Er dachte an eine junge Dame. Sie war arm gewesen und stolz. Ein herrliches Weib! Mit solcher geht man in unbebaute Colonien und hat Kinder und stirbt vor dem Feind für seinen Herd. [pg 117]Er hatte für ihn geboten auf sie. Der Kampf reizte ihn. Er bot höher und höher. Weil sie arm war und Hungers starb, hatte sie angenommen. Nur darum. Er wusste es. – Sie sagte nur ein Wort: Schurke! Er hatte gelächelt.

Warum fiel ihm das jetzt ein?

Ein Hass kam über ihn, ein glühender, fressender Mörderhass gegen dies miserable Kunststück der Hypercivilisation, diesen Fetzen von Haut und ausgedörrten Knochen, den er schütteln konnte, der ihn hielt wie eine Viper unter seinem kalten, grausamen Willen, seine Intelligenz zerbrach wie morschen Baumbast unter der polirten Stahlschneide seiner frechen Philosophie der Verneinung.

Plötzlich sah er den Alten blass werden. Seine Farbe wechselte sich in Leichenfarbe. Er war ein grinsender Todtenschädel. Unter dem weissen, gestärkten Vorhemd schien die Brust einzuschrumpfen. Es war hohl dahinter. Er lehnte sich gegen die Portiere.

Anton Rothe war im Nu an seiner Seite.

„Es ist nichts. Eine kleine Uebelkeit. Der verdammte Büchsenhummer ...“ Er war wieder ganz höflicher Weltmann, als die Gräfin, nun auch besorgt, herbeieilte. Gleichzeitig wurden die Klänge [pg 118]der Polonaise laut, die den Ball eröffnen sollte: „Wir werden noch manche Polonaise zusammen führen.“

Der kalte Schweiss stand auf seiner Stirn. Er zitterte, lächelte mit bläulichen, lallenden Lippen.

Anton Rothe hob ihn wie ein Kind in den Wagen. Er selbst sprang auf den Bock. Niemand achtete auf den Andern in einem allgemeinen Hin- und Hergelaufe, während drinnen zur Tanzmusik die geschmückten Paare sich ordneten. Es wetterleuchtete. Lichter leckten auf in bläulichen, breiten Zungen, duckten sich wieder, huschten auf einer andern Seite spielerisch entlang. – Sie fuhren die schwarzen Trakehner, das berühmteste Viergespann der Gegend, auf das königliche und kaiserliche Marställe fabelhafte Summen geboten hatten. Der Fürst liebte sein Leben, aber er hielt auf Rasse.

Die Gräfin stand am Schlage mit ihrem Gattenadjutanten. Der Greis, jetzt wohl eingehüllt in seine Zobelpelze, bückte sich noch hinaus: „O nichts, nichts, schöne Frau – meine kluge Freundin. Der Fremde – der Fremde ... Cocasse! Ein sonderbarer Kunde, Ihr Fremder ...“

Anton Rothe hob die Peitsche und zog die Pferde an. Sie waren unruhig und warfen die [pg 119]Köpfe, als ob sie das Gewitter röchen. Es lag Phosphorgeschmack in der Luft. Man öffnete das grosse Hofthor. Einen Moment stand der ganze Horizont in Flammen, ehe es sich wieder hinter ihnen schloss. Sie waren ganz schwarz wie auf Feuer gezeichnet, eine schwarze Kutsche mit schwarzen Pferden und einem kohlschwarzen Kutscher auf dem Bock. ...