Er hatte sich auf ihn gestürzt. Sie rangen miteinander, Leib gegen Leib. Der Mond stand am Himmel, kalt und bläulich. Dann sah man nur noch ihre beiden Gesichter, das des Fremden, das ruhig war, blass und ein wenig traurig, das des Mannes, der in grossen Tropfen schwitzte, dunkel blutrünstig mit roth durchschossenen Augäpfeln. Er athmete in schweren, keuchenden Stössen.
Plötzlich fielen seine Hände: „Mach’, was Du willst! Tödte mich auch! Tödte mich!“
„Geh voran! Ich folge Dir!“ sagte der Fremde.
Das zweite Kapitel.
Eine rothe Laterne hing über der Thür der Destille. Die Thür war schräg eingestellt nach der Strassenecke zu. Drei schlechte Eisenstufen führten hinauf. Sie hallten und dröhnten, wenn schwere, nägelbeschlagene Schuhe darauf traten. Nach der andern Seite leuchtete ein grosses Fenster. Eine breite, grüne Aufschrift zog sich quer darüber hin, auf der zu lesen stand, dass der Pfiff Bier fünf Pfennige kostete. Sonst Reklamen in grossen Lettern von Wein, Bier, Rum, Punsch, Zettel in lebhaften Farben so zusammengestellt, dass sie sich möglichst schnitten, das Auge herausforderten. Aber der Strassenstaub hatte sie ausgebleicht, Alles war von derselben schmutziggrauen Schleimschicht überzogen. Die Fenster hingen schief in ihren Rahmen. Gegen das Haus lagen schwarze, [pg 28]faulende Holzplanken aufgeschichtet von irgend einem Neubau, der nie fertig wurde. Die Fenster nach der Strasse zu waren durch schwere Rollbretter geschützt. In den oberen Stockwerken hatte man die Jalousien heruntergelassen. Nur die Laterne blinkte wie ein trübes, rothes Auge durch die Nacht.
Es war Weihnachtsnacht. Man war lustig. Die Frau des Destillateurs hatte Fische in süsser Sauce gemacht, von denen man für fünfzig Pfennige ein Gericht bekam. Dazu gab es Punsch. Auch ein Weihnachtsbaum war geschmückt, auf den sie stolz waren. Mit Papierblumen und ein paar dicken Stearinlichtern prangte er. Im Nebenraum zwischen alten Lumpen schliefen die beiden kleinen Mädchen, die Kinder des Ehepaars. Sie hielten die Holzpuppen, die ihnen bescheert worden waren. Man hatte ihnen auch Punsch gegeben. Sie schliefen ganz fest mit feuerroten Backen, im Luftzug ihres Athems leise zitternden, langen Wimpern.
August Matzke war ein schwerer Mann, erst an die Vierzig, obgleich er älter aussah, ganz und gar ruinirt, vergiftet durch den Trunk. Er war schon zweimal wegen Delirium tremens im [pg 29]Krankenhaus gewesen. Alle hofften, dass das sein Ende bedeutete. Aber er kam zurück, graublass, verblödet, schrecklicher als vorher. Dieser Mann hatte mit Auszeichnung seine Dienstzeit absolvirt und war zum Sergeanten aufgerückt. Bei einer Schiessübung kam er durch Unvorsichtigkeit um ein Auge. Er erhielt die Verstümmelungszulage und nahm seinen Abschied. Die Frau war aus ganz gutem Hause, eine Süddeutsche von zierlichen Formen, freundlichem, einnehmendem Wesen. Sie hatten ein ganz hübsches kleines Kapital gehabt, als sie heiratheten, und fingen nach seiner Verabschiedung eine Gastwirthschaft an. Man sagte, dass die sehr zuvorkommenden Manieren seiner Frau gegen Fremde ihn zuerst an die Flasche getrieben hatten. Jetzt war er unheilbar; das Geld ihrer Liebhaber hielt die Wirthschaft flott. Sie liessen sich nicht scheiden, weil er ihr dann ihr Eingebrachtes auszahlen musste. Er schlug sie. Sie insultirte ihn. Dann kam wieder anfallweise die alte Verliebtheit; sie schliefen zusammen. Zwischen alledem, Schlägen, Zänken, Liebkosungen, wuchsen die Kinder auf, behend und geschmeidig wie kleine Katzen, beide der Mutter auffallend ähnlich, schon spürend, horchend, zwischentragend....
Kuhlemann wurde mit lärmender Freude begrüsst. Matzke hatte schon schwer gesoffen und sah schief. Es war da noch ein älterer Mann mit breitem, krummem Rücken, der stumm in sich hineintrank. Ein junger Tapezier mit aufgebürstetem Lieutenantsschnurrbart spielte den Forschen, zog die Andern auf und scharmuzirte mit Frau Matzke. Ein Dienstmädchen aus dem Hause, eine grobe, gewöhnliche Person, kam zuweilen, um sich auch einen Schnaps stossen zu lassen, die Neuigkeiten zu hören. Ein paar zerlesene Nummern des Vorwärts und des Lokalanzeigers lagen auf dem Tisch. Im Hintergrund stand ein Klavier. Matzke als alter Soldat war Patriot und kaisertreu, er hielt das socialdemokratische Blatt um seiner Kunden willen. Er selbst liebte patriotische Lieder und erging sich, wenn er voll war, sehr gern in hochtrabenden Erinnerungen an Gravelotte und Sedan, „unsern ollen Kaiser Willem“ und Prinz Friedrich Karl, auf deren Wohl er dann die ganze Gesellschaft anzustossen zwang. Heute war er noch nicht ganz so weit.