Das klassische Beispiel dieses Kunstschaffens ist das schon erwähnte ABC-Bilderbuch (s. umstehend). Eine ganze Anzahl Thomascher Bilder und Studien hat hier für die einzelnen Buchstaben des Alphabetes den einfachsten und charakteristischsten Ausdruck gefunden. Eine Fibel, ein erstes Lesebuch, ist daraus entstanden, ein ethisches und bildnerisches Erziehungsmittel ersten Ranges.
Die gleiche glückliche Hand hat Thoma in seinen „Malbüchern“[*] bewiesen.
1839 Prof. Hans Thoma 1909
Thoma hat darin Landschaftseinheiten mannigfaltiger Art zu ungewöhnlich vereinfachten Zeichnungen zusammengefaßt und diese Bildungen durch wenige, flächenhaft aufgesetzte Töne zu lebendiger Wirkung gebracht. Wie frische Aquarelle wirken diese ernsten Schwarzwaldmotive, diese heiteren Rheingegenden, diese lachenden Mainlandschaften und diese majestätischen Alpenseen. Eine prachtvolle Vorschule des Schauens und Bildens ist in diesen ungemein lebensvollen Landschaften für die Jugend gegeben. Schon die reizvollen Umschläge verraten den großen und wirkungsvoll gestaltenden Künstler, der die Hefte so reich und instruktiv ausgestattet hat. Form- und Raumbildung lassen sich hier ebenso gründlich studieren, wie der Stimmungsgehalt der Farben und des Lichtes zu seinem Rechte kommt.
Dem Geist der Zeit folgend, hat der Verlag die obengenannten Malbücher und einen Teil des ABC-Buches auch als Postkarten-Malbücher herausgegeben. Auf diese Weise werden die feinen und sinnigen Thomaschen Blätter in erweiterter Weise zweckdienlich und für Sender und Empfänger erfreulich.
Mit den „Kunstgaben“[**] der Berliner Freien Lehrervereinigung für Kunstpflege — die ebenfalls bei Jos. Scholz in Mainz verlegt werden — ist der Wirkungskreis Thomascher Kunst wesentlich ausgedehnt worden. Hier erklingt der Ruf nicht nur an die Jugend, sondern ins Volk in seinem breitesten Begriffe. Nicht hoch genug ist dieses kunsterzieherische Unternehmen für die ästhetische Bildung weitester Kreise zu bewerten.
Man denke: sechzehn ausgezeichnete Reproduktionen nach Gemälden, Lithographien, Radierungen und Federzeichnungen Thomas für eine Mark — eine Mark! —: das ist eine Mission zugunsten künstlerischer Gesunderhaltung und Erstarkung von unschätzbarem Wert. Diese Kunstgaben bilden ein kleines Thoma-Museum, das nicht bloß eine Ahnung, sondern einen vollen Einblick in das keusche und große Wesen Thomaschen Schaffens gewährt.
Landschaft und Figurenbild, Phantasie und Humor, Religiöses und Mythologisches, Idyllisches und Dramatisches ist hier geboten mit einer Einfachheit und Klarheit der Gestaltung, mit einer deutschen Kraft und Innigkeit des Empfindens, daß ein unerschöpflicher Schatz an deutschen Gemütskräften dem empfindenden Betrachter zuteil wird.
Jugend und Volk, die unter dem erziehlichen Einfluß solch gesunder Kunst stehen, bleiben gesund. Sie sammeln und nehmen mit dieser keuschen, stillen und ergreifenden Schönheit einen Halt ins Leben mit, der durch seine reine Sinnlichkeit sich als das beste Bollwerk gegen die vielfachen sinnlichen Überreizungen der Zeit erweist.