Es gab Viele unter den reichen und vornehmen Leuten, die den Fremden auch gern gesehen hätten. Aber sie wollten sich nicht lächerlich machen. Auch fürchteten sie in der Oeffentlichkeit ihre Namen zu compromittiren.
Diese Landräthin, deren Mann zugleich Reichstagsabgeordneter war, hatte eine grosse Gesellschaft zu geben. Sie war eine kluge Dame aus reichsgräflichem Hause, die sich viel einbildete auf ihre Bildung, dass auf ihren Gesellschaften immer etwas Besonderes, Geistiges und Interessantes war. Da bei vielen ihrer Freundinnen und Nebenbuhlerinnen Theosophie in Mode war, dachte sie, es würde sehr interessant sein, den Fremden einzuladen, ihn ihren Gästen gleichsam als Curiosität und zur Unterhaltung vorzuführen.
Gleichzeitig that sie damit einem Mann einen Gefallen, der ihr selbst und ihrem Landrath sehr nützlich war, in einem Kreis, wo er vermöge seines Namens und Reichthums eine höchste und selbstverständliche Stellung einnahm, die sie als arme Beamte und Frischnobilitirte sich nur mühsam erobern konnten, mit allen Mitteln suchen mussten zu befestigen. Dieser Mann war der alte Prinz Schönheim-Wagram-Trauttenberg, Minister unter der liberalen Aera Friedrich Wilhelms des Vierten. Er hatte in seiner Jugend mit der Revolution und dem Dilettantismus coquettirt, dabei als Lebemann und Schöngeist sich ein Renommee erworben. Seine „Briefe eines Diplomaten“ erregten das grösste [pg 96]Aufsehen seiner Zeit. Er war der Erste gewesen, der mit der Tradition brach, dass Heuchelei und geheimnissvolle Zugeknöpftheit unentbehrliche Attribute der Staatsklugheit bildeten. Unter einem fast ruchlosen, scheinbar offenherzigsten Cynismus verbarg er füchsische Verschlagenheit, die Raubthierkralle eines Cäsar Borgia im Sammethandschuh. Man nannte ihn den Fürsten Talleyrand der Provinz. Seine Stellung dort war unerschütterlich selbst nach seiner officiellen Niederlage als Staatsmann, seitdem neue Systeme und Principien ihn und sein System hinweggefegt hatten. Die Landräthin gehörte zu seinen Protegees. Nicht, dass ihre spärlichen Reize den alten Viveur in Versuchung geführt hätten. Nach einem galanten Sabbath ohne Gleichen hatte das Küchenpersonal und noch tiefer hinab, bei ihm endgültig die Palme davongetragen. Er bezeugte diese Vorliebe sehr ungenirt. Aber er liebte es immer, seinen Finger mit in der Pastete zu haben, die Landräthin und ihr strebsamer Gatte erschienen ihm als gefügige Werkzeuge für seine kleinen Pläne, die er durchaus nicht aufgegeben hatte, nur versteckt hielt unter witzelnder Indifferenz. Das Renommee eines mystischen Einflusses erfreute ihn. Er fand es [pg 97]vornehmer, hinter den Coulissen zu operiren, als vorne auf der Bühne die grossen Schreie auszustossen: heutzutage weiss man von jeder Macht die Adresse. Jeder trägt seine Befugnisse und Eigenschaften wie aufgeklebte Etiketten mit sich herum: Büreau für Stellenbesetzung, Vermittlung von Börsengeschäften, Vademecum für Hoflieferanten. Früher ging das in’s Geheimnissvolle wie der liebe Gott. Und hielt die Bande in Schrecken. Man weiss zu gut, was wir nicht können. Darum will jetzt Jeder Alles besser wissen.
