„Ich hatte einen famosen Pastor, bei dem ich im Quartier lag,“ versicherte ein Lieutenant. „Wirklich ein famoser Kerl!“
„Ach, und die schöne Kirchenmusik!“
„Und Weihnachten!“ sagte eine andre junge Dame. „Es ist so tief und bedeutungsvoll.“
„Ich fände es doch schrecklich zum Beispiel, sich nicht in der Kirche trauen zu lassen,“ sagte der Doctor.
„O, pfui!“ machten Alle. Sie wussten nicht recht, ob er es im Ernst meinte. Der Doctor war [pg 114]ein schrecklicher Mensch, sehr interessant. Sie waren Alle fest entschlossen, ihn nie zu heirathen, wenn er um Eine von ihnen anhielte; aber er hielt nie an.
Ein junges Mädchen war sehr traurig. Sie fühlte dunkel, dass dieser Mensch etwas Extraes war, klüger und stärker als die Andern. Warum lachte er höhnisch und sagte scharfe Worte, die weh thaten? – Ein alter Herr war da, der an Gesichtszucken litt, seine Hände sonderbar und krampfig bewegte. Sie sah, dass Einige dies beobachteten, darüber lachten. – Sie fühlte sich abgestossen, elend. Dieses junge Mädchen war sehr jung noch, ein halbes Kind fast. Niemand bekümmerte sich um sie.
Der Fürst unterhielt sich mit dem Fremden. Die Gräfin Thornhill fand ihn sehr interessant. Sie behauptete, sie sähe deutlich einen breiten, blauen Schein um seine Stirn. Sie nannte das das Fluidum. Das Fluidum, das von dem Fremden ausging, war erstaunlich. Die Gräfin Thornhill galt für eine Heilige. Es kamen sehr einflussreiche Leute zu ihren spiritistischen Reunions; so geschahen wirklich manchmal Wunder da.
Der Assessor von Brincken bestritt sehr ernst[pg 115]haft, dass er keineswegs nicht an Wunder glaubte. „Ich war früher wie Sie. Aber seit ich Frau Gräfin kenne ...“ Sie hatte ihn bekehrt. „Es giebt eben doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsre Schulweisheit sich träumen lässt.“ Der Assessor war sehr zugeknöpft über diese Dinge. Er war eben ein Eingeweihter. Den Doctor schnitt er: „Ein gefährlicher Charakter! Ich würde mich nicht wundern, den Burschen eines Tages auf den Barrikaden zu sehen.“ Auch der Fürst war ihm unsympathisch: „Er ist frivol, er schadet.“ Der Assessor war für’s Correcte, sein Vater war erst geadelt worden; da ist es der sicherste und geradeste Weg.
Der Doctor beobachtete seinen Patron und den Fremden. Er sah das breite Faungrinsen des Alten. Er kannte diese kühle Manier, mit der er die teuflischsten Dinge sagte, dies freche Augurenzwinkern des Eingeweihten, das dem Andern gleichsam die Replik über dem Kopf wegnahm: Wir Beide wollen uns doch nichts vormachen. Du denkst darin ebenso wie ich. Die Andern sind Dummköpfe. – Er hielt sich noch ganz gerade, zu gerade. Der weisse Schnurrbart stand steif aufgewichst. Die Backen waren roth [pg 116]geschminkt, die Augen glänzten, um die Brauen sorgfältig geschwärzt. Auf der schwarzseidigen Frackfläche bildete der grosse Stern mit dem Ordensband einen markanten Fleck. Seine Hand trug kostbare Ringe. Er war stolz auf diese lange, magre, aristokratische Hand, gebrauchte sie, um seine Bartspitzen zu liebkosen. Es war eine Lieblingsredensart von ihm: „Profile giebt’s wohl noch allenfalls, aber Hände! Hände! – Wir sind Alle Ouvriers geworden.“ Tadellos zog sich die Scheitelspur. Er war der König des Kreises; er dominirte.
Anton Rothe allein und sein vertrauter Kammerdiener wussten, was das Alles kostete, dies Gerüst, das noch immer zusammenhielt, zu neuen Blendungen, neuen Ausschweifungen. Er und nur er kannte die erstaunliche Lebens- und Genusskraft des Skeletts, die standhielt, in einer kalten Douche sich neu schmiedete, wenn er selbst, der Junge, erschöpft war, rasend, zum Selbstmord angeekelt.