdinge von der großen Körperkraft Störtebekers, durch die er sich unter seiner wilden Raubgesellenschar den nötigen Respekt erhielt. Einzelne Chroniken berichten, daß Störtebeker ein Edelmann gewesen sein soll, der in der Gegend von Verden beheimatet war. Nach einem wilden, zügellosen Leben, in dem er Hab und Gut vergeudet hatte, selbst sein Rittergewand und sein Rüstzeug dahingab, trat er unter die Vitalienbrüder, die ihn gern bei sich aufnahmen. Wieder andere schreiben, daß er in Pommern geboren wurde, die Angaben neuerer Geschichtsforscher bringen ihn nach Wismar. Fest steht jedenfalls, daß es unter den Vitalienbrüdern mehrere dieses Namens gab, und es ist sicher, daß um 1400 herum in Wismar eine Familie namens Störtebeker beheimatet war. Der Name weist auf die Trinkfestigkeit seines Trägers hin. Er erhielt die Bezeichnung deswegen, so berichtet die Sage, weil er einen großen Becher Weins, der drei Flaschen faßte, in einem einzigen Zuge zu leeren verstand. ‚Becherstürzer‘, plattdeutsch ‚Störtebeker‘, nannte ihn sein Raubvolk, seinen wahren Namen hielt er verschwiegen.
Die Geschichtsforschung nimmt an, daß die Vorfahren Störtebekers Krugwirte waren, denn die Bezeichnung Sturzbecker war üblich für einen Becher mit einem Deckel oder Sturz, und nach ihm hat wohl die Familie ihren Namen erhalten.
Als das Raubgesindel die Ostsee räumte, hielt es sich in Ostfriesland auf. Im Gebiete des kleinen Ostfriesland regierte eine ganze Zahl kleiner Edelleute. Unter diesen riß Keno then Broke, ein gefürchteter, kriegerischer Häuptling, die Vorherrschaft im Lande an sich. Als die Vitalienbrüder, von den Hansen verfolgt, in Ostfriesland einen Stützpunkt suchten, räumte Keno ihnen Marienhave ein. Die Einfahrt des durch vier große Pforten und starke, dicke Mauern befestigten Ortes lief durch einen Stichkanal, der noch jetzt ‚Störtebekers Tiefe‘ benannt ist. Auf den Wohlstand der Räuber weist heute noch der Marienhavener Turm hin, den sie aus ihren Mitteln erbauten. Im Jahre 1398 schlossen Lübeck und Hamburg im Verein mit Margarete einen Bund, um die nördlichen Meere von dem Raubgesindel zu befreien. Um 1400 einigte sich die Hanse dahin, mit vereinter Kraft das geplante Vorgehen zu unterstützen. Zwei Hamburger Ratsherren wurden abgeordnet, um Keno then Broke zu verwarnen, den Raubgesellen fürderhin keinen Aufenthalt mehr zu geben. Störtebeker war inzwischen Kenos Schwiegersohn geworden, und in seiner Gegenwart verpflichtete sich Keno then Broke, den Vitalienbrüdern in Zukunft keinen Schutz angedeihen zu lassen; der damals aufgesetzte Vertrag „Keno then Broke und seine Genossen geloben den Bürgermeistern und Ratmannen der Stadt Hamburg und ihren Nachfolgern, als Mitgliedern der Hanse, alle Vitalienbrüder von sich zu lassen und sie durchaus nicht weiter schützen zu wollen“ wird noch heute im Archiv der Stadt Hamburg aufbewahrt, und neben der Unterschrift Keno then Brokes finden sich die einer ganzen Reihe friesischer Hauptleute. Als die Sendboten der Hanse aus der Halle traten, in der die Verhandlungen geführt waren, da eiferte Klaus Störtebeker gegen seinen Schwiegervater, weil er solche Bedingungen angenommen habe. Einer der Ratmannen, der seine Handschuhe vergessen hatte, kehrte zurück, um sie zu holen, und vernahm dabei die Antwort Keno then Brokes an Störtebeker, daß er durchaus nicht gewillt sei, den Vertrag zu halten. Die zurückkehrenden Ratmänner Albert Schreie und Johann Nanne berichteten getreulich und verschwiegen auch nicht das Eingeständnis des Friesenhäuptlings. Hamburg rüstete eine starke Flotte aus, die unter der Anführung der beiden oben genannten Ratsherren stand. Mit ihnen vereinigten sich die Lübecker an der Elbe bei Stade. Am 22. April segelte eine stattliche Flottenmacht nach dem Gebiet der Ems, um hier den Kampf gegen die Piraten zu führen.
