Danach sprach eine andre Stimme: „Kennst Du mich?“ Er sah einen Mann am Kreuze hängen. Sein Antlitz hing auf seine Brust und [pg 293]seine Arme blieben ausgestreckt; denn die Schwere seines Körpers war zu gross für seine Arme. Dornen krönten seine Stirn. Das Blut troff von den Dornenmalen. Es floss aus seiner geöffneten Seite. Die Nägel gingen durch sein Fleisch und die Stricke schnitten tiefe Wundenstriemen. Aber der Mund blieb weit gezerrt. Der Mund schrie in seiner Qual und rief: „Mich dürstet ...“
Seine Thränen tropften sehr schnell, er sprach: „Herr! Ich kenne Dich. Du bist schön und der Edelste unter den Geschaffnen. Aber ich habe eine Schönheit geträumt, grösser denn Deine. Und ich bitte Dich, dass Du mir zeigest Deine letzte Schönheit.“
Aber der Mann am Kreuz schien zu lächeln. Seine Wunden wurden Rosen und die Rosen fielen im rothen, duftenden Regen. Die Dornen um seine Stirn waren Strahlen, die aus seiner Stirn brachen wie Sonnengluth. Vom Gold dieser Strahlen wurde die Welt warm und tönend. – Aber die Schlange war der Strick, der ringelnd niedersank.
Und das Kreuz wurde der Baum, der Baum des Lebens aus dem Paradiese. Und Er streckte seine Hand aus und brach von ihm die Frucht der Erkenntniss, die roth war vom Blut des Lebens, [pg 294]in der Form des Apfels, der den Samen birgt. Und Er reichte sie ihm hin und sprach: „Iss!“
Da fiel der hin wie sinnlos.
Als man diesen aufhob, waren seine Augen blind. Er sah niemals wieder und seine Haare waren weiss geworden wie die eines sehr alten Mannes. Aber er hatte die Dinge geschaut, die unbeschreiblich sind, frohlockte in seinem Herzen und pries jeden Tag Gott, bis an seinen Tod, der bald kam. Denn er hatte in einer Stunde das ganze Leben gesehen und allen Kreislauf des Gewordnen. Und die Fibern und Hirne der Sterblichen sind schwach.
Das sechzehnte Kapitel.
Aber seine Feinde waren sehr thätig und machten böses Geschrei wider ihn.