Kampf brandenburgischer und spanischer Schiffe bei St. Vincent.
Von Professor Hans Petersen.

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

Nachdem der Norddeutsche Bund begründet war, ging die preußische Flotte an diesen über. Am 1. Oktober 1867 wurde auf den Schiffen die preußische Flagge niedergeholt und durch die schwarz-weiß-rote Flagge ersetzt. Der neue Reichstag zeigte ein größeres Verständnis für die Flotte und stimmte damit auch einem Projekte zu, das 30 Millionen Mark erforderte. Sechzehn Panzerschiffe, zweiundzwanzig Kanonenboote, dreißig Korvetten für das Ausland und eine Anzahl kleinerer Schiffe sollte die Flotte umfassen. Beim Ausbruch des Krieges mit Frankreich zählte sie fünf Panzerschiffe, neun Korvetten, zweiundzwanzig Kanonenboote und einige kleinere Schiffe. Im Kriege selbst konnten nur drei Schlachtschiffe verwendet werden. Die kleineren deutschen Fahrzeuge legten dennoch gegenüber dem übermächtigen französischen Gegner große Unerschrockenheit an den Tag. In bedeutende Entscheidungen aber brauchte die Flotte nicht einzugreifen.

Deutschlands beispiellose Entwicklung setzte ein. Wirtschaftlich dehnte und reckte sich das Land. Mit den Erfolgen der deutschen Industrie wuchs auch die Notwendigkeit des Ausbaues der deutschen Flotte. Die schwarz-weiß-rote Handelsflagge zeigte sich allüberall und mehr und mehr in den Welthäfen. Die Tätigkeit des Kaufmanns, die Rührigkeit der Industriellen bedingte, daß nicht nur ein starkes Heer, sondern auch eine ausreichende Flotte zur Wacht und zum Schutze der deutschen überseeischen Handelsinteressen bereit sei.

Die Lehre des Krieges von 1870 blieb nicht ungenutzt: man begriff, trotz der enormen Erfolge des Landheeres, welchen Einfluß die unbehinderte Freiheit des französischen Seeverkehrs auf die Entwicklung der Ereignisse ausgeübt hatte.

Als für den Prinzen Adalbert die Zeit der Erfüllung seiner langersehnten Wünsche nahte, da setzte am 6. Juni 1873 ein Lungenschlag seinem für die Marine so tätigen Leben ein plötzliches Ende. General von Stosch wurde zum Chef der Admiralität ernannt. Er stand bis zum 20. März 1884 an der Spitze der Marineverwaltung. Mit aufrichtiger Bewunderung haben seine Untergebenen zu ihm aufgeschaut, denn er war eine in sich gefestigte Persönlichkeit, die mit eisernem Fleiß und unbeugsamen Willen für die Entwicklung der Marine sich betätigte. Sein Name ist verknüpft mit dem ersten auch wirklich durchgeführten Flottengründungsplan vom 21. April 1873 und mit der am 1. Juli 1883 erschienenen Denkschrift über die Durchführung dieses Planes. Der erste systematische Ausbau der deutschen Flotte begann: sie sollte dem Schutze des Handels, der Verteidigung der Küste und der Entwicklung des Offensivvermögens dienen. In der späteren Behandlung legte General von Stosch den Schwerpunkt mehr auf die Küstenverteidigung, weil das angriffsweise Vorgehen sich auf kleinere Seemächte beschränke, die Entscheidung im Kriege immer beim Landheere liege, und eine gewonnene Seeschlacht höchstens den Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen bilde. Diesen Voraussetzungen entsprach der Schiffbau der Periode Stosch.

Neben den Schiffen umfaßte der Plan die personelle Entwicklung, den Ausbau der Werften, Häfen und sonstigen Landanlagen.

Bei der kurzen Erörterung dieses Flottenplanes im Reichstag faßte dieser aus seiner Mitte eine Entschließung, daß die vorhandene Voraussicht des Baues einer größeren Anzahl von Kriegsschiffen die deutsche Schiffbauindustrie stärke, um Deutschlands Wehrmacht zur See vom Ausland unabhängig zu machen. Der Reichstag wünschte diese ‚eigentlich selbstverständliche‘ Entschließung, damit die deutschen Werften sich auf ihre Aufgabe vorbereiteten. Stosch erblickte in seinem Plan nur die allgemeinen Richtungslinien für seine Tätigkeit an der Spitze der Marineverwaltung. Von der Festlegung der technischen Einzelheiten sah er ausdrücklich ab.

