Am Bord des Schiffes erfuhren die beiden tapferen Seeleute von Merten Bardewig, daß die Dänen in der Tat mit drei Kriegsschiffen bei Anholt über die Flotte der Danziger hergefallen waren; der sich entspinnende Kampf war für Merten Bardewig nicht ruhmlos verlaufen, denn der eine Gegner wurde so arg zerschossen, daß er nur einem Wrack glich, und sicher wäre es den beiden anderen nicht besser ergangen, wenn nicht eine dänische Kettenkugel den großen Mast des ‚Pomuchel‘ zerstört hätte. Nun konnte die Lösung nur die sein: entweder die Flucht oder ein ruhmvoller Untergang.
Der tapfere Bardewig wählte die Flucht, um sein Schiff der Vaterstadt zu erhalten. Ruhig ließen die Dänen das Schiff entkommen und machten sich über die Kauffahrteiflotte her, denn um diese Beute war es ihnen zu tun. Vier Danziger Schiffe brachten die Dänen auf und schleppten sie als hochwillkommene Prise nach dem Hafen Anholt. Bardewig fuhr auf kürzestem Wege nach Holland, um den ‚Mariendrachen‘ zu suchen. Gemeinsam konnten die beiden Schiffe den Racheplan ausführen, der schon im Kopf des findigen Alten fertig war.
In emsiger Tätigkeit gaben die Schiffsleute beiden Kriegsschiffen ein anderes Aussehen. Sorgfältig wurden die Kanonenpforten versteckt, Segel und Bordwände verändert, daß die Schiffe in ihrem Äußern harmlosen Kauffahrern glichen. Nach drei Tagen schneller Fahrt erreichten sie die Enge Lässö und bemerkten dort eine feindliche dänische Barse. Die Hansen segelten ruhig weiter; als sie merkten, daß die Dänen sie erkannten, ergriffen sie scheinbar die Flucht, um so dem Feinde eine Falle zu legen. Der Plan gelang vortrefflich. Schnell kappte der Däne die Ankertaue und segelte hinter den vermeintlichen Danziger Kauffahrern einher. Der Plan der Danziger war, weit genug von der Küste entfernt den Kampf mit dem Dänen zu wagen. Damit die dänische Barse schneller herankam, mäßigten die Danziger ihre Fahrt durch Tonnen, die an langen Tauen ausgelegt wurden und als Schleppzug dem Schiff nachliefen. Hätten sie Segel beigesetzt, wäre ja der Plan zuschanden geworden.
Endlich kam der Däne in Schußweite. Ein Kanonenschuß brachte den beiden Schiffen die Aufforderung, beizudrehen; schnell kamen die Danziger diesem Befehle nach, nahmen die Segel fort und fuhren dabei auseinander, so daß zwischen ihnen eine Entfernung von mehreren hundert Schritt lag. In den Raum fuhr das Dänenschiff hinein. Der hochwillkommene Augenblick, den Überfall von Anholt zu rächen, war jetzt da. Auf den hansischen Schiffen öffneten sich die Kanonenpforten, das Kriegszeichen der Osterlinge, der Besen, ging hoch. Die Schiffsleute stürzten aus dem Innern der Schiffe hervor.
Und ehe der Feind Zeit zur Überlegung hatte, faßten ihn schon die Enterhaken der Danziger, und mit dem Schlachtruf „Hie gut Danzig allewege!“ stürmten die Hansen auf das Dänenschiff. Der Widerstand seiner Mannschaft wurde in kurzer Zeit niedergekämpft, die Gefangenen kamen auf die beiden deutschen Schiffe, wo man sie einsperrte. Vom feindlichen Kapitän ließ sich Merten Bardewig die verabredeten Erkennungszeichen und den Aufenthalt der beiden anderen Barsen bekannt geben. Durch ein geschicktes Verhör stellte der Danziger Schiffsführer fest, daß die Danziger Prisen bei Anholt lägen.
Hundertfünfzig deutsche Seeleute besetzten unter Führung von Paul Beneke das eroberte dänische Schiff. Ihm wurde die schwierige Aufgabe gestellt, die feindlichen Schiffe zu erobern und die Danziger Kauffahrer fortzuführen. Paul Beneke ging frisch ans Werk, das er ruhmvoll fertigbrachte. Sein Fahrzeug trennte sich von seinen Gefährten und traf am Abend vor Anholt ein. Die Dänen im Hafen ahnten nichts Böses: unangefochten konnte Benekes Schiff Anker werfen, da ja die Erkennungszeichen durchaus richtig gegeben wurden.
Mit Beginn der Nacht gab es bei den Hansen emsige Tätigkeit; die Boote ließ man geräuschlos zu Wasser, und ebenso leise bewegten sie sich auf das erste feindliche Schiff zu. Hier herrschte tiefe Ruhe. Die Wache schlief, und schnellfüßig kletterten die Hansen an den Strickleitern empor. Ehe noch die emporgeschreckte Wache einen Laut von sich gab, lag sie geknebelt und festgebunden da. In aller Eile fügten die Zimmerleute feste grobe Planken über die Luken und verrammelten die Kajütentüren. Mochten nun die Dänen auch toben, ihr Schreien blieb ungehört. Eine kleine Wache der Hansen führte die Aufsicht über die eroberte Barse. Die anderen eilten, um die zweite dänische Barse durch die gleiche List in Besitz zu bekommen. Ganz so leicht sollte es diesmal nicht gelingen. Der aufmerksame Schiffsposten gab Warnungszeichen, aber sie halfen nicht viel. Ehe noch die schlaftrunkenen Dänen tüchtigen Widerstand leisteten, waren die Danziger schon oben und räumten unter den Feinden mit der blanken Waffe auf. Jegliches Schießen hatte Beneke seinen Leuten verboten, um durch das Feuer die Uferbewohner nicht aufzuschrecken. Der Rest der Dänen, der im Kampf nicht fiel, verbarg sich im Innern des Schiffes und kam, wie seine Genossen, in eine unfreiwillige Haft. Auch das dritte Stück der Arbeit sollte den Danzigern gut gelingen. Die am Lande aufgestellte feindliche Geschützreihe kam sehr leicht in den Besitz der Hansen, da auch hier die Wächter sorglos schliefen und sich auf die Kriegsschiffe verlassen hatten, die die Einfahrt zum Hafen schützten. Einige Hammerschläge und einige kräftige Nägel genügten: das Werk war vollbracht. Jetzt eilten die Boote der Hansen in den Hafen hinein und schafften die Danziger Kauffahrer schnell heraus. Alles verlief so gut, daß noch sechs dänische Kauffahrer mit hinausgenommen wurden, ohne daß deren Besatzungen nur das geringste davon merkten.
Als der Morgen graute, erstaunten die Dänen nicht wenig, die Handelsschiffe draußen vor dem Hafen liegen zu sehen. Zornig ruderte der Hafenmeister hinaus, um nach den Ursachen zu forschen; nur zu bald gaben ihm die ihn umringenden Hansen die nötige Antwort, er war ihr Gefangener. Beneke entließ ihn mit dem Auftrage, dem Bürgermeister mitzuteilen, die gefangenen Hansen freizugeben, dazu binnen drei Stunden über 100000 Mark als Entschädigung zu zahlen. Unterblieb bis zum Ablauf dieser Frist die Zahlung, so würde die Stadt in Grund und Boden geschossen.