„Man muss das schwache Gefäss in Geduld tragen,“ sagte der Superintendent. „Wir haben ja auch aus der ersten christlichen Kirche schöne Beispiele: Tabbea, Phoebe, die der Apostel erwähnt. Echt evangelische Frauengestalten.“

„Darf man heirathen?“ fragte ein sehr junges Mädchen. „Es steht doch in der Bibel, nicht heirathen ist besser?“

„Dann würde aber die Welt aussterben?“

„Und das wäre sehr schade,“ sagte der Prinz ernsthaft. Der Superintendent witterte römische Ketzereien. Er wies auf das grosse Exempel Martin Luther’s und seinen gesegneten Ehestand. [pg 109]Die Superintendentin sass steif mit einer spitzen Nase. Sie dachte an den übriggebliebenen Gänsebraten für morgen, ob ihr die Mägde nicht drangingen. Der Prinz machte confiscirte Witze und trieb den Superintendenten in die Enge mit einigen fröhlichen Vierzeilern von Martin „Nonnenfreund“. Die Lieutenants secundirten, der alte Herr wehrte sich tapfer. Sein Gesicht wurde schweissroth vor Anstrengung: „Ein echter deutscher Mann! Ein Mann nach dem Herzen Gottes!“

„Ein Bismarck!“

Der Candidat schwärmte für Bismarck. Die Gesellschaft verhielt sich etwas ablehnend. Für die Offiziere war er eigentlich ein Rebell, ein unruhiger Kopf, der die Consigne brach. Die Gräfin brachte rasch das Thema auf etwas Anderes, um ihren Mann aus der Verlegenheit zu retten. Der Candidat war oft recht taktlos.

Einige Leute wollten Fragen stellen: Werde ich eine grosse Carriere machen? Siegt mein Gaul beim nächsten Rennen? Wann werde ich meine Schulden bezahlen? Die jungen Mädchen hätten gern gewusst, ob „er“ ihnen treu war? Wird der Bestimmte mich zum Cotillon engagiren? – Die Meisten hatten so eine Art Taschenspieler[pg 110]vorstellung, Tischrücken, Kartenlegen oder Aehnliches erwartet und waren enttäuscht.

Der Superintendent hatte den Fremden mit Beschlag belegt. Er hatte eine Broschüre über das Glaubensbekenntnis, Harnack und die Agende veröffentlicht und wollte jetzt dem Andern auf den Zahn fühlen über diese wichtigen Punkte. Sein Grundsatz war, dass Kirche und Staat zusammengehen müssten in den jetzigen socialen Wirren. Vernünftige Reform. Aber die feste Hand von oben. Und vor allem musste die Autorität gewahrt werden. Das Patriarchalische ist das einzig Wahre. Dabei hatte er einen Geschmack für weltliche schöne Literatur, citirte Classiker und bekannte sich zur Goethe’schen Schule.

Der Candidat war ein Heisssporn. Er war für ein sociales Kaiserthum, eine Art Theokratie unter von oben inspirirtem Oberhaupt mit unumschränkter Autorität. „Die Idee des Gottesgnadenthums muss wieder herrschend werden.“ Dieser Ausdruck gefiel ihm. Ihn zog das Katholische an. Er war für High-Church-Reforms. Allenfalls für einen deutschen Papst, grössere Prunkentfaltung. Er selbst mit einer edelsteinbedeckten Brust hohe Kirchenakte celebrirend – das hätte seiner Neigung entsprochen.

Wenn der Superintendent das Presbyterianische, die Selbstverwaltung der Gemeinden betonte, betrachtete er ihn fast als eine Art Hochverräther. Dieser im Gegentheil versprach sich nicht viel von den jungen Leuten. Er war mehr für die kleinen Lokalpäpstchen. Man lebte in Frieden und that sein Möglichstes. Die Frau Superintendent liess bei sich nähen und war im Vorstand aller Wohlthätigkeitsvereine. Alles das, diese kleinen Spiele und Gegenspiele, die er witterte, erheiterte den Prinzen. Er hatte die „Baalspfaffen“ speciell auf dem Korn und liebte es, an ihren Bäffchen sein Müthchen zu kühlen. Er erzählte die bekannte Anekdote von Friedrich dem Grossen: „Der Pfaff soll sein Maul halten, mein Reich ist nicht von dieser Welt,“ mit der die Kinder der Welt die Pfarrer anöden. Der Doctor secundirte ihm eifrig, ebenfalls einige von den Lieutenants. Alle waren für apostolische Einfachheit, den Stab und einen Rock: er hatte nicht, da er sein Haupt niederlegen sollte.