Mit dem Schiffbau ging die Entwicklung der Werften Hand in Hand. Die kleineren Werke in Stralsund und Geestemünde wurden aufgegeben, der Ausbau von Wilhelmshaven kräftig gefördert, und schon unter Stosch wurde mit dem Bau einer zweiten Einfahrt daselbst der Anfang gemacht. Die Werft in Kiel wurde erweitert. Kasernen und Lazarette, Depots, sowie andere Bauten verschiedener Art schlossen sich an. Die Ausbildung der Offiziere wurde verbessert, den Mannschaften durch die Vierjährig-Freiwilligen aus der Landbevölkerung ein neuer Ersatz zugeführt, und für einen guten Unteroffizierersatz durch Förderung des Schiffsjungeninstituts vorgesorgt. Noch einem anderen wichtigen Institut, der deutschen Seewarte in Hamburg, an deren Spitze der Chef der Admiralität in der Person Neumayers einen überaus verdienten Gelehrten stellte, hat Stosch während seiner ganzen Amtsführung eine weitgehende Förderung zuteil werden lassen. Als Stosch nach zehn Jahren aus seinem Amte schied, konnte er mit Befriedigung auf die getane Arbeit zurückblicken. Als Beweis dafür sei eine Stelle aus dem Hamburgischen Exporthandbuch hier wiedergegeben: „Als die deutsche Reichsflagge stolz an der Gaffel deutscher Kriegsschiffe wehte, die junge Reichsflotte mehr und mehr sich vergrößerte, da schlug man im Auslande den Deutschen gegenüber einen anderen Ton an, man hatte Respekt vor Deutschland bekommen.“ Die Marine war bereit für die militärischen Anforderungen, die im Kriegsfall nach den damaligen Voraussetzungen an sie herangetreten wären. Auch dem Verlangen des Reichstages war die Marineverwaltung gefolgt, denn abgesehen von dem Aviso ‚Zieten‘ waren alle Schiffe auf deutschen Werften gebaut worden. Auch das Panzerplattenmaterial bezog man von deutschen Werken, die Geschütze lieferte Krupp. Im Jahre 1883 kam zur geringen Freude des Seeoffizierkorps wieder ein General von der Armee, der General von Caprivi, der spätere Reichskanzler, als Nachfolger von Stosch an die Spitze der Marine. Bei Stoschs Eintritt konnte noch kein Seeoffizier auf den hohen Posten Anspruch machen; als Caprivi kam, durfte dieser Grundsatz nicht mehr gelten. Während der Amtsführung Caprivis wurde besonders der Bau der Torpedoboote bevorzugt. In die Ziele des Kriegsschiffsbaues kam dadurch eine tiefgreifende Unsicherheit hinein; selbst England sah damals für einige Zeit davon ab, große Schlachtschiffe auf Stapel zu legen.

Der Bau der Torpedoboote wurde kräftig gefördert. Nur einige Musterboote kamen aus England. Der deutsche Schiffbau bemächtigte sich bald dieser Spezialität, und seine guten Leistungen erwirkten, daß die fremden Marinen zahlreiche Bestellungen der Werft von Schichau in Elbing beziehungsweise dem Stettiner ‚Vulkan‘ zukommen ließen. Die Herstellung der Torpedos nahm Caprivi in eigene Verwaltung. Die Torpedowerkstatt in Friedrichsort, deren Entwicklung in dieser Zeit geschah, gelangte bald dahin, Torpedos in allen ihren Teilen zu erbauen und technisch immer weiter zu vervollkommnen, ohne dabei in irgendeiner Weise von der Privatindustrie abhängig zu sein. Die Küstenverteidigung durch Minen und Festungen wurde nicht vergessen. Das Kriegsministerium übergab die Befestigungen an der Elbe- und Wesermündung der Marine, die nun von der Mitwirkung der Armeebehörden nicht mehr abhängig war.