Linienschiffe wurden in der Zeit Caprivis nicht gebaut. An dem planmäßigen Ersatzbau von Kreuzern und Kanonenbooten wurde nichts geändert. Auch in anderer Richtung nahm die Marine unter Caprivi eine gute Entwicklung. Durch die Schaffung der Reservedivisionen wurde dafür gesorgt, daß auf einem ständig im Dienst gehaltenen Panzerschiff ein Stamm von Offizieren und Unteroffizieren derart in der Handhabung dieser schwierigen Kriegsmaschinen in Übung blieb, daß selbst auf unvorhergesehenen Befehl die Panzerdivision unbedenklich in See gehen konnte. Seemannschaft und kühne Entschlußfähigkeit lernten Offiziere und Mannschaften auf den Torpedobooten.

Admiral Friedrich von Hollmann.

Als Kaiser Wilhelm II., der schon als jugendlicher Prinz tiefes Verständnis und warmherziges Interesse der Marine entgegenbrachte, den Thron bestieg, war Caprivis Amtsführung zu Ende. Der neue, dem Seeoffizierkorps entnommene Chef der Admiralität holte eine lang versäumte Maßnahme, den Bau von Linienschiffen, nach.

Man macht oft Caprivi zum Vorwurf, daß er fünf Jahre lang keine Panzerschiffe baute. Ihren militärischen Wert schätzte er, wie die aus seiner Zeit herrührenden Denkschriften beweisen, vollkommen richtig ein. Dieser Vorwurf ist daher unbegründet. Die Flottenlisten der fremden Nationen England und Frankreich weisen in der Zeitperiode des Auftretens der Torpedowaffe fast gar keine Linienschiffbauten auf. Die anderen unter den heutigen Seemächten kamen für jene Zeit überhaupt noch nicht in Betracht. Der Bau der neuen Linienschiffe wurde energisch gefördert. Im Jahre 1893 und 1894 traten sie in das aktive Geschwader ein.

Eine andere bedeutungsvolle Maßnahme hob die geschaffene einheitliche Admiralität auf. Neben ein rein militärisch gegliedertes Oberkommando kam das Reichsmarineamt, dessen Chef als Vertreter des Reichskanzlers den Etat der Marine vor dem Reichstag und die Verwaltungsangelegenheiten als Chef der Verwaltung den militärischen Marinebehörden gegenüber vertreten mußte. Im Jahre 1890 kam an die Spitze dieser Behörde der Admiral Hollmann.

Der erste Gegenstand, der in seiner Amtstätigkeit in der Öffentlichkeit viel erörtert wurde und die Flotte vorübergehend in den Hintergrund treten ließ, war die Erwerbung und militärische Befestigung der Insel Helgoland und die Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals.

Die bedeutsame Entwicklung unseres deutschen Vaterlandes nahm ihren Fortgang. Die starke Bevölkerungszunahme nötigte dazu, den Schwerpunkt deutschen Erwerbslebens von der Landwirtschaft in die Industrie zu verlegen. In immer erweitertem Maße steigerte sich die Einfuhr überseeischer Rohstoffe, die eine ungeahnte Ausdehnung unseres Seehandels bedingten. Wir wurden Mitbewerber, wo man uns bisher kaum beachtet hatte. Allgemeine Zustimmung fanden die Kaiserworte: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser,“ und „Bitter not ist uns eine starke Flotte!“

Eine schwere Aufgabe, im deutschen Volke breiten Schichten diese Wahrheiten begreiflich zu machen! Wir waren berechtigt, auf dem Weltmarkt mit gleichen Ansprüchen wie die übrigen Völker aufzutreten, wir mußten mit ihnen Weltpolitik treiben.

Die Aufgabe wurde gelöst; heute erkennt das deutsche Volk, daß eine starke Flotte ihm Freiheit und eine ungehinderte Entfaltung im Welthandel gewährleistet. Seit 1897 ist Staatssekretär Tirpitz der umsichtige Leiter des Marineamtes. Seine Maßnahmen, einen einheitlichen militärischen Organisationsplan über Ausbau und Indiensthaltung zu schaffen, welche trotz Änderungen, die durch den Wandel der Zeit bedingt sind, ein festes Grundgepräge aufweisen, fanden die Zustimmung der gesetzgebenden Faktoren.