Das Neueste in dem sehr beweglichen Geiste und fieberhaften Lebensbezeugungsdrang des Prinzen war ein Werk über Buddhismus, den er für die Religion der Religionen hielt. Sie passte in den Cynismus des alten Diplomaten, diese Idee des Jenseits von Gut und Böse, der souveränen Verachtung aller Moralsysteme. Viele zweifelten an seiner Gelehrsamkeit, sie war etwas zusammengewürfelt nach der Mode des Ancien Régime. Er besass diese Eigenheit der Regierenden, dass er über Alles reden und geistreich reden konnte. Trotzdem wurde sein wirkliches Wissen bestritten. Er selbst vermied Gelehrte, sein eigentliches und Hauptpublikum blieben Damen. Nur der Doctor [pg 98]Rothe konnte es mit ihm aushalten. Dies war um so verwunderlicher, als der junge Mann thatsächlich ein sehr bedeutender Kopf war. Seine Examina hatten das Staunen seiner Lehrer erregt. Professoren und Mitschüler erwarteten von Anton Rothe etwas ganz Außerordentliches, den Aufgang eines neuen Sterns am Himmel der Gelehrtenwelt. Einen Stürmer und Dränger sahen die Andern in ihm, einen grossen Künstler. Er hatte alle ihre Erwartungen getäuscht, war mit sechsundzwanzig Jahren als Privatsecretair in die Dienste des Fürsten getreten, der ihn in einer Art Auerbach-Keller kennen gelernt hatte, und diesem seitdem auf allen seinen Reisen gefolgt. Legenden von geheimen, raffinirtesten Ausschweifungen, denen sich Herr und Diener auf solchen Weltreisen in afrikanischen Lasterhöhlen, den Schmutzpfühlen überseeischer Hafenstädte hingegeben hätten, konnten allein diese seltsame Anziehung zwischen dem beinah achtzigjährigen Weltmann und dem zweiunddreissigjährigen, prachtvollen, genialen Menschen erklären. Man hatte das ungleiche Paar Faust und Mephisto getauft, der äussere Eindruck entsprach der Vorstellung, neben dem ernsthaften, schönen jungen Mann, schwerer germanischer Typus, [pg 99]das sardonische, zahnlose Affengesicht des Alten, der es liebte, von seinen literarischen Speichelleckern als Voltaire bezeichnet zu werden.
Dies waren die Hauptpersönlichkeiten, denen die Gräfin den Fremden vorführen wollte. Sie hatte eigentlich eine Abneigung gegen den Doctor wegen seiner bürgerlichen Abkunft und sonstigen Anrüchigkeit. Aber die allgemeine Werthschätzung, deren er sich erfreute, seine sagenhafte Allmächtigkeit bei dem Fürsten zwang sie, freundlich gegen ihn zu sein. Ihre Sauersüsse bei solchen Gelegenheiten amüsirte dann den Alten: „Es ist wunderbar, wie diese Frau aus Ehrgeiz sich zu beherrschen weiss. Da sagt man, nur Männer hätten eine Hundenatur. Sie schlagen uns noch auf allen Punkten.“
Der Landrath, ihr Mann, that immer, was sie wollte: „Wenn Du meinst, Amélie.“ ... Sie schrieb also ein Billetchen an den Fremden des Inhalts, dass eine distinguirte Reunion im Schlosse von X., Datum und Stunde, von seinem Geist und Wirken gehört, den Wunsch hätte, ihn zu kennen und sich belehren zu lassen. – Höflichkeit bei solchen Gelegenheiten ist immer angebracht. Sie kostet nicht viel und leistet dasselbe wie baares [pg 100]Geld. Uebrigens lag der Gräfin wirklich an dieser Attraction für ihren Rout. Boshafte Leute waren hier wieder der Meinung, dass diese berühmten gräflichen „geistigen Attractions“ vieles Andre, weniger Attractive verbergen sollten, zum Beispiel eine entschiedene Dürftigkeit des Vorgesetzten, und den Umstand, dass der Champagner immer ausserordentlich spät, im letzten Augenblick servirt wurde.
Der Diener fand den Fremden unter einem Apfelbaum, wo er sich ruhte. Zwei schwarze Amseln liefen nach Würmern pickend neben ihm im Grase. Es schien, als ob diese Thiere ihn fragten und er ihnen antwortete. Der Mann schwor nachher auf die Hexerei.
„Ich werde kommen,“ sagte der Fremde.
Die Gräfin, die es nie verschmähte, auch ihre Kammerdiener auszufragen, merkte sich diesen kleinen interessanten Zug. Sie hatte eine sozusagen symbolistische Toilette gemacht: Weiss, sehr in’s Crême spielend, mit schwarzen Jetkettenschnüren viermal um den Hals.
Der Landrath war etwas sorgenvoll: seine Stellung und quasi officielle Sanction ... „Das verstehst Du nicht, mein Freund,“ sagte sie milde, aber fest. – „Man wird sich erdrücken.“