Der Kampf entwickelte sich sehr bald. Bord an Bord lagen die Schiffe der Hansen mit denen der Räuber, und über die Enterbrücken hinweg tobten todesmutige Streiter, um im Nahkampf mit kurzen Beilen, Streitbolzen, Enterhaken, den Hauptwaffen der damaligen Zeit, den Sieg auf ihre Seite zu bringen. Voller Todesverachtung wehrten sich die Seeräuber, denn nur zu genau kannten sie ihr Schicksal, wenn sie in die Gefangenschaft gerieten. Lange wogte der Streit hin und her. Endlich konnten die Hansen den Sieg für sich in Anspruch nehmen. Achtzig Freibeuter fanden dabei den Tod. Ihre Leichen warf man ins Meer; sechsunddreißig fielen in die Gefangenschaft und der übrige Rest rettete sich durch Schwimmen ans Land. Von den Schiffen der Piraten fielen drei in die Hände der Sieger. Der heimgekehrten siegreichen Flotte wurde ein fröhlicher Empfang, eine dichtgedrängte Menschenmenge begrüßte die Heimkehrenden am Hafen. Im großen Zuge geleitete sie die beiden Ratsmänner, die die Flotte geführt hatten, zum Rathause. Den gefangenen Räubern bereitete der Büttel auf dem Grasbrook ein Ende. Wie eine alte Stadtrechnung berichtet, erhielt der Scharfrichter pro Kopf 8 Reichsmark, so daß sein Lohn 288 Reichsmark ausmachte. Zur Warnung wurden die Köpfe der Hingerichteten auf Pfähle gesteckt und am Ufer zur Schau gestellt. —
Um das Jahr 1401 herum, zu Beginn des Frühjahres, hielt sich Klaus Störtebeker mit seinem Hauptmann Wichmann wieder einmal mit zahlreichen Raubschiffen vor der Elbmündung auf, um die Hamburger Englandfahrer zu nehmen und sich bei ihnen reiche Beute zu holen. Sein Kampfgenosse Gödeke Michaels besetzte während jener Zeit den Sund, um die Schiffe der Hansen, die aus dem Gebiet der Ostsee kamen, mit Krieg zu überziehen. Sobald die ersten Nachrichten von dem Aufenthalte Störtebekers dem Hamburger Rate bekannt wurden, rüstete er zahlreiche Schiffe aus, um den Kampf mit dem verwegenen Seeräuber zu wagen. Alte Sagen und Berichte nennen den späteren Ratsherrn und Bürgermeister Simon von Utrecht den Haupthelden als Anführer im Kampfe der Hamburger Flotte gegen Störtebekers Schiffe. Nachdem die Hamburger ihre Schiffe bemannt und ausgerüstet hatten, segelten sie unter Anführung der Ratsherren hinaus. Sie trafen Klaus Störtebeker und seine Schar auf frischer Tat, denn kurz zuvor war ein Bierschiff den Seeräubern in die Hände gefallen, und an dem edlen Gerstensafte hatten sie sich gütlich getan. Als die kleine, aber starke Flotte der Hamburger in die Nähe kam, hielt Störtebeker sie für die erwarteten Englandfahrer, denn der Nebel hinderte einen scharfen Ausblick. Jedoch sehr bald wurde der Seeräuberhauptmann gewahr, daß es Hamburger Kriegsschiffe waren, die mit günstigem Winde auf ihn zusegelten. Das führende Schiff, ‚die bunte Kuh‘ rannte auf das von den Seeräubern erbeutete Bierschiff, so daß dieses manövrierunfähig wurde.
„De bunte Koh uut Flandern kam,