Sie erhob sich langsam. Das weisse Pferd kam ohne Ruf. Der Hund witterte in die Richtung mit angelegten Ohren, aufmerksam, zitternd.
„Gehe in Frieden,“ sagte der Fremde, „Du bist näher wie die Andern.“
Das sechste Kapitel.
Nun hatte die Frau des Landraths eine Idee.
Das Gerücht von ihm war nämlich sehr stark geworden in dieser Gegend, so dass viele Leute aus Neugier kamen, um ihn zu sehen. Viele logen und erzählten seltsame Geschichten von Wundern und Kranken, die geheilt worden waren. Und die Menschen liefen hin. Sie blieben da und folgten ihm etliche Tage und warteten auf ein Zeichen. Wenn nichts geschah, was ihre Hoffnungen erfüllte, gingen sie nach Hause, ihren Geschäften nach. Diese sagten stets, dass Alles gelogen war. Sie bewiesen sonnenklar, dass solche Wunder unmöglich und gegen die Natur seien, warteten doch darauf und würden sie bestritten haben, wenn sie geschehen wären. Die Zeitungen bemächtigten sich des Stoffes. Sie hofften ihre [pg 92]Leser zu amüsiren. Einmal tauchte er hier auf und einmal da. Es machte den Reportern Spass, gerade die abenteuerlichsten Geschichten zusammenzutragen, gefälschte Interviews und lange Extrakte aus Reden, die er niemals gehalten hatte. Auskunft war da ertheilt über Himmel und Hölle mit genauer Beschreibung der Lage und Gliederung der Letzteren, eines jeden Pfeilers, auf dem Gottes Thron stand. Einige brachten sogar ein ganzes Nationale, dass er der Sohn eines Zimmermanns Joseph Schäppli aus Bing an der Enz in Württemberg sei. Dieser Sohn hatte für einen Narren gegolten in seiner Jugend. Im Ort gab es viel zu erzählen von seinen sonderbaren Thaten und Reden. Dann war er verschwunden, als er etwa dreissig Jahr alt war. Etliche sagten, er wäre in der Enz ertrunken, Andre, dass er in die Wälder gegangen wäre und dort als ein Waldmensch und Einsiedler hauste. Sie behaupteten, dieser selbe Zimmermannssohn aus Bing sei es, der jetzt aufgetaucht wäre und predigte. Seine eignen Eltern sollten es beschworen haben. Ein besonders eifriger Neuigkeitenvertreiber hatte sogar seine Mutter aufgesucht und wusste, dass sie eine Haube trug und in ihrer Jugend Visionen gehabt hatte. Das [pg 93]war übrigens nichts Seltnes bei diesem schwäbischen Gebirgsvolk, arbeitsam und verständig, aber von schweifender Phantasie, mit einer beständigen Sehnsucht im Herzen, die die Berge wachhielten, oder auch der alte Schatz von Legenden, einstiger Herrlichkeit und Weltgrösse, die in diesen Stämmen lebendig geblieben waren trotz des neuen deutschen Reichs, Lutherthum und Schulbehörden. Wieder Andre hielten ihn für einen Wanderprediger aus den norwegischen Bergen. Es gab ihnen Gelegenheit, über mystische Schwärmer, Tolstoi und Ibsen zu reden, den Geist des Urchristenthums, der sich dort in einigen weltabgeschiedenen Gemeinden rein erhalten hatte. Diese verbreiteten, dass er der Sohn eines schottischen Lords oder vornehmen Grafen wäre. Es that ihnen wohl, das zu glauben.
Und gewaltig erschütterte Alle Fritz Kuhlemann’s Stimme, eines einfachen Arbeiters und verlorenen Gesellen, der in den grossen Städten auftrat und forderte Busse zu thun: Im Namen Jesu des Lebendigen, der Fleisch war und unter ihnen wandelte. „Denn die Zeit ist gekommen.“
Das Volk lief ihm zu. Etliche erwarteten Lohnerhöhungen, Gaben der Reichen. Andre rechneten [pg 94]auf die Revolution, wo er ihr Häuptling werden sollte. Denn seine Rede klang gewaltig. Es war in ihr der rothe Hass der Ungerechtigkeit und eine neue strahlende Liebe, weit wie die Sonne, die über Gerechte und Ungerechte scheint, aber wild auch und schöpferisch, wie die des Mannes zum Weibe. Es gab Viele, die sich betroffen fühlten unter den Vornehmen und Reichen, zu sich selbst sagten: Wir können nicht wohlleben und in Wagen fahren, wo unser Bruder hungert und nicht hat, da er sein Haupt hinlegen soll? – Denn so sprach er: „Nicht ausser Euch, sondern in Euch richtet auf das Reich Gottes! Denn das ist Gottes in Euch, dass Ihr Liebe gebet. Das Andre, Neid, Geiz, Hoffarth, ist des Thieres und des Teufels. Und Ihr seid Alle Gottes.“
Viele kamen auch zu ihm und sagten: Wir wollen sehen, ehe wir glauben. Er sagte ihnen: Seht die Werke an in seinem Namen gethan und thut wie Er. – Aber das gefiel diesen nicht.