„Und die Stadt bedarf keiner Sonne, noch des Mondes, dass sie ihr scheinen, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm.

„Und die Heiden, die da selig werden, wandeln in demselben Licht; und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in dieselbige bringen.

„Und ihre Thore werden nicht verschlossen des Tages, denn da wird keine Nacht sein.“

... Und es war ein Jüngling in einer Stadt desselbigen Landes, der hatte die Schönheit gesucht sein Leben lang. Denn er dachte richtig, dass, wer die Wahrheit findet, der Schönheit nahe [pg 291]ist und es keine andre Wahrheit giebt denn in der Vollkommenheit der Schönheit. Erst hatte er sie gesucht in der Schönheit des Gedankens. Dann hatte er zu der Schönheit des Fleisches gebetet, denn der lebendige Leib ist mehr denn der Schatten und die Form höher denn das Wort; aber das Alter und die Unvollkommenheit nehmen alle Schönheit hinweg.

Dieser kam zu Ihm, da Er auf einem sehr hohen Berge war. Die ganze Nacht war er den Berg hinaufgeklettert. Die Dornen hatten seine Hände zerrissen, dass sie bluteten. Er war gestolpert im Finstern. Die Steine hatten seine Kniee zerschlagen, dass sie matt und wund geworden waren unter ihm. Oft war er irre gegangen. Lichter hatten ihn genarrt im Finstern. Im Nebel tastete er sich vorwärts mit Händen und Füssen. Seine Augen waren wie blind, dass er die Hand nicht sah vor seinen Augen.

Er sah nicht das Gesicht dessen, der vor ihm stand. Aber er fiel vor ihm nieder und hob die Hände hoch. Flehte ihn an und bat: „Lass mich sehen die grosse Schönheit Deines Antlitzes und sterben.“

Er sprach: „Ich will sie Dir zeigen. Aber [pg 292]hüte Dich wohl, dass der Schrecken Dich nicht niederstürzt vom Felsen. Denn meine Schönheit ist schrecklich wie der Adler.“

Und er sah ein Unendliches, Furchtbares. Das fuhr dahin über seinem Haupte. Kreisende Sterne sassen in Seinen Lenden. Wolken bildeten den Saum Seines Kleides. Seine Stimme glich dem Donner und das Zucken Seiner Brauen war der Blitz. Zugleich geschah ein Windesbrausen wie von tausend Winden.

Er fiel auf den Boden wie betäubt und der Blitz fuhr über ihn hin.

Danach hörte er Schalmeien. Die kamen sehr lieblich und klingend aus goldner Ferne. Er sah einen Jüngling ganz nackt in der jungen Herrlichkeit seiner prangenden Glieder. Der Bogen hing über seiner Schulter und die Leyer lehnte zu seinen Füssen. Die Gesänge seiner Leyer waren lockender wie Goldklingen. Wo er hintrat, blühten Veilchen. Die wilden Thiere des Waldes kamen angezogen von dem Wunder seiner Laute. – Aber das Antlitz des Jünglings blieb marmorn.