Die Seeschlacht bei Gotland — eine letzte Ruhmestat.

Auch der Hansebund, der durch Jahrhunderte meergebietend dastand, hatte seine Schicksalsstunde. Als sich nach und nach die einzelnen Städte loslösten und eigene Wege verfolgten, konnte es nicht fehlen, daß die Feinde des Hansebundes die günstige Gelegenheit benutzten, um die einst so mächtigen Interessen des Bundes mehr und mehr zu zerstückeln. Mit dem Ansehen der Hanse ging es schnell abwärts. Der Boden, auf dem der Bund groß geworden war, geriet ins Wanken, weil es den Mitgliedern an Einigkeit wie Selbstvertrauen und an der notwendigen politischen Einsicht mangelte.

Trotzdem hat es auch in den Zeiten des Niederganges nicht an Ruhmestaten gefehlt. Eine solche Begebenheit aus den Kriegsjahren 1563 bis 1570 soll hier erzählt werden. Im Jahre 1563 kündete Lübeck dem König Erich von Schweden den Krieg an, doch der wies die Abgesandten höhnend an den Rat von Stockholm mit den Worten: „Könige müssen Königen, Bürger und Bauern ihresgleichen den Absagebrief senden!“ Mit Lübeck verband sich in diesem Kampfe König Friedrich II. von Dänemark, der durch das Anwachsen der schwedischen Macht sich bedroht sah und sich deshalb mit seinem alten Widersacher Lübeck zur Verfechtung gemeinsamer Interessen verband. Die Fehde begann. Beide Partien kämpften mit wechselndem Erfolge. Bald triumphierten die Verbündeten, bald sahen sich die Schweden wieder obenauf. Am meisten lag jedoch der größere Vorteil bei den verbündeten Dänen und Lübeckern, da deren Schiffe beweglicher waren und seegewohnte und schlagfertige Mannschaften besaßen. Wie schon früher ausgeführt wurde, boten die Kriegsschiffe der damaligen Zeit einen eigentümlichen Anblick durch die kastellartigen, hohen Aufbauten auf dem Vorder- und Hinterteil des Schiffes, die mit Kanonen besetzt waren. Um solche großen Lasten tragen zu können, mußte der Schiffsrumpf überaus breit und massig sein, damit das Gleichgewicht auf der Fahrt nicht verloren ging. Selbstverständlich segelten solche Kriegsschiffe schwerfälliger und gehorchten dem Ruder nicht so leicht, sie waren mehr auf den Nahkampf eingerichtet und mit zahlreichen Seeleuten, den ‚Schiffskindern‘ besetzt, die in den engen Räumen unter Deck kein rosiges Dasein fristeten. Die scharfen Nocken[19] an den Rahen dienten dazu, bei der Vorüberfahrt am Gegner dessen Tauwerk zu zerschleißen und die Segel zu zerreißen, auch hielten sie beim Entern das feindliche Schiff mit fest.

Im Rathause zu Lübeck hängt in einem der schmucken Nebensäle ein Kolossalgemälde von Professor Hans Bohrdt, das eine der wichtigsten Episoden dieses Feldzuges verherrlicht. Es ist die Seeschlacht bei Gotland, die im zweiten Jahre des nordischen siebenjährigen Seekrieges, nachdem die Verbündeten sich bis dahin noch keines Vorteils rühmen konnten, den ersten größeren Erfolg brachte.

