Man erdrückte sich.

Die Gräfin war allgegenwärtig. Es galt, ihren Gästen das Ausserordentliche ihres Schrittes klar zu machen, diese Einladung an den Fremden, mit der sie ihren geistreichen Freunden einen Gefallen thun wollte, und sich gleichzeitig möglichst gegen üble Folgen schützen, da man es ihr nach oben hin falsch auslegen konnte.

Gegen die Einen, die sie für freie Geister hielt, war sie frivol, für die Andern ernsthaft, priesterlich. Allerliebst reumüthig, bescheiden, entschuldigte sie sich gegen den Superintendenten, einigen alten Damen gegenüber. „Ich bin so eine moderne Ketzerin. Es ist doch auch, damit Sie selbst den Unsinn sehen ...“

„Interessant“ war ihr Wort. Dafür liess sie sich einen scherzhaften Fächerschlag auf den Arm von der alten Baronin Rehden gefallen. Die Superintendentin bat sie um ihr Recept für schwarzen Johannisbeergelee. Dabei vergass sie niemals dem Prinzen zuzulächeln: „Wie werden wir uns nachher über alle diese mokiren. Wir Beide verstehen uns, dass Alles nur eine Farce ist.“ ...

„Ist sie nun nicht bewundrungswürdig?“ fragte der Prinz seinen Adjutanten. „Diese Frau wäre [pg 102]bei August dem Starken die Orczelska, bei Ludwig dem Vierzehnten Maintenon, bei Alexander Krüdener gewesen. Für die Tochter der Herodias reicht’s leider nicht. Sie hätte auch da ihr Bestes gethan und man würde ihr wahrscheinlich das Haupt bewilligt haben, wenn auch aus andern Gründen.“

Der junge Mann antwortete nicht. Er betrachtete den Fremden, der allein an einem Ende des Saales stand.

Er stand ganz ruhig in seinem einfachen Anzug zwischen den plaudernden, lachenden, zischelnden Gruppen. Fortwährend drängten sich die Diener durch unter irgend einem Vorwand, um ihn anzustarren.

„Eigentlich eine tolle Idee der guten Gräfin,“ sagte die alte Baronin Steuben, sich Luft zufächelnd. Sie war eine wirkliche grosse Dame und verachtete die kleinen Trics und Kniffe der Andern.

Ein junges Mädchen erstaunte, dass er keinen Frack trüge. Der Prinz bemühte sich, der kleinen Frau eines Rittergutsbesitzers einzureden, dass es sehr möglich sein könnte, dieser wäre wirklich Christus. Die kleine Frau begriff nicht. Ihre Augen vergrösserten sich unmässig. Sie stand buchstäblich mit offenem Mund.

In einer Gruppe junger Damen und Offiziere hatte man beschlossen, den geheimnissvollen Gast direct zu attaquiren. Ein kleiner, kecker Dragoner war ausgesandt worden als Avantgarde. Man setzte ihm zu von allen Seiten. Und er that auch, als ob er etwas besonders Gefährliches unternähme, hegte noch Skrupel über die Anrede. „‚Meister‘ ist ja wohl das Officielle?“ ...