Am 31. Mai 1564 trafen sich die gegnerischen Kriegsfahrzeuge bei der Insel Gotland. Es war ein leuchtender Frühjahrstag; vom Winde bewegt, kräuselten sich leicht die Wellen. Langsam segelten die feindlichen Geschwader aufeinander los, und lange Zeit währte es, ehe sie zum Angriffe übergingen, denn beide Flotten kreuzten unter seegewohnten Führern. Jeder von ihnen suchte dem Gegner den Wind abzugewinnen, um sich mit dessen Hilfe rascher auf die feindlichen Schiffe stürzen zu können. Für die damalige Zeit galt dies Beginnen als ein besonderes Stück der Kriegsführung. Hatte eine der Parteien ihr Ziel erreicht, so durchfuhr sie die feindliche Linie und jagte dem Gegner durch ihre Breitseiten möglichst viel Kugeln in den Bug oder ins Heck hinein; so konnten die Geschosse auf ihrem verderbenbringenden Wege das Schiff der Länge nach durchschlagen und viele Gegner kampfunfähig machen. Waren die feindlichen Schiffe genügend zerschossen und durch die Schäden in den Bewegungen gehemmt, so segelte die angreifende Flotte noch dichter heran und enterte die Schiffe, um im Nahkampfe sich völlig in den Besitz der feindlichen Fahrzeuge zu setzen. Auch bei Gotland lauerten die Gegner lange Zeit einander auf, und es wäre nicht zum Gefecht gekommen, wenn nicht der Wind urplötzlich sich gedreht hätte und abgeflaut wäre. Den Verbündeten war der Augenblick günstig, und zuversichtlich nahmen sie unter den schwedischen Schiffen das riesige Fahrzeug, ‚Makeloes‘[20] genannt, das unter der Führung des Admirals Bagge stand, aufs Korn. Es verteidigten siebenhundert Soldaten mit hundertvierzig Kanonen — für die damalige Zeit eine riesige Zahl — das Schiff. An diesen Riesen fuhren die beiden größten Lübecker Koggen unter Admiral Knevel und Schiffsmeister Henning Krage heran. Der Lübecker ‚Engel‘ hielt sich anfangs zurück, um nicht von den Breitseiten des Schweden getroffen zu werden. Krage jedoch fuhr mit seinem Schiff unter den Bug des schwedischen Riesenfahrzeuges, das seinen Gegner samt den Kastellen bedeutend überragte. Mutig schleuderten die Lübecker Geschützführer Geschoß auf Geschoß in den Rumpf des Schweden. Anfangs wehrten sich diese mit ihren Bugkanonen; sie verstummten jedoch bald, ebenso ließen auch die Breitseiten im Feuern ständig nach. Im Innern des Schwedenschiffes sah es greulich aus, die meisten Kanonen waren zerstört, die Hälfte der Besatzung lag verwundet unter Deck, und dabei krachte es noch fortwährend, und noch immer sausten die Geschosse der Lübecker Schiffe durch das Deck.

Jetzt kam für Admiral Knevel die Zeit des Angriffs, seine Geschütze feuerten mehrere Breitseiten dem Schweden in die Rippen. Antwort vom Gegner erhielten sie nicht mehr; entweder lag die Besatzung vollständig verwundet am Boden, oder an Bord des feindlichen Admiralschiffes herrschte große Verwirrung. Der Augenblick zum Entern war günstig. Die Lübecker Schiffsführer lenkten ihre Schiffe dicht an den ‚Makeloes‘ heran, packten ihn von beiden Seiten mit Enterhaken, und mit dem Rufe „Hie gut Lübeck und die Hanse allewege!“ stürzten sich von beiden Schiffen die Mannschaften an Bord des Schweden. Wie ein entfesselter Strom brauste es über den ‚Makeloes‘ dahin. Durch die Batteriepforten an Stricken und Leitern, durch die Luken und über die hohen Bordwände kamen die Lübecker. Der letzte, entscheidende und blutigste Teil des Kampfes begann; wer sich wehrte, wurde niedergemacht, Schonung gab’s nicht. Einer aus der Schar der Enterer kletterte in die Masten und holte die schwedische Flagge herunter, an ihrer Stelle ging die lübeckische Flagge hoch, und hierüber herrschte ein Jubel ohnegleichen. Nun mußte sich der Rest der schwedischen Mannschaft ergeben.

Schnell begannen die Sieger die Spuren des Kampfes zu verwischen. Mitten in diesem Beginnen ertönte der Schreckensruf „Feuer im Schiff!“ Die Lübecker Geschosse hatten gezündet, und in der Hitze des Nahkampfes nahm dieses an Umfang zu; niemand achtete darauf, und jetzt, da der Ruf erscholl, war es zur Rettung schon zu spät.

Zu mächtig loderten die Flammen aus dem Schiff, und ebenso schnell, wie sie aufenterten, mußten die stolzen Sieger sich in Sicherheit bringen. Kaum noch gelang es den Lübeckern, die Beute und die Gefangenen vom feindlichen Schiff abzubringen, als ein gewaltiger Donnerschlag die Luft erschütterte: das stolze schwedische Admiralschiff war nicht mehr. Wrackstücke schwammen auf den Wellen und gaben Kunde, daß das Fahrzeug in die Luft geflogen war. Der Rest der schwedischen Schiffe entfloh mit dem auffrischenden Winde, um nicht das Schicksal des Untergangs zu teilen. Den Admiral Bagge und andere vornehme schwedische Herren, sowie die eroberten Flaggen brachten die Sieger nach Lübeck als Erinnerungszeichen an die Seeschlacht bei Gotland.